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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-10-11 · Heft 23 (11.10.1895) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 23 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Gösterreichisch-ung arische Lantoren-Aeitung. Seite 7. ein ungemein zahlreiches Publikum eingefunden, darunter zahlreiche Journal-Berichterstatter. Auch auf der. Straße vor dem Hause des Standesamtes hatten sich viele Neugierige versammelt. Der für Eheschließungen bestimmte Raum des Standesamtes befindet sich im ersten Stocke eines Bethauses in der Fabriksgaffe und ist ein dreisensteriger Salon,׳ der sehr einfach, aber würdig eingerichtet wurde. Ueber dem Tische des Standesbeamten prangen an der Längswand die Bildniße des Herrscherpaares, die von einer rothsammtenen Draperie umgeben sind. Der Raum scheint jedoch viel ztt klein für den großen Rayon der drei hauptstädtischen Bezirke, deren Matriken-Angelegenh eiten hier geführt werden sollen. Noch kurz vor Beginn der ersten Trauung wurden die Einrichtungsarbeiten vollendet. Das erste Brautpaar, das hier die Trauung vollziehen ließ, war das Fräulein Anna Mezei, Tochter des Reichtstags-Abgeordneten der Leopoldstadt, Moriz Mezei, eine niedliche, zarte Mädchenerscheinung, die im vollen Brautschmuck erschien, und Karl Krieszhuber, Director eines industriellen Etablissements. Als Zeugen fungirten der Richter am Obersten Gerichtshof, Dr. Sigmund Decsey, und der Großindustrielle Theodor Hnttl. Die Hochzeitsgesellschaft trug Festkleidung. Der als Matrikenführer fungirende Bezirksvorsteher v. Watray trug nach der Vorschrift der Durchführungs-Verordnung das nationale Gewand, die Attila und die Stiefelhosen; er hatte die tricolore Schärpe mit dem in Gold gestickten Wappen des ungarischen Staates angelegt und wurde beim Erscheinen im Saale durch das anwesende Publikum mit stürmischen Eljen-Rufen begrüßt. Er trat an seinen Tisch, kämpfte die sichtliche Bewegung nieder und sagte mit lauter, vernehmlicher Stimme zu dem Brautpaare: ״Sie sind hier erschienen, um nach den Gesetzen des ungarischen Staates eine Ehe einzugehen, nachdem Ihre Papiere sich in Ordnung befinden und die durch die Organe Ihrer Confession vollzogene Aufkündigung acceptirt wurde, nachdem Sie ferner im Sinne des Gesetzes gemeinschaftlich und in Gegenwart zweier Zeugen hier erschienen sind, walte ich meines Amtes als Matrikensührer." Er richtete sodann die im Gesetze vorgeschriebenen Fragen an Vas Brautpaar und sagte: die Ehe ist hiemit nach den! Gesetze des Staates geschlossen. Ich schätze mich glücklich, dass die erste Civil-Ehe hier eingegangen wurde und wünsche Ihnen Glück und Segen. Ich mache Sie aufmerksam, dass Sie hiemit den Vorschriften ihrer Religion noch nicht genügt haben." Auch diese Mahnung ist in der Durchführungs-Verordnung vorgeschrieben. Es folgte hierauf die Ausfertigung der Protocolle, und unter den stürmischen Zurufen des Publikums war die erste Civil-Ehe in aller Form Rechtens geschlossen. Die Hochzeitsgesellschast begab sich vom Standesamte unmittelbar in den festlich erleuchteten israelitischen Tempel in der Tabakqasse, welcher von einem außerordentlich eleganten Publikum, darunter vielen Reichstags-Abgeordneten, bis auf das letzte Plätzchen gestillt war. Bei der confessionellen Trauung wurden alle rituellen Gebräuche wie sonst eingehalten. Die cantorale Function, versah Ober-Cantor Lazarus. Die Ansprache an die Brautpaare begann Prediger Dr. Kohn sofort mit dem Hinweise darauf, dass dieselben bereits als getraute Ehegatten erscheinen, dass sie ihre Pflichten als gute Staatsbürger, welche das Gesetz achten, erfüllt haben, um nun auch ihren Pflichten gegenüber Gott und ihrer Religion zu genügen. Dieses Thema variirte der Prediger in schwungvollen Worten und erklärte schließlich, dass die nach den Gesetzen des ungarischen Staates geschlossene Ehe des Brautpaares nunmehr auch nach den Satzungen der jüdischen Religion geheiligt worden sei. Damit war auch der kirchliche Th eil der Trauung zu Ende. Budapest, 7. October. Die vereinigte Dreier-Commission des Magnatenhauses verhandelte heute Mittags die einzige, noch nicht erledigte, kirchenpolitische Vorlage über die freie Religionsübung, beziehungsweise das betreffende Rennntium des Abgeordnetenhauses. Von der Regirung waren Minister-Präsident Baron B a n f f y, Cultnsminister Dr. W l a s s i c s und der Minister des Innern, v. Perczel, anwesend: Die Opposition war nur durch den Grafen Nikolaus Moritz E st e r h a z y und Bischof Du Schuster vertreten, der sich jedoch vollkommen passiv verhielt. Graf Esterh azy erklärte,- dass er aus Opportunitätsgründen im Ausschüße keine größere Debatte provociren wolle, sich aber für das Plenum Vorbehalte, seinen alten Standpunct zu vertreten. Die Liberalen befanden sich in erdrückender Majorität, und es wurde im Sinne des Renuntiums des Abgeordnetenhauses beschlossen, den Uebertritts-Paragraphen