Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 26 (11.11.1895)
- Date
- 1895-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der scheinbare Mangel an Gehör und technischer Geschicklichkeit ist nicht immer auf mangelnde Anlage, zuweilen nur auf Ungewohntheit und daher Mangel an Fertigkeit, die betreffenden Werkzeuge richtig arMwenden, zurückzusühren.Ein gutes Gehör und eine gut gebaute Hand silld angeboreit, ein musikalisches Ohr und eine musikalische Hand - werden gewissermaßen oft erst anerzogen. Dazu gehören tüchtige einsichtsvolle Lehrkräfte. Damit kommen wir auf einen andern wunden Punkt. Ganz im Widerspruch mit dem alten Ersahrungssatz, dass auf einenr unsichern Fundament nichts Festes zu stände kommen kann, hört man so oft: ״Für den Anfangsunterricht ist ein Anfänger, ein billiger Lehrer gut genug, später nehmen wir einen besseren!׳^ Friedrich Wieck machte einmal die hnmoristische Bemerkung: unsere Unterrichtslitteratur habe solch großartige Fortschritte gemacht, dass heutzutage jeder Nachtwächter unterrichten könne. Mit dem musikalischen Nachtwächter kommt, dem Zug der Zeit folgend, ein Ctavier ins Haus. Auch hier ist in Rücksicht auf die Nationalökonomie ein billiges Instrument das beste. Dann beginnt unter der mehr oder minder unsichern Führung auf dem abgespielten, allzeit verstimmten, lahmenden, ausrangierten alten Tasten-Pegasus der Ritt ins gelobte Land der Kunst. Dabei soll, sich die Jugend für das Schöne erwärmen, unter dieser Ohr-, Finger- und Seelenmarter die kleinen Herzen empfänglicb bleiben für die gemütsveredelnde Tonkunst?! — Ein beherzigenswertes Sprichwort sagt: das Beste ist gut genug für die Jugend: Dass nicht alle billigen Lehrer schlecht, nicht alle Instrumente unverwendbar sind, braucht nicht erwähnt zu werden. Doch die pädagogische Tüchtigkeit eines Musiklehrers und die mechanische Brauchbarkeit eines Uebeinstruments zu prüfen, liegt außer dem Urteilsbereich. der meisten Eltern. Man wähle für Anfänger nur Lehrer, deren Lehrfähigkeit erprobt, und gebe in Rücksicht, auf Technik und Gehör, auf Geschmacksentwickelung und ästhetische Empfindung dem kleinen Clavierstudenten ein zweckentsprechendes neues Instrument unter die Hände, falls man nicht unbedingt sicher; dass das gebrauchte eine wohlerhaltene gleichmäßige Mechanik hat und die Stimmung hält. Eine abgenutzte Mechanik, deren Tasten theils zu leicht gehen, theils stocken, beeinträchtigt Anschlag und Fingerfertigkeit; ein stets niehr oder minder verstimmtes Instrument verdirbt selbst bei dem bestangelegten Schüler den gesunden Tonsinn und jede feinere musikalische Empfindung. Wie soll da Hand und Ohr zum Organ des Herzens werden? Wer nicht in der Lage ist, ein den wichtigsten musikalischen Anforderungen entsprechendes ' Clavier anzuschaffen oder zu mieten, der lasse seinen Kindern lieber Violinunterricht ertheilen oder dieselben ein anderes Instrument erlernen, dessen Erwerbung weniger kostspielig ist. Die Aesthetik des Klavierspiees weist aus den bildungswichtigsten pädagogischen Gründen mit logischer Konsequenz auf ein Anlehnen an das Gesangliche hin, denn die Melodie ist die Seele der Musik. Dieser Forderung kam in erfreulicher Weise bereits eine Anzahl der bedeutendsten Klavierpädagogen unserer Zeit: Breslaur, Volkmann-Raman, Riemann, Horak, Reitzmann, Zimmer u.a. in ihren Unterrichtswerken entgegen. ProsessorBreslaur will, dass vom ersten Anfang an selbst die kleinste Fingerübung durch Gesang lebendig gemacht werde. Lina Ramann und Riemann sehen beim Anfangsunterricht von abstrakttechnischen Uebungen ab und schöpfen das erste Lehrmaterial aus unserem reichen Melodien- und Liederschatz. Reißmann, Horak, Zimmer machen den gesungenen Ton zum Mittelpunkt ihrer Lehrmethode. Auch berühmte Virtuosen älterer und neuerer Zeit bekannten sich zu diesem Kurfftprinzip. Clementi, welchen Mozart einst wohl nicht ohne Grund einen bloßen Mechanikus genannt, gab zu, dass er früher seine Hanptstärke in der technischen Vollendung gesucht, das klavieristisch Schöne erst im seelenvollen Spiel gesunden, das er an der ausdrucksreichen Kantilene großer Sänger studiert habe. Hans v. Bülow leitet seine instruktive Bearbeitung des italienischen Klavierkonzertes von Joh. Seb. Bach mit folgenden bezeichneten Worten ein: ״Wo es sich um möglichst sprechenden Ausdruck auf einem melodrsch so wenig ausdrucksergiebigen Instrumente, als das Klavier immerhin ist, handelt, bedarf es des innigsten Anlehnens der Phantasie an die Leistungsfähigkeit eines seelenvolleren Klangmaterials. Die lebendige Erinnerung an die meisterlichen Interpretationen des Bach'schen Stils auf -dem ausdrucksfähigsten Jnstrummte, der