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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-01-01 · Heft 1 (1.1.1896) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 1 (1.1.1896)
Date
1896-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 7. Schloss Theresienfeld mit bestem Erfolge die Wohlthat eines Ferialaufenthaltes. . Wien. Vor uns liegt der Jahresbericht der jüdischakademischen Lesehalle in Wien, welche im Vorjahre gegriindet wurde und trotz des kurzen Bestandes auf ganz anerkennenswerthe Leistungen zurückblickt. Nach den bekannten Vorgängen an den vom Antisemitismus durchseuchten Wiener Hochschulen war die Gründung der jüdisch-akademischen Lesehalle eine Noch- Wendigkeit, und trotzdem Tendenz und Zweck dieses Sammelpunktes der jüdischen Studentenschaft so lobenswerth sind, hat er dennoch nicht die gebührende Unterstützung gefunden. Mit Befremden unb aufrichtigem Bedauern vermissen wir unter den Gründern, Stiftern und Förderern der Lesehalle so viele hervorragende jüdische Namen, die man sonst in den Listen aller möglichen christlichen Vereine findet, und auch der jüdischen Studentenschaft darf der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass sie gegen ihr eigenstes Interesse handelt, wenn sie sich nicht recht zahlreich der jüdisch-akademischen Lesehalle anfchließt. Wien. Die Exhortantenstelle im Tempel des 8. Bezirkes wurde nach dem Ableben des seligen Rabbiners W o l l n e r vom Vorstände der hiesigen Cultusgemeinde Herrn Prediger Grün verliehen und dürften demselben auch die rabbinischen Functionen von Seite des Josephstädter Tempelvereines übertragen werden. Beim Jugendgottesdienste ist daselbst die Einrichtung getroffen worden, dass ein Knabe das ״Aschre" laut recitirt, während die übrigen Kinder mit den Responsen alteruiren. Bar-Mizwoh-Confirmanden erhalten als Erinnerung einen Denkspruch in hebräischer Quadratschrift mit deutscher Uebersetzung in Versen. Im alten und neuen Tempel lässt der Vorstand den Knaben ein Gebetbuch überreichen. Troppau. Die traurigen Verhältniße der jüdischen Bewohner der schlesischen Landeshauptstadt scheinen endlich eine Besserung zu erfahren. Am 22. December l. I. unternahm eine Anzahl junger jüdischer Männer einen Verein zu gründen, der einen geistigen Mittelpunkt zur Einigung der Troppauer jüdischen Familien bilden soll. Der Verein, dem allseitig die größten Sympathien entgegengebracht werden, wird den Namen ״Jüdischliterarischer Verein" führen und sowohl geistige, als auch gesellige Zwecke verfolgen. Zur Abfassung der Statuten wurde ein Comit6 gewählt und zum Schluffe der Versammlung dem Einberufer, Herrn E i b u s ch i tz, stürmisch der Dank voürt. LembeM. (Bischof und Rabbiner.) Auf einer Visitations- Reise kam der römisch-katholische Bischof von Ploek, wie den polnischen Blättern aus Warschau berichtet wird, nach Serock, wo ihn bei der Einfahrt in die Stadt der Rabbiner unter einem Baldachin und begleitet von den Mitgliedern des israelitischen Cultusgemeinde-Vorstandes, sowie von zahlreichen jüdischen Einwohnern mit einer längeren Ansprache begrüßte, in welcher er die Ankunft des Bischofs als eine Gewähr für den Frieden und die Eintracht zwischen Juden und Christen bezeichnet^ Bischof Nowodworski, der, als er der Judendeputation ansichtig wurde, aus dem Wagen stieg und die Begrüßungsrede des Rabbiners mit Aufmerksamkeit anhörte, erwiderte hierauf Folgendes: ״Ich danke den Herren herzlich für den freundlichen Empfang, und zwar danke ich hiefür zunächst aus dem Grunde, weil diese Begrüßung eine Artigkeit ist, die ich zu schätzen weiß, dann deswegen, weil Ihr Vorgehen vernünftig ist. Sie bekunden dadurch angesichts der weitverbreiteten Strömung des antisemitischen Racenhaffes, dass Sie sich dessen bewusst sind, wie sehr die katholische Kirche die Juden immer gegen die von Zeit zu Zeit wider sie sich kehrenden Ausbrüche des Hasses seitens der von der heiligen Lehre der evangelischen Nächstenliebe nicht genug durchdrungenen Menge zu schützen Pflegte. Aber ihre Begrüßung gefällt mir insbesondere auch deshalb, weil sie schön ist, als der Ausdruck religiöser Hoffnung. Ist doch Euer Gott, der Gott Abraham's, Jsaac's und Jakob's auch unser Gott; ist ja Eure heilige Schrift auch unsere heilige Schrift : mit Euern Psalmen verrichten wir in unseren Kirchen unsere Gebete; Euerem Volke entstammt der menschliche Körper Unseres Erlösers; aus Euerem Volke giengen unsere ersten Apostel hervor; wir haben mit Euch viel Gemeinsames. Gerade bei dem aber, der zur Erlösung aller gekommen ist und den Eure Väter nicht anerkennen wollten, erfolgte die Scheidung zwischen uns, und Euer trauriges Geschick begann. Das traurige Los, das Euch zutheil wurde, und die Leiden, die Ihr durch viele Jahrhunderte zu erdulden hattet, sind hinlänglich bekannt. Dieses Schicksal wurde. Euch von Oseas vorhergesagt. Es gibt