Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 27 (21.11.1895)
- Date
- 1895-11-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453335-3453362--4413-3458872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7. M u ch und B u ch berg e r, ferner Deputationen der aeademischen Studentenverbindungen ״Kadimah", ״Jvria", ״Gamala", ״Unitas", Jüdisch-academische Lesehalle und ״Academin", die ehemaligen Gemeinderäthe Dr. V o g ler, T agleich t, Zifferer,! Dr. Fried jung und Carl Mayer, Ortsschulrath Heil re. — Als Erster sprach Architect Max Fleischer, der Schöpfer des Grabdenkmals. Nach den Worten Fleischers fiel die Hülle und das Denkmal stand in seiner edlen Schönheit da. — Unter gespannter Aufmerksamkeit treu sodan Professor Eduard Sueß vor und sprach Folgendes: ״Hier steht das Monument auf einem abgegrenzten Theil des großen Friedhofes der Stadt, aber wir sind der Meinung, dass die Scheidewände der Confessionen nicht bis in den Himmel reichen und dass noch über ihnen die Strömungen der Seelen zusammenfließen in jener edlen Empfindung allumfassender Menschenliebe, welche die Herzen öffnet und uns die Pfade der Pflicht lehrt. Wenn heute Adolf Fischhos vor uns stünde, würde er, der unser Oesterreich so innig geliebt hat, uns Alle inständig beschwören, einig zu bleiben in Allem, was den Frieden und die Wohlfahrt im Vaterlande zu fördern im Stande ist. Fischhos ist dahin gegangen. Wir selbst werden Nachfolgen und eine neue Generation rückt nach. Ihr, der Jugend, hinterlassen wir dieses Denkinal mit dem einzigen Wunsche, dass sie die Ehrfurcht begreifen lerne, mit welcher wir Alten diesen Namen nussprechen, der in uns alle Poesie und alle Begeisterung des Jünglingsalters zurückruft. Die ganze politische Welt ist rings um diesen Ehrenmann in Trümmern gefallen; er ist ansrecht geblieben. So rage dieses Denkmal hervor als ein Zeichen unseres nie verlöschenden Dankes." — Hieraus sprach Reichsraths-Abgeordneter Dr. K r o n a w e t t e r, der seine Rede mit folgender Apostrophe schloß: ״Möge Fischhof's Geist uns immer vorschweben als ein leuchtendes Vorbild aller Jener, die in den Kamps für Recht, Brüderlichkeit und Freiheit des Volkes treten!" Nun sprach Ritter von Matscheko namens der aeademischen Legionäre des Jahres 1848 einige Worte des Gedenkens und übergab das Monument namens des Comite in die Obhut der israelitischen Cultusgemeinde, indem er einen Kranz mit der Schleifeninschrift ״Die aeademischen Legionäre des Jahres 1848" niederlegte. — Nach ihm sprach Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Stern, der das Denkmal namens der israelitischen Cultusgemeinde übernahm. Im Namen der aeademischen Verbindung ״Kadimah" hielt Gand. med. Schalit eine Rede. — Im Namen der vereinigten deutschen Linken sprach sodann Reichsraths-Abgeordneter Constantin N o s k c. Hierauf wurden von den Deputationen die Kränze aus dem Sockel niedergelegt. Einige Vertreter sprachen dabei Worte der Erinnerung. Prag. (Feststellung der israelitischen Matrikenbezirke in Böhmen). Im Verfolge der im Landesgesetzblatte ex 1893, Nr. 39 verlautbarten Verordnung des Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 10. März 1893, betreffend die Feststellung und Abgrenzung der israelitischen Cultusgemeindesprengel im Königreiche Böhmen, wird mittelst Kundmachung der Statthälterei vom 17. v. M. Nachstehendes verordnet: § 1. Die dermalen im Königreiche Böhmen bestehenden israelitischen Matrikenstellen mit Ausnahme jener in der königl. .Hauptstadt Prag werden mit 31. Dezember 1895 aufgehoben und haben mit diesem Tage ihre Thätigkeit einzustellen. — § 2. Dagegen werden in jenen Orten, in welchen infolge der vorbezogenen Verordnung des k. k. Ministeriums fiir Cultus und Unterricht israelitische Cultusgemeinden zu bestehen haben, neue israelitische Matrikenstellen errichtet, welche ihre Wirksamkeit mit 1. Jänner 1896 zu beginnen haben. — § 3. Die Bezirke der israelitischen Matrikenstellen in Böhmen haben mit den Sprengeln der betreffenden israelitischen Cultusgemeinden zusammenzufallen. Alle in dem Umfange eines Matrikenbezirkes vorkommenden Heburts-, Trauungs- und Sterbefälle von Israeliten sind in die Matriken dieses Bezirkes einzutragen. Prag. (Ein cze chischec Hetzkaplan) Der Pater Schnabl und der Pater L a t s ch k a haben in der Person eines czechischen Priesters eine aus das gleichartige Couplet eingeübte Seitenfigur