Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-04-21 · Heft 11 (21.4.1896) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 11 (21.4.1896)
Date
1896-04-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453365-3453376--4531-3459002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 11 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7. Kleine Chronik. Wien. Gelegentlich seines Aufenthaltes in Jerusalem besuchte Se. Kais. Hoheit Erzherzog KarlLudwig mit seiner hohen Gemahlin Erzherzogin Maria Theresia die Synagoge der Sephardim und besichtigte die Klagemauer der Juden, wobei ihm die Aeltesten der Judengemeinde die Honneurs machten, denen der hohe Gast seinen Dank äusdrückte. Wien. Anlässlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers wurde auf besonderen Wunsch der hohen Gäste die Goldm a r k'sche Oper ״Heimchen a m Her d" aufgeführt. Nachdem die Ouvertüre beendet war und die Scene das Bild vor dem Auftreten des Heimchen zeigte, erschien die deutsche Kaiserin Auguste Victoria, begleitet vom Kaiser Franz Joses und dem Kaiser Wilhelm, in der. kaiserlichen Jncognitologe. In der Mitte der Loge nahm Kaiser Wilhelm Platz, ihm zur Rechten die Kaiserin, zur Linken nächst der Bühne Kaiser Franz Josef. Das Meisterwerk G o l d m a r k's fand den vollsten Beifall des deutschen Kaiserpaares, welcher in wiederholtem Applaus zum Ausdrucke kam. Wien. Am 28. April 7 Uhr Abends findet im Gemeindehause der israel. Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse Nr. 4, Parterre links, im Locale der Friedhofverwaltung die General- Versammlung des Vereines zur Errichtung eines israel. Hospitales in Gleichenberg statt. Wien. Nach einem Berichte des ״Fremdenblatt" hat der Negus von Abyssinien, Menelik, an den englischen Missionär F. S. R. Clarke einen vom 3. Februar datirten Brief geschrieben, aus dem, mit Rücksicht auf die in Europa grassirende Judenhetze, folgende Stelle hervorgehoben zu werden verdient: ״Was Ihr das Alte Testament nennt, ist ebenso wahr wie das Neue, und was darin steht, muß von denen geachtet und gehalten werden, die Jesus und den von den Propheten verkündeten Aposteln folgen. Niemals hat Jesus das ewige Merkzeichen seiner Race abgeschafft: denn er selbst ist ihm am achten Tage von seiner heiligen Mutter unterzogen worden. Wenn man daher das unterdrückt, was Gott ausgestellt hat, von Zeit zu Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit, so schwächt man den Glauben und gibt ein Schauspiel, wie.es die Christen Europas geben. Sie üben Gewaltthätigkeiten nicht allein draußen, sondern auch bei sich gegen die Juden, die trotz alledem christliche Seelen sind und denen wir unseren Heiland verdanken. In meinem Reiche gibt cs deren mehr als 300.000, und die sind, obwohl sie in fast vollständiger Unabhängigkeit leben,, willige und arbeitsame Unterthanen. Sie stiften nie Verschwörungen an, zahlen alle Abgaben und achten unseren Abuna (das Oberhaupt der äthiopischen Kirche) ebenso wie die Christen. Wenn sie in Europa schlechter sind. Unser Herr Jesu hat ihnen am Kreuze verziehen, weshalb werden sie also noch verfolgt? Sie freilich verfolgen sie nicht; mögen die anderen Christen Europas ihnen nachahmen! Was euch noch thut, ist, wieder zu unserem Gott zurückzukehren, alle seine Gebote zu achten, nicht mehr Moses und die Propheten von den Aposteln oder den heiligen Petrus vom heiligen Paulus zu trennen." Troppau. Am 11. d. fand im hies. Tempel aus Anlass, der 30jährigen Amtsthätigkeit unseres 2. Cantors, Herrn Jacob Herz, eine einfache, aber ,sehr würdige Feier statt, die einen für den Jubilar sehr ehrenden Verlauf nahm. Beim Mussaf-Gottesdienst war der Tempel vollständig beleuchtet und das Oron Hakodesch sowie der Sckulchan aufs Schönste geschmückt. Herr Ober-Cantor S i n g e r m a n n sprach über, den Jubilar einen von ihm zu diesem Anlässe selbst verfassten hebr. Mischeberach, worauf der Chor den Psalm 134 intonirte. Hiermit war die schöne Feier im Tempel beendet. Im Laufe des Tages fanden sich im Hause des Jubilars eine große Anzahl Gratulanten em, die ihm schöne und sinnreiche Geschenke überreichten. Zahlreiche telegraphische Gratulationen sind dem Jubilar aus Näh und Fern von Collegen und Privat- Personen im Laufe des Tages zugekommen. Lembrrg. Vor