jedoch auch Prophezeiungen, die Euch eine heitere Zukunft ankündigen, in der Ihr Euch mit Allen und alle mit Euch versöhnen werden. Diese Versöhnung kann nicht anders als durch die Liebe und in der Liebe vor sich gehen. Allein diese Liebe soll nicht blos im Munde geführt werden, sondern sie muß im Herzen der Menschen aufleben. In Ihrem Erscheinen hier erblicke ich ein Anzeichen dieser künftigen Annäherung und deswegen erflehe ich für Sie Gottes Segen." Budapest. (Staatshilfe für Seelsorger.) Die jüngst ins Leben getretenen kirchenpolitischen Gesetze sind mit einer starken materiellen Einbuße für jene Seelsorger aller Culte verbunden, die gleichzeitig Matrikelführer waren, und der Reichstag hat daher als Recompensation für dieselben 100.000 fl. faürt. Der Cultus- und Nnterrichtsminister hat nun an sämmtliche kirchlichen Oberbehörden ein Rescript gerichtet, in welchem er vorerst seinem Bedauern darüber Ausdruck gibt, dass diese pro 1895 votirte Summe keine höhere sei, sodann die Versicherung ertheilt, dass er bemüht sein werde, diesen Seelsorgern auf legislativen Wege eine dauernde Entschädigung zu sichern und die Kirchenbehörden schließlich auffordert, ihm die Liste jener Seelsorger mitzutheilen, die am härtesten betroffen wurden und und am meisten der Staatshilfe bedürfen. Der Unterrichtsminister hat nun diese 100.000 fl. derart repartirt, dass auf die Matrikelführer, respective Seelsorger sämmtlicher jüdischen Gemeinden des Landes 1500 fl. entfallen. Littrratur. Jüdische Universal-Viblrolhrk. (Druck und Verlag von Jacob B. Brandeis, Prag.) Es war ein überaus glücklicher Gedanke, die Schätze der jüdischen Litteratur und Wissenschaft, die bisher nur einem engeren Kreise zugänglich waren, durch eine billige, in Form und Druck der belannten Reclam'schen Universal-Bibliothek gleiche Ausgabe auch den breiten Volksschichten zu erschließen. Abgesehen von dem Verdienste, das sich Jedermann erwirbt, der Wissen und Bildung unter daS Volk trägt, gebührt dem Herausgeber noch die besondere Anerkennung, dass er hiemit den besten Weg betreten hat, um das unter den heutigen Berhältnißen unseren Glaubensgenossen so sehr notwendige Selbstbewusssein zu heben und die Liebe zum eigenen Bolksthum zu fördern. Auch die Auswahl der Mitarbeiter verräth eine geschickte Hand und es verbürgt den Erfolg des Unternehmens, dass der Herausgeber sich der Mitwirkung so klangvoller Namen wie: Jda Barber, Prof. Ad. Büchler, Dr. Max Grünfeld. Leo Herzberg-Fränkel, Dr. Gust. Karpeles, S. Kohn, Dr. Ad. Kohut, Eduard Kulte, Geheimer Neg. Rath Prof. Dr. M. Lazarus, Nahida Ruth Lazarus (Nahida Remy), Dr. B. Placzek, Clara Schott, Dr. I. Weiß und vieler Anderer versichert hat. Die bisher erschienenen 14 Bändchen, jedes für 12 Kreuzer — 20 Pfg. erhältlich, bieten eine wohlthunde Abwechslung von Poesie und Prosa, und ob der Leser Zerstreuung und Erheiterung oder Erbauung und Belehrung sucht, in dem reichen Inhalte der ״Jüdischen Universal- Bibliothek" wird er beides finden. Die herrlichen jüdischen Erzählungen von Sacher-Masoch (Polnische Judengeschichten, Bd. 9), Herzberg-Fränkel (Geheime Wege, Bde. 2 u. 3), Kulke (die schöne Hausiererin, Bd 1,) bedürfen keiner weiteren Empfehlung. Wer, wie die Genannten, so tief in die Seele des jüdischen Volksgeistes zu blicken vermag, dessen Gabe wird jederzeit willkommen sein. Ganz besonderes culturhistorisches Interesse werden die ״Sippurim" (Bde. 8, 11—12) erwecken. Es ist dies eine Sammlung jüdischer Volkssagen, Erzählungen, Mythen, Chroniken, Denk- Würdigkeiten und Biographien berühmter Juden aller Jahrhunderte, besonders des Mittelalters. So vieles schon bisher aus diesem Gebiete veröffentlicht wurde, ein Blick in die ״Sippurim" belehrt, dass noch zahlreiche Schätze zu erschließen find. Als ein willkommener Beitrag erscheint auch Bd. 10 ״Myrthen" eine poetische Blumenlese für die jüdische Familie. Baumbach, Meißner Gabr. Seidl, Moscnthal, Chamiffo, Karl Simrok, Ludw. Aug, Frankl und viele andere sind in dieser reichhaltigen Sammlung durch ihre schönsten Perlen vertreten. Geschichteder jüdischenAerzte. Von Dr. Richard Landau. (Berlin, Verlag von S. Karger,) Eine überaus fleißig gearbeitete und interessante historische Studie, die die hervorragenden jüdischen Aerzte des Mittelalters — und deren gab es eine große Anzahl — aufzählt und deren Antheil an dem Aufbaue der medicinischen Wissenschaft darlegt. Biele Monarchen und Päpste hatten jüdische Aerzte und trotz aller Verfolgungen wussten die jüdischen Aerzte sich in der Regel Achtung zu erringen. Zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts gab es sogar eine jüdische Aerztin Sarah. Wir können in einem kurzem Referate auf die Details des Buches nicht eingehen und empfehlen Allen, die sich für das Thema intereffiren, die Arbeit Landau's auf das Wärmste.

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