Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 7 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453335-3453342--4229-3458668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Nr. 7. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. im. ersten Momente, als würde er eine ganz vergebliche Arbeit vollziehen, ein Danaidenfass stillen. Ist doch dieses Gebiet vollauf mit den schönsten und herrlichsten Gesängen versehen, hervorgegangen aus der schöpferischen Phantasie großer und rühmlichst bekannter Meister. Und dennoch! Unterziehen wir diese wahren Meisterwerke einer eingehenden Priifung, so gelangen wir alsbald zu der Ueberzeugung, dass mit denselben nur für die Großgemeinden gesorgt wurde, in denen dem Cantor größere Kräfte zur Verfügung stehen, nicht aber auch für die Landgemeinden, wo die Hebung des Gottesdienstes noch immer ein pium desiderinm ist und bleibt. So kommt es, dass der Landjude sich noch immer nach den Fleischtöpfen Egyptens zurücksehnt und mit Leib und Seele am ״Polnischen" hängt, ohne zu wissen, was er eigentlich sehr oft zu Gehör bekommt. Ein Geschnörkel, ein fadeudünnes Fistelchen, ein erzwungener Schrei, der ״Steine erweichen, Menschen rasend machen kann", und nach seiner Auffassung uni) seinem Berständniße hat der Cantor großartig ״polnisch" gesungen, er ahnt es im Entferntesten nicht, wie arg er getäuscht wurde, da das gehörte ״Polnisch" irgend einer Operette entlehnt ist, nach deren ohrkitzliger Arie schon so manche Schauspielerin mit Bravour getanzt hat. Neulich bekam ich erst einen ähnlichen Cantor zu hören. Der gute Mann nennt sich eine Größe, weil er selbst das übliche scholom aleehem mit Coloratur gibt, aber es fehlt ihm leider an dem, was den Cantor in erster Reihe zum Cantor qualifizirt, an Stimme. Trotzdem nennt er jeden, der weniger schnörkelt, einen böhmisch polnischen Chasan, selbst wenn es dem Betreffenden, natürlich als Schoßkind des Glückes, so meint er, gelungen ist, nach Pest oder Wien engagirt zu werden. Ueber derlei Erscheinungen erzählt man sich auch folgende Geschichte: Zum gottseligen Sulzer kam einst ein Cantor, der ebenfalls wegen seiner Coloratur von sich eine große Meinung hatte. Selbst zu Sulzer war sein Ruf gedrungen, weshalb er ihn auch freundschaftlichst begrüßte. Natürlich wurde auch gesungen. Der Gast sang, eigentlich er schnörkelte drauf los, worauf Sulzer die Bemerkung machte: ״Es ist nicht schlecht, aber von einem Hälsel kann ich keinen Scbabbes machen, lieber Freund, Ihnen fehlen 3 Dinge zum Cantorate: ״Stimme, Stimme und Stimme." Der ernstdenkende Cantor staunt und wundert sich oft, dass im gegenwärtigen Jahrhunderte noch derartige Missbräuche stattfinden, dass die heilige Stätte noch immer von Opern-Arien und Zotenliedern entehrt wird! Und woher kommt dies? Ich dachte hierüber nach und gelangte zu der Ueberzeugung, dass nur der Mangel au geeigneten melodischen und in jüdischem Style gehaltenen Gesängen die Veranlassung hievon ist, Gesängen, die auch mit kleineren Chören oder gar vom Cantor allein mit dankbarem Erfolge aufzufi'chren wären. Wohl haben in neuerer Zeit mehrere der geehrten Collegen eingesehen, dass die polnische Gesangsweise am?ande noch immer unentbehrlich ist, und es sind auch derartige Gesänge erschienen, doch wie immer und überall ist auch da das Ziel verfehlt worden. Die Gesänge sind, da sie zumeist mit Orgelbegleitung angelegt sind, für den Landcantor unverwendbar, denn nach Hinweglassung der Orgelbegleitung hat der Rest nichts Melodisches an sich und außerdem haben die meisten Werke den einen großen Fehler, dass sie zu theuer