Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (21.4.1895)
- Date
- 1895-04-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 10. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung <Zeite 7. Auf Grund des Paß-Ustaws vom Jahre 1893 sei den Juden die Ansiedlung und der ständige Aufenthalt in dem Don-, Kuban- und Ter-Gebiet verboten. In Folge dessen tonnen sie Liefe Gebiete nur vorübergehend für bestimmte Fristen besuchen, und zwar nur in Fällen, die in dem Paß-Ustaw einzeln aufgezählt sind. -Eine Bestimmung, dass Juden das Recht hätten, aus dem Wohnorte ihres Ansiedlungsrayons in die übrigen Gegenden des Reiches zur Cur zu reisen, befinde sich in dem Ustaw nicht. Nach den geltenden Gesetzesbestimmungen dürften die Juden zu klinischer Behandlung oder zum Gebrauche von Mineralwässern nur nach Kiew reisen. Es seien aber laut Bericht der kaukasischen Obrigkeit Juden auch zur Cur in die kaukasischen Mineralbäder (Pjaüyarsk, Shelesnowodsk, Essentuki. Kißlowodsk) gekommen. Da sich auch im Don- und im Kuban- Gebiete Mineralbäder befinden, so thue der Kriegsminister der Obrigkeit der kaukasischen Kosakentruppen und des Don'schen Heeres zur Nachachtung kund, dass nach dem Gesetze den Juden die Reise nach dem Don-, Kuban-, und Ter-Gebiet sowol zur Benützung der Mineralwässer als auch überhaupt zur Heilung von Krankheiten verboten sei. Der Petersburger Correspondent bemerkt zu diesem Circulär des Kriegsministers: Krank werden dürfen also die Juden auch in Rußland, Heilung suchen dürfen sie aber nirgends, außer in Kiew, das heilkräftige Mineralquellen bekanntlich nicht besitzt. In Livland ist der dortige Gouverneur schon vor längerer Zeit in dieser Richtung Lorgegangen, indem er die Benützung der heilkräftigen Kemmernchen Schwefel- und Moorbäder den Juden verboten hat. Kunst und Mteratur. Fest-Concert des Confervatoriums, anlässlich des 25 jähr. Jubiläums am 18. März 1895. — Hansens Meisterwerk, das Gebäude der Gesellschaft der Musikfreunde, welches heute noch Bielen Bewunderung entringt nnd vor 25 Jahren unter der Direction Hellmesberger erössnei wurde, hatte am 18. März sein 25-jähr. Jubiläum bestanden. Eine stattliche Anzahl von Schülern und Schülerinnen, von denen der größte Thei! eine hervorragende Stellung in der Welt bekleidet, verdanken ihre Aus- Lildung dieser Anstalt. Wir können dabei nicht unerwähnt lassen, dass dieses Institut unter Director Fuchs, dessen ungemein nützliches und unermüdliches Wirken auf dem Gebiete der Musik geradezu staunenswcrth ist, manch' nennenswerthe Besserungen erfahren hat. Dass das Festconcert in so würdiger Weise seinen Abschluss fand, ebenso das vortreffliche Arrangement des Programmes, auf welchem wir die Namen, der während der Epoche Lesthervorgegangenen Abiturienten verzeichnet sahen, istdes bewährtenDirectors Verdienst. Eröffnet wurde die Feier mit dem Bach'schen Concert für 3 Claviere von den Lehrern des Conservatoriums Sturm, Zottmann und Ludwig, welche diese schwierige Aufgabe mit Beweis ihrer Auffassungsgäbe leicht lösten, vortrefflich zu Gehör gebracht, infolgedessen eS keineswegs an Beifallskundgebungen fehlte. Während der Bach'sche Contrapunct uns noch immer durch den Kopf summte, erschien der Liebling des Wiener Publikums, F r l. Paula Mark, vom Publikum mit anhaltendem Beifall begrüßt. Trotz ihrer Indisposition wu'ste sie durch die mit