Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Unser Urahn Abraham ist nicht in Palästina geboren, sondern erst dahin eingewandert, und er selbst bezeichnet sich vor den Einwohnern des Landes als Fremdling. Allerdings waren die Ehetiten human genug, den Fremdling mit der größten Zuvorkommenheit zu behandeln, Mhrscheinlich weil sie von ihm keine Concurrenz befürchteten. Und in der That hat später der Philisterkönig den nach Palästina eingewanderten Isaak des Landes verwiesen, weil er ihm zu reich geworden ist. Die alten Philister haben also in diesem Punkte den heutigen Philistern nicht nachgestanden. Unser Vater Jakob hat seinen Hausstand und seinen großen Reichthum als Fremdling im fremden. Lande begründet, und erst der Neid seiner eigenen Schwäger zwang ihn, der Fremde den Rücken zu kehren und seine Heimat aufznsuchen. Aber seine sämintlichen Kinder, unsere Stammväter, waren, mit Ausnahme des Jüngsten, Benjamin, nicht in Palästina geboren. Und nun kommt noch etwas für ein antisemitisches Gemüth ganz Entsetzliches: Der ausländische Hebräer Joseph wird Vicekönig in Egypten und lässt noch seine ganze Sippe mit herüberkommen! Wir haben nur die eine Alternative: Entweder wussten die Egypter nicht, was Patriotismus ist, oder ־־-־ sie waren allesammt verjudet! ' ׳ Aber der Concurrenzneid hat schon dafür gesorgt, dass der Patriotismus der Egypter, wenn auch etwas spät, dennoch seinen würdigen Ansdruck fand: ״Die Kinder Israels sind uns zu zahlreich und zu mächtig!״ — So wurden die Fremdlinge zu Sklaven gemacht, und schließlich gedachte man auch der vaterländischen Krokodile und.gab ihnen von Zeit zu Zeit die neugeborenen Fremdlinge zum Frühstück oder auch zum Abendbrod — wie es gerade kam! So wurde der Patriotismus der frommen Egypter gerettet. ־׳׳■■׳״׳ ' Aber wer am wenigsten Patriotische Gesinnung hatte, das war — beinahe wie heut-, *׳ -ךdie.Töchter.׳ ׳dO.׳' Kölligs selbst! Sie rettete nichtnur׳ den äusgesttzten ״Hebräerbengel", sondern Ließ ihn auch auf ihre Kosten erziehen. Ss ist nicht überliefert, ob die egyptischen Patrioten damals Protestversammlungen abhielten, oder ob irgend ein Gesetzesparagraph sie an der Bekundung der vaterländischen Wuthausbrüche hinderte. Kurz, der Fremdling Moses war gerettet. Aber merkwürdig! Er׳ musste auch wie Bater Jakob fliehen und als ״egyptischer Mann" im fremdM Midian sich niederlassen und dort sem Haus gründen. Dafür-zeigte sich gber der spätere Gesetzgeber Moses dankbar. Nicht »etwa gegen seine Gastfreunde, die Midianiten, gegen die sogar ein Vernichtungskrieg gefiihrt werden musste, weil ste die JsraeWn zum Götzendienst und zur Unzucht verleiteten — aber der güHMr Menschheit hat der große Gesetzgeber ein köstliches Gut heWrnkt, den Gedanken der Brüderlichkeit aller Menschen. Ein Gott hat uns geschaffen, von einem Bater stammt ihr ab — liebet Gott und euch untereinander! Das ist der Hauptgedanke, der allen mosaischen Gesetzen zu Grunde liegt. Der Begriff ״Fremdling" sollte nach Moses aufhören; man sollte den Fremdling lieben wie sich selbst, dasselbe Gesetz soll für ihn, wie für den Eingeborenen gelten, und nun gar ihn zurücksetzen oder bedrücken, das sollte keiner wagen. ״Ihr wisset ja. wie es einem Fremdling zu Mutheist, Ihr seid ja selbst Fremdlinge gewesen im Lande Egypten!" Zn den erhabensten Eigenschaften, welche Moses Gott beilegt, gehört diejenige, dass er den Fremdling liebt, um ihm Brot und Gewand zu geben. Auch der Psalmist singt, und wir sprechen es alle Tage: ״Der Ewige beschützet die Fremdlinge!" Mau sollte es kaum von einem Gott der Rache für möglich halten! Nicht wahr, Ihr lieben Antisemiten christlicher und jüdischer Confession? Seht nur nicht so verblüfft drein, Ihr lieben Leser 5 Könnt Ihr mir einen besseren Ausdruck für diejenigen unter uns Vorschlägen, welche in ihren Gemeinden nur ״geborene Oesterreicher" als Beamte dulden wollen? Beseelt sie nicht derselbe gelbe Neid wie ihre Gesinnungsgenossen arischer Abftammung? Und ist es nicht dasselbe frivole Spiel mit dem Patriotismus, das. sie treiben, um ihre barbarische Gesinnung zu bemänteln? In allen civilisirteu Staaten besteht die Institution der Naturalisirung, und soweit nicht confessionelle Rücksichten in Betracht kommen, gelten naturalisirte Fremdlinge eben nicht