Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 7 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5i: Nr. 7. Gesterreichisch-ungariscke Lantoren-Aeitung. mal bei den Haaren (sie waren sehr lang) bis an die Stubendecke (sie war sehr niedrig) emporgehoben und so zappeln lassen zwischen Himmel und Erde. — Möge ihm die Erde leicht und der Himmel offen sein! In dieser Schule lernten wir trotz des Lärms ganz leidlich schreiben und lesen, und sogar Dinge, die uns heute zu gelehrt wären. Haben wir nicht als sechsjährige Knaben die Bibel aus der Ursprache übersetzt und im achten Jahr sogar ״Dickdik" gewusst: eine Disciplin, die heute zwanzigjährigen Klerikern wie ein Mysterium erscheint? Denn nicht jeder Pfarrer weiß so genau darüber Bescheid, wie wir es wussten, wie es nämlich komme, dass das einzige Wort ״Wajiskadosch" soviel heiße, wie die fünf Worte: ״Und es soll geheiliget werden" . . . Dabei wussten diese Lehrer oft mehr als im Büchel stand und fanden bald heraus, wer ein ״guter Kopp" sei und es in der Welt zu etwas bringen würde. So hat Herr Back mit großem Scharfsinn prophezeit, dass ich sicher ein großer —^Rabbiner Waben würde, Dir konnte er freilich keine so große Laufbahn Voraussagen, höchstens die Carriere eines ״Vorsängers", wie Dein Vater war, dem Du seine Tempelmelodien nachträllertest oder vielleicht vorträllertest! Diese Melodien! Ich habe Deinen seligen Vater nicht mehr gehört, aber Chone, der Chasen (und Notär), steht noch vor mir, wie er an hohen Festtagen zu den heiligsten Stellen die Stretta aus dem ״Troubadur" oder die Melodie von ״An der Quelle saß der Knabe" näselte. Denn durch die Nase zu singen, galt als besonders heilig, imd ueue Melodien zu finden, war eine Brodfrage ftir den Cantor, sollte er nicht durch einen polnischen "Coloratursänger, der mit drei, vier ״Zuhältern" auf Quartettproductionen reiste, verdunkelt werden. Welcher Zufall hat Dich armen Musensohn davor bewahrt, ein solcher fahrender Sänger , zu werden? Wer hat Deinem armen. Vater die Courage eingeflößt, Dich beim chnstlichen Dorflehrer den Unterricht auf der Geige nehmen zu lassen, jener Geige,, von der Du im Orchester des Oedenburger Theaters gelebt hast, und mit der Du, ein halbes Kind noch, nach Wien, gezogen bist, um. bei Jansa wissenschaftlichen Unterricht zu nehmen? Ach, wir sind nicht gläubig mehr, seitdem wir die heilige Gemeinde von Deutsch-Kreutz verlassen haben, sonst Das war ein großer Tag in Kamienez Podolski, als Monderisch Edelstein in einer funkelnagelneuen Britschka, mit drei feurigen kleinen Pferden bespannt, noch in Uniform, mit dem Abzeichen eines Sergeanten, die Kriegsmedaille auf der Brust, seinen Einzug hielt und von sämmtlichen Edel-, Silber- und Bernsteinen. mit lautem Jubelgeschrei empfangen wurde. Halb Kamienez begleitete ihn dann, als er mit seinem Vater zu dem Hause.des reichen Gerson Davidowitsch fuhr, um feierlich Lewas Hand von ihm zu verlangen. Kaum hielt der Wagen, lief ihm schon das arme Mädchen, weinend imd lachend zu gleicher Zeit, entgegen, und als Monderisch, nicht ohne Mühe, abgestiegen war, hing Lewa auch schon an seinem Halse. ׳ Da gab es wenig mehr zu diplomatisiren. Nachdem Lewa Monderisch vor halb Kamienez als ihren Verlobten begrüßt hatte, konnte Gerson nicht mehr Nein sagen. Seine letzten Bedenken schwanden vor der Schenke und der Branntweinbrennerei, die Geschichte mit den. hundert Gewehren erfüllte ihn aber schließlich sogar mit eurer Art von Bewunderung für seinen künftigen Eidam.; , ״Er ist ein Genie", sagte er im