Verständnis vorgetragene Arie ״(Ihr, die ihr Trieb") aus Mozarts Figaros Hochzeit, sowie Lieder von Mottl, Nein hold und Wolf, das Publikum zu entzücken und musste infolge des anhaltenden Jubels sich zu einer Zugabe des Brahms'schcn Liedes ״(Wie grünt die Liebe)" entschließen. Von den Liedercompositioncn sprach Wolfs ״Elfenlied" am meisten an. Felix Mottl -gefällt uns als Dirigent bei weitem besser, als Liedercomponist nimmt er einen bescheidenen Platz ein, ebenso wie Reinhold. Das bewährte Hellmesberger-Quarsiett, das wir heute als Strcich-Sechstett verwandelt sahen, verschaffte uns den meisterhaften Vortrag der Mendelssohn'schen reizenden Compositionen 1. und 3. Satz einen wahrhaft künstlerischen Genuß, welchen man nicht besser als durch reichlichen Beifall lohnen konnte. Die 4. Nummer des Programmes verdient eine nähere Beachtung. Es ist dies Alexander Zemlinszky's reizende Orchester-Suite. Dieses reife, durch Originalität sich auszeichncnde aus 3 Sätzen bestehende Werk vom Zöglings-Orchester wirksamst zu Gehör gebracht, zeigt von entschiedenem Talente, und bedeutet dem jungen Componisten einen großen Erfolg in seinem Wirken. Phantasie, Stimmuug und Leidenschaft gehören zu seinen guten Eigenschaften. Wenn er auch manchesmal vom Baume der Erkenntnis naschte, wollen wir ihm das gerne verzeihen, da doch verbotene Früchte gut schmecken, und wir wissen, dass er dieser ״Naschhaftigkeit" aus eigenem Triebe entsagen wird. Viel Stimmung und Phantasie ist namentlich im 1. Satze, welcher uns um besten gefällt und als wahres Stimmungsbild bezeichnet werden kann. Zu suchen. Zuweilen macht sich der Componist durch dramatischeAccente in seiner Leidenschaft Luft, was wir auf sein Temperament zurückführen. Eine kleine Erfrischung nach der Legende wurde uns durch den mit Schwung ge- .arbeiteten und sich durch Rythmen auszeichnendcn 2. Satz (Reigen), welchem Worte der Coinponist in jeder Weise gerecht ward, geboten. Hier credenzt uns Zemlinszky eine Fülle herrlicher Melodien, durch die wir uns ver- Pflichtet fühlten, nnd ob man sich hingeben wollte oder nicht, die angenehme Stimmung die Oberhand behielt. Ganz würdig der Legende und dem Reigen ist die Humoreske, welche den 2 Sätzen an Erfindung überlegen ist. Manchesmal kommt es uns vor, als ob nach den prickelnden Motiven pikante Ballerinen ihr Spiet treiben würden. Wir bewundern das übermüthige Orchester und haben dabei gefunden, dass sich Zemlinszky einer besonderen Versirtheit in der Jnstrumentirung erfreut. Der Componist konnte den Beifallsbezeugungen nicht genug danken und musste den Herren Löwe, Kukula, Strasky, Schmidt, Nowak und Böhm, welch' Ludwig Thuiles Sextett für Clavier, Flöte, Oboe, Clarinett, Horn und Fagott mit Geschmack vortrngen, den Platz räumen. Den Glanzpunkt des Abends bildete Brahms Erscheinen auf dem Dirigentenpulte. Mit unbeschreiblichem Jubel empfing man den genialen Meister, welcher seine akademische Fest-Ouverture persönlich dirigirte. Das Wiener Publikum, welches Brahms seit 1884 auf dem Dirigentenpulte misste, konnte heute den großen Contrapunctiker, der den Taktstock wir ein feuriger Jüngling schwang, genau betrachten. Die akademische Fest-Ouverture, schon von früher bekannt, ist eines der geistvollsten und schönsten Arbeiten Brahms, und kaum waren die letzten Takte der Ouvertüre verklungen, als sich ein nicht endenwollender