gefunden, deren Auftreten jedoch in Prag eine sehr energische Zurückweisung gefunden hat. Vorgestern Abends fand nämlich in der Prager Neustadt eine Wähler- Versammlung statt, in welcher sich die Landtagskandidaten Blazek und Breznovsky den Wählern vorstellten. In dieser Versammlung kam es zu stürmischen antisemiüschen Kundgebungen, zu welchen der Kreuzherren-Ordenspriester Pater Schimon Veranlassung gab. Derselbe hielt eine Rede, in welcher er die Juden als die größten Schädiger der Menschheit und die ärgsten Feinde des Christenthums hinstellte und den Antisemitismus innerhalb des Jungczechenthums empfahl. Schimon gedachte auch Dr. Luegers, als dessen priesterlichen Anhänger er sich bekannte, und erklärte, ein großer Theil des Clerus sei antisemitisch und jungczechisch gesinnt und werde selbst auf die Gefahr der Bestrafung jungczechisch wühlen. Der jungczechische Landtagsabgeordnete Dr. Ezernohorsky trat diesen Ausführungen entgegen. Ich muß mich — sagt Redner — gegen die antisemitischen Bestrebungen des Caplans Schimon entschieden verwahren. Wir wollen auch fernerhin Jedem die Freiheit seiner religiösen Ueberzeugungen concediren und nicht einem Priester zu Liebe unser Programm in ein antisemitisches verwandeln. Gegen jene Juden, die sich unserer Nationalität feindselig gegenüberftellen, werden wir in derselben Weise kämpfen, wie gegen unsere Feinde überhaupt. Wir kämpfen dafiir, dass dem Clerus der Einfluss auf die Schule entzogen werde, und wir werden unsere freiheitlichen Ziele wegen eines Caplans Schimon niemals außer Acht lassen. Abgeordneter Breznovsky, welcher hierauf sprach, erklärte, er sei zwar Antisemit, aber ein nationaler Antisemit. Er hasse nur jene Juden, welche gegen die Czechen sind. Dr. Lueger sei nicht sein Mann, da er sich den Wiener Czechen gegenüber als ungerecht erwiesen habe. Caplan Schimon, der sich nochmals zum Worte meldete, erhielt dann dasselbe erst nach längerem Widerspruche der Versammlung. Klaufrrrburg. Während seiner Anwesenheit in Klausenbürg empfing Minister W l a s s i c s, wie bereits gemeldet, auch eine Deputation der dortigen orth. isr. Cultusgemeinde. Auf die Ansprache des Oberrabbiners Moses Glasner antwortete der Minister Folgendes: ״Es freut mich, dass Sie erschienen find, und ich danke für Ihre Begrüßung. Ich ehre immer die wahre Religiosität und unterstütze sie mit Freude. Auch früher war ich bestrebt, Ihre Confession entsprechend zu unterstiitzen, wovon Sie sich bereits wiederholt überzeugen konnten: ich glaube, es war in Balassa-Gyarmat, als die Reihenfolge des Empfanges durch Se. Majestät zur Sprache kam. Mit Freude sehe ich Ihre patriotische und culturelle Thätigkeit, und ich versichere Sie meiner ferneren Unterstützung. Es ist mein Princip und auch dasjenige der Regierung, dass die Erledigung der rein religiösen . Angelegenheiten Sache der Confessionen sei und dass mau dieselben nicht beeinflussen dürfe. Ich enthalte mich auch jeder solchen Handlung, die auch nur den Schein eines Octroys hat. Es freut mich, dass die gesetzliche Regelung Ihrer Confession eben mir Vorbehalten war, und ich habe meine Aufgabe mit Freude erfüllt. Aus ihre patriotische Thätigkeit rechne ich auch fürderhin. Empfangen Sie noch einmal meinen Dank für ihr freundliches Erscheinen." Berlin. Am 6. d. starb hier Dr. Phil. Joel Müller, Docent au der hiesigen Lehranstalt fiir jüdische Wissenschaften. Müller war einer der hervorragendsten rabbinischen Gelehrten der Gegenwart, er verband gründliche Gelehrsamkeit mit streng philologischer Schulung und kritischem Sinne. Petersburg. Der russische Minister des Innern, Staatssecretär Jwan Durnowo, ist seines Amtes enthoben worden. In dieser kurzen Meldung, welche der officielle Draht übermittelt, liegt ein Ereignis, das für die Juden in Rußland von weitestgehender Bedeutung ist. Durnowo, den die Juden Rußlands mit Recht den russischen Haman nennen, verfolgte mit größter Rücksichtslosigkeit die russischen Nnterthanen mosaischer Confession. Er war es, der die Ausweisung der in Moskau und den Centralgouvernements befindlichen jüdischen Handwerker, denen unter Alexander TL. das unbeschränkte Wohnrecht eingeräumt worden war, bei Alexander Hl. befürwortete und dann schonungslos durchfi'chrte. Alle Beschränkungen, welche gegen die Juden in Rußland in den letzten sechs Jahren verfügt wurden, sind ausschließlich auf den Judenhass Dnrnowo's zurückzuführen.