Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 25 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische I | Heb actton u. Administration Wien, 2. Novaragasse 27. K. k. österr. Postsparcafse Lheck-Lonto Nr. 835,240. K. ungar. ssostsxarcaffe Lheck-Lonto Nr. 4026. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Vtzütral-Orgaii für die Interessen der Cantoren und Crütusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Pränumerations-Preis. FürCant»«» u.Cultusbrnmte in V-fierrrirh-Angnrn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— FiirCr,nkorrn1r.Culrusbea1nre int Analrtnd Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Prioatr »ni» Instttnl« Ganzjährig . ... fl. 6.— Abonnrtnrntsn. Infortionsbeträge sind itr Mion zahlbar. Nr. 25. Wien, 1. November 1895. 15. Jahrgang. Nus Böhmen. Wie man bei uns Lehrerveteranen ehrt! Am 15. October 1855 trat der Lehrer Leopold Wei l in Patzau, politischer Bezirk Pilgram in Böhmen, seine Stelle als Lehrer an der israelitischen Schule in Patzau an und wirkt daselbst in gleicher Eigenschaft bis zum heutigen Tage, das ist October 1895, also volle 40 Jahre. Wir brauchen doch nicht hervorzuheben, dass er seiner Pflicht stets und vollkommen entsprachen; denn wer die Verhältniße der israelitischen Cultnsgemeinden im Allgemeinen und der in Böhmen im Besonderen kennt, weiß, dass unsere Cultusgemeinden aus dem geringsten Anlasse ihren Funktionär entlassen, einen Concurs ausschreiben, und flugs sind 20 andere Bewerber da, unter denen man sich bequem etwas Neues anssuchen kann. Leopold Weil aber hat seine Pflicht vollkommen erfüllt, das beweisen seine 40 Dienstjahre in einer und derselben Cultusgemeinde. Natürlich ist der Zähn der Zeit an ihm nicht spurlos vorübergegangen, ein Greis, ein Veteran im schönsten Sinne des Wortes, wirkt er aber trotzdem noch heute unverdrossen. Ganze Generationen hat er herangebildet, und mit Bedauern sei es konstatiert, der gegenwärtige Cultns- Vorstand besteht durchwegs aus seinen Schülern. Bei der letzten Generalversammlung des israelitischen Landeslehrervereines in Böhmen, welcher auch Leopold Weil beiwohnte, wurde es bekannt, dass er im October sein 40. Dienstfahr vollendet. Ein Vereinsmitglied stellte nun den Antrag, der Vereinsvorstand wolle sich mit dem Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde Patzau ins Einvernehmen setzen und für Sabbat den 19. Oktober einen solennen Festgottesdienst ansetzen, bei welchem ein Vereinsmitglied die Festrede im Tempel zu halten, sich erbötig machte, und da auch der Lehrerverein Mitglieder zählt, die Weils Schüler waren, sollten ihn diese im eigenen und im Namen des Vereines beglückwünschen. Von irgend welchen materiellen Opfern seitens der Cultusgemeinde und deren Mitglieder war keine Rede. Nun sollte man doch glauben, der Cultusvorstand in Patzau werde diese Gelegenheit gerne ergreifen, um ihrem Lehrer- Veteran eine Freude zu bereiten. Allem die Lehrer denken und die Cultusgemeinden lenken. Auf die diesbezügliche Zuschrift des Lehrervereinsvorstandes an den Cultusvorstand iu Patzau, schrieb Letzterer etwa Folgendes ״Patzau, am 23. September 1895. Da der größte Theil der Mitglieder für eine derartige Feierlichkeit keinen Sinn hat und sich auch nicht betheiligen würde, wurde endgiltig beschlossen, von einer öffentlichen Feierlichkeit gänzlich abzusehen." *) Wir sind überzeugt und die Erfahrung hat dies wiederholt gelehrt, wenn in der Fabrik oder im Geschäfte zu 3L ein Arbeiter 40 Jahre hinter einander einem und demselben Unternehmen treu, ehrlich und fleißig gedient, wie das Leopold Weil in Patzau that, ließe der Fabrikant oder Chef es sich gewiss nicht nehmen, den Veteran zu ehren, ja ihn der Auszeichnung Sr. Majestät zu empfehlen. Aber Leopold Weil ist kein Fabriksarbeiter, kein Commis öder Hausknecht in einem Privatgeschäfte, er ist ja nur Lehrer, jüdischer Lehrer an einer jüdischer Schule in Böhmen, er ist ja dafür gezahlt worden, wozu eine Feier, eine Auszeichnung?! Soweit ist es in Böhmen gekommen, soweit haben es die destruktiven Elemente gebracht, dass sich die Juden in Böhmen ihrer jüdischen Schulen und ihrer alten Lehrer schämen; denn die Schule in Patzau, die einst 2-klassig und von 86—90 Schülern besucht war, geht ihrer Auflösung entgegen. Da werden die c^sko zidovske ihre Freude haben. Man erzählt sogar, der Cultusvorstand hätte Leopold Weil 100 fl. von seinem Jahresgehalte abgenommen, doch wollen wir dies nicht glauben. So lange die Juden in Böhmen nichts vom Wiener Antisemitismus verspüren, dürften sie sich Ihrer Religion nicht erinnern. Die Arznei ist zwar bitter, aber eine Arznei ist es für unsere Juden. Es war auch ein großer Fehler, dass das Ministeriunr 197 Cultusgemeinden in Böhmen bestimmte, von denen 150 kaum oder gar nicht lebensfähig sind. Alles wollten sie schon haben, Rabbinen mit Doctor-Diplom, Cantoren wie Sutzer, Lehrer wie Dittes und Diesterweg, dafür 400, 500 und 600 fl. Maximum. Das wird aber nicht eher besser werden, solange die Cultusgemeinden auf jeden Concurs 10—20 Bewerber finden! *) Wie wir erfahren, hat die Gemeinde den Jubeltag ihres Lehrers dennoch festlich begangen. (Die Redaetion).