Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1896)
- Date
- 1896-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453373--4498-3458966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterreichisch-ungarisctie Redaction u. Administration Wien, 2. Novaragassc 27. A. k. osterr. Postsparcasse Lheck-Lonto Nr. 835,240. K. ungar. poftjparcaffe; Lheck-Lonto Nr/ 4026. Inserate werden billigst berechnet. ״ ManuscriKe werden nicht ' " retournirt. OsntkLl-OrgLL für die Interrstrn der Cantorrn und Enltusbramtrn. Erscheint jeden zehnten Lag. Begründer: Obercanlor iseob Bauer. Pränumerations-Preis. FnrLantorerr u.Cn!tu«b)»mte irr Vrfirrrrirtz-Nngarn GanzjäHrig ..... fl. 5.— Halbjährig.fl. 2.50 FiirTsirkoren u.QIultuabeamte htt Anslanb Ganzjährig.10 Mark oder 5 Rudel. Für private und Institute Ganzjährig . ... fl. 6.— Abonnementsu. Inkertionsbetrüge sind in Wien rahlbar. Unterricht. Mitgetheilt non. Revec. O si as H o ch g tLck, New-Uork. . Amerika ist das-Land der SängerinnAl. . Die meisten großen Sterne, welche am modernen Opernhimmel strahlen, wie Lilian Nordica, Emma Eamer. Sibyl Sanderson, die Nicola haben hier das Licht der Welt erblickt. Apollo und die Musen scheinen des blauen Himmels des Citronenlandes überdrüssig geworden zu sein und sich der allgemeinen Völkerwanderung nach dem Westen angeschlossen zu haben. Columbia's schöne Töchter sind jetzt ihre Pathenkiuder, denen sie als Geschenk die süße, holde- Stimme-- des Menschen höchstes Entzückenin die Wiege gelegt haben.:: ׳ ׳ ׳ Doch der Gott der Musik ist in seiner neuen Residenz noch, nicht heimisch geworden, er wird und kann niemals die englische,Sprache, mit ihren mißtönenden barbarischen Kehllauten adaptiren. Italienisch, Französisch und vor allem Deutsch bleiben hie Sprachen, in denen nach wie vor sich der Wohlklang äußert,' und die herrlichen Schöpfungen der Tonkunst können nur sin. diesen ureigeutlich musikalischen Idiomen zu Gehör gebracht werden, wenn anders ihrer harmonischen Schönheit kein Abbruch gethan werden soll. Daher sehen wir die neuweltlichen Knnstjüngerinnen den Ozean kreuzen, um in Europa ihre Organe zu bilden und die Musiksprachen an Ort und Stelle zu erlernen. - Dresden, München, Berlin und Wien, namentlich aber Paris, sind ihre Reiseziele. An den Mitteln, um die kostspielige Ausbildung ihrer Stimmen zu bestreiten, fehlt es den angehenden amerikanischen Divas nicht, denn der Müsengott-Hat sich im- Laüde^der-Dollars Protzige Neigungen angewöhnt — er drückt seinen Weihekuß meistens nur -auf lilienweiße Mädchenstirnen,- die U-vön-Jugend auf gewöhnt sind, sich mit Diamanten zu! schmucken.:׳-Durch seine.ausgesprochene-Vorliebe für die Damen der - hohLn-Finanz chyt: er aber: auch großes Unheil angerichtet. Fast' jedes' -amerikanisches Millionärtöchterlein glaubt jetzt, eine zukünftige Pütti-zu fein/ und schließ^ sich dem allgemeinen Exodus nach den Musik-Kapitälenvon Europa ׳an.unü oft erst'nach' langen Jahren von ׳Zeit- und Geldvergeudung die Entdeckung zu machen, dass es fiir sie besser gewesen wäre, niemals aus der ihr von der gütigen Vorsehung zugedachten Rolle des Gold- Fisches zu fallen, nämlich stumm zu bleiben. Den theuer bezahlten Professoren und Professorinnen sind natürlich solche Schülerinnen durchaus nicht unwillkommen. Sie zahlen häufig mit vollwichtigen amerikanischen Doppeladlern ein Jahrzent lang mit für die umsonst unterrichteten wirklichen Sangesgenies, die mit ihren Nachtigallenstimmen für ihre Lehrer Reklame machen, oft ganz ohne deren Zuthun. Ihre Erfolge sind eine Aufmunterung für die reichen Stimmlosen, deren Wahn, wie jede Ausgeburt der Protzen-Eitelkeit, nicht so leicht schwindet, und die Einbildung, welche die Millionärinnen vielleicht glücklich macht, wird ein wahres Bonanza für ihre noch glücklicheren Lehrer. Das schadet auch dem großen Publikum nicht; denn so kommt das Geld wieder unter die Leute. Bei einer derartigen, finanziell hochmögenden Klientel ist 1 es kein Wunder, wenn der Charlatanismus im Gesangsunterricht 1 üppige Blüthen treibt. Eingebildete und wirkliche Künstler haben mit einander gemein, dass sie sehr leichtgläubig sind. Darauf spekülirt der Charlatan. Er weiß, dass die meisten Säuger mit der Schwierigkeit der Emission, des Ansatzes der Stimme, zu kämpfen haben, und erfindet eine sogenannte neue ״Methode", deren es jetzt schon so viele giebt, wie Sand am Meere. Da lebt und blüht z. B. in der Seinestadt ein weltberühmter ״Professor" spanischer Abkunft, bei dem sogar die Reßke's kurze Zeit in die Schule gegangen sind, und dem seine ״Methode" verschiedene Millionen eingebracht hat. Der Sennor ist von Prosession eigentlich Barbier und kann nicht einmal fließend' Noten lesen. Trotzdem hat er den größten Zulauf in Paris, weil er einfach seine Schüler und Schülerinnen anhält, sich beim Singen mit zwei Fingern die Nase zuzuhalten, gerade so, als wenn sie eine aufderBowery zwar sehr häufig zu beobachtende, aber nichts weniger als salonfähige Geste machen wollten. Doch selbst wenn die Gesängsprofessoren keine Barbiere, sondern wirkliche Musiker oder ehemalige Sängerinnen von Gottes Gnaden, müssen sie häufig zu eigenthümlichen Hülfsmittekn ihre Zuflucht nehmen, um namentlich ihren englisch-sprechenden ' Schülerinnen anhaftende Fehler zu korrigiren. Da ist׳ zunächst die Aussprache des scharfen ״R", welche keiner Amerikanerin Nr. 8. Wien, 11. Mär; 1896. 16. IstzrAMS- Der LharlatÄiüsmus beim Gesangs-