Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 15 (15.6.1895)
- Date
- 1895-06-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite 5 M. 15. Auch der Nationalökonom findet hier eine Sehenswürdig- -keit, die ״Israelitische. Erziehungsanstalt Ahlem", die.fünfzehn, Minuten von -dem kleinen Schwefelbad ״Limmerbrunnen", erreichbar, durch die elektrische Bahn, gelegen ist und ein Terrain von 70 hannoverschen Morgen einnimmt. Landschaftsgärtnerische Anlagen, durch ein dauerhaftes und schönes Eichenknüppelstaket nach der Landstraße abgegrenzt, bilden den vorderen Theil der Anlagen, und dreißig Morgen Land, bedeckt mit ungefähr 50.000 jungen Obstbäumen mit Erdbeerrabatten, Rosenbeeten, Beerensträuchen und verschiedenen Gemüsen. Kaum ein und ein Halbes Jahr ist seit der Gründung verflossen, und schon zeigt das üppige Wachsen der Pflanzen, dass geschickte Hände hier walten. Der Begründer der Anstalt ist der in den Kreisen der hannoverschen Gärtner als Gartenfreund bekannte amerikanische Vice-Consul Alexander Moritz Simon. Ungefähr 50 jüdische Knaben aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs lernen hier praktisch den Ackerbau, die Gärtnerei und einige von ihnen auch Handwerke. Das Hauptgebäude der Anstalt ist dreistöckig; hier befinden sich die gemeinsamen, luftigen Schlafsäle. Um 5 Uhr im Sommer, eine Stunde später im Winter beginnt das Tagewerk. Lehrlinge und Schüler nehmen nach dem Morgengebet in dem Speisesaale das Frühstück ein, und um 7 Uhr beginnt für die Schüler der Unterricht in der zweiclassigen Volksschule, den der Director und ein Hilfslehrer leiten. Um 12 Uhr schließt die Schule, die um 9 Uhr von einer Frühstücks- und sonst von kurzen Erholungspausen unterbrochen wird, und ein gemeinsames Mittagsessen vereinigt Lehrer und Zöglinge. Nach dem Essen treten im Sommer die Schüler im Garten an, und leichte gärtnerische Arbeit bereitet die Knaben für ihren künftigen Beruf vor. Ist das Vesperbrod eingenommen und sind die Schularbeiten beendet, so wandert die ganze Schaar Schüler um 6 Uhr im Sommer nach dem nahegelegenen Flussbade zum Schwimmunterricht; bei schlechtem Wetter und im Winter sorgt das Brausebad für die Reinlichkeit und die geräumige Turnhalle für allseitige Körperausbildnng. Um?1/2 Uhr wird das Abendessen eingenommen, und um 8 V« ist Schlafenszeit. Die Lehrlinge arbeiten mit den nöthigen Pausen von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends und gehen im Winter täglich, im Sommer Sonntags zur Fortbildungsschule. Bei ungünstigem Wetter werden allerlei nützliche, in das Gärtner- und Ackerbaufach einschlagende Handarbeiten gelehrt. Des Sonntags und in den Ferien werden Ausflüge gemacht, wozu die abwechslungsreiche Umgegend Gelegenheit zur Genüge bietet. Schon jetzt ist, um einzelnen der Knaben Gelegenheit zur Erlernung von Handwerken zu geben, eine Schlosserei und eine Tischlerei mit der Anstalt verbunden, und eine Bäckerei wird bald folgen. Da außer dem Remisenraum zwei große Gebäude errichtet sind, so können 60 Zöglinge Platz finden. Treibhäuser lehnen sich an die Hauptgebände an, deren größtes die Wohnung des Directors mnd des Lehrers, die Schlafzimmer, den Schlaf- und den Speisesaal, eine sehr geräumige Küche, das Brausebad, die Waschküche, die Turnhalle und Kellerräume enthält. In dem .zweiten Gebäude wohnt der Obergärtner mit seinen Gehilfen, hier liegen auch die Werkstätten. Das dritte Gebäude enthält bie Stallungen und dient als Scheune und Remise. Die Anstalt strebt ftisch und munter auf, die Knaben gedeihen an Leib und Seele, es ist nur noch nöthig, dass sich mehr Gönner finden, die das Unternehmen wirksam unterstützen,! damit es sich noch weiter vervollkommnen und erweitern könne - und damit dann seine Erfolge auch in anderen Theilen Deutsch- Alands zur Nachahmung reizen. Kleine Chronik Wien. Der verantwortliche Redakteur unseres