in diesen Gesetzentwurf in der Weise aufzunehmen, dass die den Uebertritt regelnden Verfügungen des interconfessiionellen Gesetzes vom Jahre 1868 einfach auf fümmtliche recipirte Confessionen, daher auch auf die Juden, ausgedehnt werden. Venedig. Die so populäre und sympathische Königin Margherita von Italien studiert fleißig die hebräische Sprache, um die von ihr bewunderte jüdische Litteratur im Urtexte kennen zu lernen. Vor kurzem empfieng sie den hiesigen gelehrten Rabbi Caro Porto und behandelte ihn mit auszeichnender Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit Noch vor Thorschluß gelangte an uns eine F.stssgabe unter dem Titel ״Schire Dowid" 20 Gesänge für das Neilah-Gebet für Cantor, Solo und gemischten Chor, comp, von David Nowakowsky Cantor in Odessa, Preis 3 Rubel. Das Werk zeigt von der Meisterschaft des Autors in der thematischen Behandlung und polyphonen Schreibart bei den in engen Grenzen gehaltenen Tongebilden. Erfüllt von dem geistigen Gehalt der Texte, weiß der Compsnist ohne Umschweife sein Ziel zu erreichen und wirkt stimmungsvoll in würdigster Weise auf das Gemüth der Andächtigen. Die in echt jüdischem Stile gehaltenen Nr. 18 und 19 Atto nosen jod und Atto Mw־ dalto erinnern an Bezalel und David Brodi und werden sich vortrefflich für den Cantor und 4 stimmigen Chor verwerthen lassen. Der Autor beabsichtigt die ganze Synagogen-Liturgie in Heften folgen zu lassen. Möge schon die erste Lieferung die verdiente Beachtung finden. M. Tin tu er, Bunzlau. ״Schlichte Worte;unr Sefer Hajoschor oder allgemeine Vorrede zur biblischen Geschichte" von Leopold Buxbaum, Wien, 1895. Der in pädagogischen Kreisen als Religionslehrer vortheilhaft bekannte emeritirte Rabbiner, Hr. Leopold Buxbaum (Wien, II., Leopoldgaffe 26) welcher erst zu den heurigen Osterfciertagcn eine höchst schätzenswerthe Uebersetzung und Erklärung der Hag ad ah, unter dem Titel ״Tiktui lei Schimurum“ herausgcgeben hat, veröffentlicht nun unter obigem Schlag- Worte eine Pragrammschrift, in welcher der gelehrte Verfasser in warinen, aus dem Herzen kommenden Worten den Standpunkt beleuchtet, von welchem aus der Unterricht in Bibel und biblischer Geschichte erthcilt werden müsse, wenn derselbe von wirksamem Erfolge begleitet sein soll. Dieser Erfolg, das wird Jedermann zugeben müssen, kann kein anderer als der sein, die Vertiefung und Kräftigung des jüdischen Bewusstseins bei der israelitischen Jugend zu erzielen. Dass dies bisher trotz des Bibelunterrichtes nicht gelungen ist. braucht wahrlich nicht erst gesagt zu werden. Unsere Jugend geht mit einer fast an Frivolität grenzenden, frühreifen Gleichgiltigkeit über alles Heilige und Erhabene hinweg und sie betrachtet den Bibelunterricht wie einen andern ihr mehr oder minder mißliebig gewordenen Schulgegenstand, der ״obligat" und blos des Zeugnißcs wegen da ist. Die Schuld dieser betrübenden Erscheinung liegt aber gerade an der Art und Weise, wie bisher der Unterricht in Bibel und biblischer Geschichte gehandhabt worden ist. Mit einer dürftigen, oft ohne Zusammenhang mit dem Ganzen, nur den knappen Wortlaut des Textes wiedergebenden liebersetzung ist und wird gar nichts erreicht. Hier muß das lebendige, aus dem Herzen quellende Wort des Lehrers eingreifen, der es verstehen muß, die biblischen Gestalten als die ewigen Muster und Vorbilder der Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschenliebe, Tugenden, wie sie das Jndenthum zuerst verkündet hat, zu verkörpern. Herr Buxbaum hat nun den glücklichen Gedanken erfasst, das 8״eter Hrgosehor", welches alle frommen Legenden des Pentateuchs in einer das Gemüth so wunderbar ergreifenden klassischen Schlichtheit zu erzählen weiß, dem Unterrichte in Bibel und biblischer Geschichte zu Grunde zu legen, und knüpft daran die Hoffnung, der wir ebenfalls Raum geben, dass durch die eingehende Behandlung dieses den jugendlichen Sinn fesselnden Buches ein besserer Geist Platzgreifen werde. Haben doch die mythischen Sagen des Alterthums nie verfehlt, auf Gemüth. und Phantasie der Jugend nachhaltig zu wirken. Wir wollen uns eine Besprechung des Buches nach Erscheinen noch Vorbehalten und empfehlen einstweilen die angezeigte Broschüre allen jüdischen Religionslehrern und Familienvätern, denen religiöser Sinn noch heilig ist, zur Beherzigung. Dieselbe ist gegen Einsendung von 20 kr. Briefmarken vom Verfasser zu beziehen. - I. Beruh. Straffer. An alle Herren Abonnenten» namentlich in Ungarn, wo uns der lediglich im Interesse und zur Bequemlichkeit der Abonnenten eingeführte Postcheck-Verkehr bedeutende Auslagen verursachte, richten wir das dringende Ersuchen, den Abonncmentsbetrag, sowie die eventuellen Rückstände mittelst des Ihnen mit voriger Nummer zugesandten Post-Checks umgehend einsenden zu wollen. Wir möchten denn doch einmal der vielen unliebsamen Mahnungen enthoben sein. Die Rdmiwrstrntzrvn.

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