sind. Nach dieser Richtung muß also Abhilfe geschaffen werden, und auch ich will gerne meine Erfahrungen und Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Siklos. Ignaz Kellner, einer. Cantor. Gruß an Karl Goldmark. Anlässlich der jüngst in Budapest von den Philharmonikern veranstalteten ״Goldm ar k- Feie r" richtete Hofrath Ludwig Doczy an seinen Landsmann und Jugendfreund im ״Neuen Pester Journal" nachfolgenden stimmungsvollen Gruß, der unseren Lesern umso größeres Interesse abgewinnen dürste, als Goldmark bekanntermaßen als eines Chasens Sohn das Licht der Welt erblickte und auch zu dem seligen Professor Friedmann in naher verwandschaftlicher Beziehung stand. Jawohl — wir sind Landsleute, Karl Goldmark und ich, Tobias. Da gibtts nichts zu lachen. Er und ich und Kurialrichter Halmosi (wenn er noch lebt und gesund ist), wir sind Alle aus Deutsch-Kreutz, das heute nur Nsmet-Keresztur genannt wird, und von orthodoxen Juden — die das Wort Kreuz nicht über die Lippen bringen — nur ״Zelem" ausgesprochen wurde. Von sonstigen Berühmtheiten des Dorfes weiß ich noch Baron Seidler in Wien zu nennen, der einst ״Täge aß" und Stunden gab und jetzt Millionär und Freiherr und Großvater ist — Alles auf ehrlichem Wege. Noch weiter hat es Goldmark's älterer Bruder gebracht, der anno 1848 ein rebellischer Student war und heute gar in Amerika lebt. (Bereits gestorben.) Das sind Berühmtheiten genug für eine ganz kleine Gemeinde, die zur einen Hälfte aus Bauern, zur anderen aus Krämern und Hausierern bestand und in der zu meiner Zeit — anno Bach — kein Mensch ein Wort Ungarisch wusste. Aber auch ein Deutscher hätte Mühe gehabt, die Idiome zu erkennen, die dort gesprochen wurden. Denn das Deutsch der Bauern ist ein ״Herenzisch" und das der Juden — hätte Luther für Hebräisch gehalten. Eine halbe Sttrnde weiter liegt Raiding, wo Liszt geboren wurde, eine Viertelstunde nach links Zinkendorf, die Heimat des großen Szechenyi, nicht weit davon Oedenburg, wo Gyulai irnd Benedek geboren wurden. Ist das nicht ein Stück Erde, das sich sehen lassen kann? Deutsch-Kreutz liegt mitten darin, leider nicht an der Eisenbahn, sondern blos an der Straße nach Nikits, wo die Welt kroatisch wird. Darum droht es in Vergessenheit zu sinken, das einst so ansehnliche Emporium, das in Knoppern, Rosshüuten, Hadern Großes leistete und auch eine Universität — die Jeschiwah, zur Ausbildung von talmudkundigen Rabbinen — sein eigen nannte. Es war oder ist es noch — eine von den ״sieben heiligen Gemeinden", welche durch den reinen Glauben ihrer Judenschast berühmt waren, so berühmt, dass ich heute von allen sieben nur noch Eisenstadt (Kismärton) und Kobersdorf zu nennen wüsste. Soll der Ruhm des trauten Fleckens, mit seinem verfallenen Esterhazy-Schlosse so unbeklagt dahingehen? Nein — Du rette ihm, berühmter Meister, einen Winkel der Unsterblichkeit, — Du und noch ein berühinter Landsmann, der Deutsch-Kreutzer Sauerbrunnen. Ja, das war auch ein sprudelnder, genialer, erquickender Geselle, so lang er jung und unbekannt war. Jetzt ist er berühmt und geht durch alle Zeitungen, gerade wie Du, Meister Karl. Aber er ist lange nicht der Alte, wenn er auch wie Champagner knallt, wenn man die Bouteille öffnet. Du aber bist stisch und natürlich geblieben und hast ohne Reclame den Weg in die Welt gefunden — noch mehr, den Weg zum Herzen Deines Vaterlandes, dessen Sprache man Dich nicht lehrte, das aber die Deine versteht und sie als echt ungarisch erkennt. An Deinen Namen lasse mich den Ruhm und das Gedächtnis des Heimatdorfes anknüpfen, ehe die Farben des grotesk-gemüthlichen