einiger Zeit schon wurde von vielen Gemeindemitgliedern ein Protest beim Städtmagistrat gegen die Theilnahme des Predigers. Herrn Dr. Caro mit berathender Stimme bei der Verfassung des Statutentwurfs überreicht, da laut Gesetz blos der Rabbiner der Cultusgemeinde an der Berathung Theil nehmen darf. Der Magistrat hat dem Recurse stattgegeben und den Cultusvorstand beauftragt, die Berathung des Statuts ohne Theilnahme des Predigers durchzuführen. Da aber der Statutenentwurf schon durchberathen und beschlossen ist, so folgte aus obigem Bescheide des Magistrats, dass eine neue Berathung und Beschlussfassung ohne Zuziehung des Herrn Predigers, der friiher sehr oft in die Debatte eingegriffen und Anträge gestellt hat, stattfinden muß. Der Lemberger Cultus- Vorstand hat nun gegen den Bescheid des Magistrates, dass der Herr Prediger Dr. Caro an den Berathungen des Statutent- Wurfes nicht theilnehmen dürfe, einen Recurs an die Statt- Halterei überreicht, welcher nur eine Verzögerung, aber keinen Erfolg haben kann, da das Gesetz ausdrücklich bestimmt: ״der Rabbiner", nicht aber ein Prediger, der Rabbiner werden will, dürfe theilnehmen. Raak. Herr Jakob Klein, Frequentant der Eantorenschule des Obercantor I. Bauer in Wien, der zum Besuche seiner Braut über die zwei letzten Tage Pessach hier weilte, wurde bei dieser Gelegenheit vom Vorstande der Raab-Szigeter Synagoge zur Abhaltung eines Vortrages ehrend aufgefordert. Herr Klein entsprach dieser ihm zu Theil gewordenen Ehre und errang durch seinen gediegenen undgefühlvollen Vortrag allgemeinen Beifall. Budapest. (Judenverfolgungen in Ungarn.) Der ״Pester Lloyd" berichtet in seiner Nummer vom 11. d. M.: ״Nach erner vierteljährigen Pause sind in F e r t ö'-S z t.-M i klo s die Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner fast an der Tagesordnung. Am gestrigen Nachmarkt wurden die Wohnungen der nichts ahnenden israelitischen Bewohner attakirt, Fenster zertrümmert und die Ruhe gestört. Um 972 Uhr begann auf Commando das Bombardement auf die Fensterscheiben seitens einer größeren Truppe von halbwüchsigen Jungen und erst nach Mitternacht trat wieder Ruhe ein. Das Traurigste an diesen Hetzen ist, dass die Ortsobrigkeit die Excedenten ruhig gewähren lässt. Weder der Richter, noch die Geschwornen oder der Nötär fanden es bisher für nöthig, einzuschreiten, und so kommt es, dass viele Juden es gar nicht wagen, sich zu Bette zu begeben. Es wäre angezeigt, dass sich das Oedenburger Vicegespansamt mit diesen systematisch betriebenen Hetzen etwas eingehender befasse, damit die Schuldtragenden nicht wieder sttaflos ausgehen." Erlau. (Erzbischof und Rabbiner.) Erzbischof Dr. Samassa in Erlau pflegt, wenn er nach seiner Residenz zurückkehrt, täglich Spaziergänge durch die Gassen von Erlau zu machen. Keine Veränderung, selbst die geringste nicht, entgeht dem Blicke des Kirchensürsten, wenn er mit seinem Secretär Dr. Szmrecsanyi durch die Straßen promenirt. Ein neues Haus, eine neue Firma erregt sofort seine Aufmerksamkeit und nicht selten spricht er den einen oder den andern Bekannten auf der Straße an. Dieser Tage promenirte der Erzbischof durch die Hanptgasse und erblickte den Erlaucr Rabbiner Dr. Max Schwarz, der, den Kirchensürsten ehrerbietig grüßend, vorbeischreiten wollte. Erzbischof Samassa streckte dem Rabbiner die Hand entgegen, mit den Worten: ״Wie befinden Sie sich, Herr Rabbiner, Sie haben sich förmlich verjüngt, seitdem ich Sie nicht gesehen!" Der Rabbiner dankte für die freundliche Frage und gab seinerseits der Freude Ausdruck, den Erzbischof so frisch und wohl zu sehen. ״Ach sehen Sie, mir ergeht es, wie das Sprichwort sagt: ״Das Alter ist selbst eine Krankheit", meinte Lächelnd der Erzbischof. ״Freilich", gab der Rabbiner zurück, ״die Schwäche kommt mit dem Alter, aber Gott verlängert das Leben Derjenigen, die ihm lieb find bis . . ." — Erzbischof Samassa unterbrach hier lachend: ״Bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens, wie mein ttefflichcr Freund, der Oberbürgermeister Karl Rath sagt — das meinen sie doch?" — ״Ja wohl, das wünsche ich vom Herzen," erwiderte der Rabbiner. Der Erzbischof schüttelte dem Rabbiner die Hand- und setzte die Promenade fort.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.