Vertrauen zu . seinen besten Freunden, ,,im Krieg, wo alle nur daran denken zu schießen, hat er gemacht ein Geschäft! Der. reine Rothschild". würden wir nicht von ״Zufall" sprechen, sondern vom Finger' Gottes und seiner ewigen Bestimmung. Und doch sind wir gläubig, denn wir glauben an jene Bestimmung, die aus dem ärmsten und drmkelsten Nest den unwissenden Knaben früh in die Ferne drängt ohne Aussicht, aber viel Hoffnungen, ohne Hilfe aber viel Muth — nach einem Ziel, das er sich kaum vorzustellen vermag, das er aber als ein hohes, lichtes ahnt. Diese Bestimmung kommt auch von Gott, und sie heißt Talent. Sie folgt einem Naturgesetz, wie der Same, wenn er keimt, wie das Wasser, wenn es sich ergießt. Mir muß das Wasser abwärts fließen, das Talent aber in die Höhe. Dich hat es emporgetragen, guter, stiller Meister, nicht im Fluge, aber in stillem, fast unbemerkten Schweben, zu einem Punkt, wo das Kind von Deutsch-Kreutz mit Stolz von einer Nation begrüßt wird. Diese Woche hat Dich als Triumphator gesehen in einer Hauptstadt, die an Reichthum und Bildung eine ebenso glänzende und unverhoffte Carriere gemacht hat, wie irgend ein Sohn ״armer, aber ehrlicher Eltern". Ich sah noch nie einen berühmten Mann brilliren, ohne dass mir einsiel: Was müsste seine Mutter empfinden, wenn sie ihn jetzt sähe? Und so ist mir in dieser Woche, deren musikalischer Held Du warft, unsere Mutter, das Judendorf, eingefallen. Wenn sie diese Zeilen lesen, die Deutsch-Kreutzer, so werden die Jungen die Alten fragen und diese die noch Aelteren, bis ein zitternder Greis sich findet, der Deinen Vater vielleicht gekannt hat. Und Alle werden schrecklich stolz sein auf Karl Goldmark — aber Keiner wird unterlassen, zu fragen: ״Ein großer, gewaltiger Mann, aber isst er noch koscher? Tobias. Sprechen und Singen. Die Pflege der ausgebildeten Stimme, Sei eine Stimme auch noch so gut ausgebildet, es muß doch viele Mühe darauf verwandt werden, sie auch stets im guten Stande zu erhalten. Zwar hat jede Regel ihre Ausnahmen, und es gab und giebt Sänger, die mit so vorzüglichen Organen ausgestattet sind, dass sie eine unvergleichliche Stimmkraft auch unter Verhältnißen sich bewahren, von denen man erwarten sollte, dass sie auch die besten Stimmen gründlich zerstören würden. Indessen dürfen solche bevorzugte Naturen nicht solchen von mehr gewöhnlichem Schlage als Beispiel dienen. Das Schicksal des irdenen Topfes in der Fabel sollte denjenigen zur Warnung dienen, welche da glauben, dass sie ungestraft es den Gottbegnadeten gleich thun könnten. Vor allen Dingen bedürfen die Kehlkopfmuskeln des Sängers einer Uebnng, wie die Finger des Geigers, wenn sie stets geschmeidig bleiben und dem Willen präzis gehorchen sollen. Die einzelnen Uebungen seien von kurzer Dauer aber häufig. ״Kein Tag ohne Gesang" sei der Wahlspruch des Sängers. Hin und wieder eine Handvöll Noten singen, ist besonders empfehlenswerth ''als Vorbereitung fiir eine größere stimmliche Leistung. Manche großen Sänger pflegen sich bei Stimme zu erhalten, indem sie vor Tagen, an welchen ganz besonders große Anforderungen an ihr Organ gestellt werden, häufig summen und gelegentlich Triller und Figuren a gorge deployee singen. Das Summen, wie besonders bemerkt zu sein verdient, eine Stimmproduction bei geschlossenem Munde darstellend, übt die Kehlkopfmuskeln, während das zeitweilige Lossingen mit voller Kehle alle Theile geschmeidig und dem Willen dienstbar macht. Natürlich ist es dagegen nicht׳ zweckmäßige dass der Künstler an den Tagen selbst, an welchen