Blattes, Herr Alois Kulka (״Correspondenz Kulka") wohnt von mm ab I., Fahnengasse Nr. 1. Wien. Dienstag den 4. Juni, 1/2 4 Uhr Nachmittags wurde im Betsaale des israel. Blindeninstitutes, Hohe Warte, eine Gedächtnisfeier für den verewigten Präsidenten der Anstalt, Herrn kais. Rach Dr. Bernhard W ö l f l e r, veranstaltet, an welchem nebst der Familie des Dahingeschiedenen das gesammte Curatorium mit den Damen Baronin K ö n i gswarLer, Baronin Openheimer, Frau v. Pfeiffer, sowie die Herren Eultus- Präsident Gustav Sim o n, Ritter v. T a u f s i g, Dr. K o h n, Dr. S t e i n, E n g e l und zahlreiche Gäste, so Lector Friedmann, Obercantor Bauer rc. theilnahmen. Die Feier wurde mit einem stimmungsvollen ״Matowu", componirt von dem ehemaligen Jnstitutszöglinge Storch eingeleitet, worauf Herr Obercantor S i n g e r das Minchagebet in wahrhaft erhebender Weise recitirte. Die folgende Gesangspiece ״Ach Elohim" von Prof. Sulzer, wurde unter Leitung des Gesangmeisters des Blindeninstitutes Obercantor Singer vom Zöglingschore so kunstgerecht und seelenvoll zu Gehör gebracht, dass selbst der strengste Kritiker der Bewunderung über solch" hervorragende Leistungen sich nicht entschlagen konnte. Fürwahr, es setzt eine große Summe von Arbeit voraus, um einen Zöglingschor auf eine solche Höhe des Kunstgesanges zu bringen. Die Trauerrede des Herrn Director Heller, welcher die großen Verdienste und das humanitäre Wirken Wölflers mit beredten Worten schilderte, rief sowohl bei den Zöglingen, welche den heinigegangenen Präsidenten wie einen Vater verehrten, als auch bei den Gästen einen mächtigen Eindruck hervor. Nach Beendigung der Trauerfeier wurde dem Herrn Director Heller und dem Herrn Obercantor Singer durch die anwesende Familie und auch von Seite der Frau Baronin Königswarter schmeichelhafte Anerkennung ausgesprochen. — r. Wiyn. (Trauer-Feier für den verewigten Wilhelm R. v. Gutmann.) ״Was vergangen, kehrt nicht wieder, doch gieng es glänzend nieder, leuchtet"s lange noch zurück!" — Dieses das scheidende Tagesgestirn symbolisirende Dichterwort kann auch mit vollstem Rechte auf edle Seelen angewendet werden, die der Sonne gleich auch im Sinken noch verklärend und fruchtbringend fortwirken, vom Jenseits aus ihre segensreichen Werke fortsetzen. Dies gilt besonders von dem hochedlen, so sonnigen Mann, dem die Trauerfeier im schwarzdrapirten und hell erleuchteten Tempel der Leopoldstadt am 5. Juni, Abends gewidmet war. Es erschienen zu derselben die Glieder der Familie v. Gutmann, der Gesammtvorstand der isr. Cültusgemeinde, der Bethausvorstand, der Lehrkörper des jüd. theol. Seminars, Deputationen aus den Vororten mit ihren Rabbinen u. s. w. Nach dem Minchagebete trug Herr Obercantor Gold-- stein mit mächtig ergreifender Stimme Psalm 49 mit Chor und Harmoniumbegleitung vor. Bezüglich der vortrefflichen Gedenkrede des Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl kann gesagt werden: Em gomrim es hahallel und soll blos in Kürze der Gedankengang flizzirt sein. Wie die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen gleichsam als Scheidegruß uns zusendet, so ruft uns aus einer anderen besseren Welt der Heimgegangene ״Engel in Menschengestalt" die Mahnung zu: Behaltet mein Bild im Herzen, mein Vorbild im Gedächtniße und ihr werdet in meinem Sinn und Geiste weiterwirken, dann wird das leuchtende Vor- und Musterbild Wilhelm v. Gutmanns uns stets als Leitstern im Leben begleiten, aneifernd und befeuernd zu gleichen Thaten und dann erfüllt sich in Wahrheit das trostreiche verheißungsvolle Wort: Secher Zacldik Liwroehoh! Obercantor Goldstein trug darauf in meisterhafter Weise düs EI mole rachmim vor und nachdem er nach demselben noch Psalm 42 in deutscher Sprache mit dem Tempelchore gesungen hatte, schloß die schöne, denkwürdige Feier, die sicherlich allen Theilnehmenden in dauerndem Ge-