Beifall erhob und Meister Brahnrs Gegenstand herzlicher Ovationen war. Bald hätten wir auf Robert Gound vergessen. Dieser diesmal von ״Fortuna" nicht Begünstigte hat entschieden einen Mißgriff mit Lemke's Gedicht ״Der Jlsenstein" gcthan, zu welchem der Componist die melodramatische Orchesterbegleitnng schrieb. Ueber dieses undankbare Werk, zu welchem Frl. Bleibtren die Worte sprach, lässt sich überhaupt wenig sagen, obwohl der Componist, diesmal arm an Erfindung infolge zu starker Beeinflußung von Wagner und Goldmark, mit mehr Sorgfalt hätte zu Werke gehen können. Man wusste anfangs nicht, ob man den schönen Vortrag des Frl. Bleibtreu oder den Componisten anhören sollte, und am Schlüße kam man in die angenehme Lage, das zu wissen, was man am Anfang wusste. Robert Gound ist uns ja von früher als talentirt bekannt, und wir, hoffen, dass ec diesen Schaden gut machen wird. All' die Nummern, welche diesmal von dem besonders distinguirten Publicum mit großem Beifall ausgenommen wurden,bewiesen, mit welch' sichtlichem Interesse man diese Feier verfolgte. Otto Schick. Die drei Belfer, Cnlturbilder aus Galizien. Bon Marek F l r k o w i c z, (Wien, 1894. Mor. Perlcs.) Eine Tendenzschrift im guten Sinne ist vorliegende Monographie, da die in ihr dem jüd. Lesepublikum gebotene, interessante Erzählung die schöne und löbliche Idee vertritt, die galizischen Glanbensbrüdcr für Schule und Handwerk zu gewinnen und dem mörderischen und verknöchernden ״Cheder" daselbst den Boden zu entziehen. Dabei lässt der geehrte Verfasser der conservativen Richtung im Judenthum volle Gerechtigkeit widerfahren, indem er hervorhebt, dass diese, trotz des erschwerten Kampfes ums Dasein, ideale Gesinnung und höheres Streben sich stets zu erhalten wusste, was leider von der Neologie nicht immer behauptet werden kann. Immerhin ist der Tadel vollauf berechtigt, dass jene, die sich den Klauen des Fanatismus und der Finsternis der Unbildung entwanden, sich nicht eifrigst bestreben, ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen mit vereinter Hand emporzuheben, so in Rußland, so in Galizien. Hier hat die Baron Hirsch-Stiftung nach drei Seiten hin neben der Allianz fördernd und veredelnd zu wirken, reiche Gelegenheit, denn ״die Ernte ist groß, und nur wenige sind die Arbeiter!" Dies das Motto des kleinen, aber inhaltreichen Schriftchens, das dem wahrhaft liberalen, um Cultur und Fortschritt hochverdienten Herrn Rcichsrathsabgeordneten Ed. N. v. Gnicwocz-Olexow, gewidmet ist. ״Die drei Belfer" sind jeder ein seif made man, int besten Sinne des Wortes, die sich durch Fleiß und Tüchtigkeit emporgerungen und emporgeschwungen: mögen ihnen viele nachfolgen im Gebiete von Schule, Handwerk und Ackerbau, dann ist die schöne Zeit nicht mehr ferne, die ״uns das Evangelium der Menschenverbrüderung bringt!" G. Diejenigen geehrten Herren Abonnenten, weiche den Abonnements betrag für das lausende Quartal welches am 1. April begonnen hat, noch nicht eingesendet haben, werden ersucht, dies umgehend zu thun, damit nicht wieder unliebsame Rückstände entstehen. Die Administration. Synagogen-Ornate für Cantoren, Rabbinen and Chor verfertigt billigst und geschmackvoll J. GOLDSTEIN, Schneidermeister Wien, II., Taborstra^se. Daselbst werden auch alle Gattungen Herrenkleider feinst und billigst ausgeführt. (Tij.eil2:a<111־a.2ag־ez1 Ibewilligrfc),