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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-03-11 · Heft 8 (11.3.1894) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 8 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■י־ M Ä \ Oesterreichisch-ungarische Prämnncrations-Preis. FiirCsntvrrn u.Cultnsbrsmtr in Srstrrrrilkr-Angarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— FiirCantorrn u.Cultusbrarnte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl 6.— Zeitung. 0 Central-Organ für die Interessen der Cantoren mrd Cultusbramtrn. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Krdartion und Administration Wien II., Novaragasse Ur. 27. Inserate werden billigst berechnet. Mannscripte werden nicht retournirt. Abonnementsu. Insertion», betrage sind in Wien ratzlbar- Nr. 8. Wirn> 11. Wkt% 1894 14. IahrganA. Die Schachspieler. Eine Adar-Betrachtung*). Die herbstliche Sonne hat die düsteren Vormittagsnebel verscheucht und strahlt in ungetrübter Reinheit auf die Straßen, in denen während der Mittagspause der lebhafte Verkehr für einen Augenblick wie zur Erholung stockt. Da öffnen sich zwei benachbarte Hausthüren, aus denen je ein Mann befriedigten Aussehens heraustritt. Sie blicken sich gegenseitig au, begrüßen sich aufs Herzlichste und schlagen den Weg ins Caffeehaus ein, zu ihrer lieben Schachpartie. Ruhig setzen sie sich ans Schachbrett, ordnen die Figuren, und nun soll das Spiel beginnen. Weiß zieht an. Da fährt der Spielteufel in denselben und drohend hebt er die Faust gegeil das Haupt des Schwarz und zwischen den vor Bosheit zusammengekniffenen Lippen brechen die Worte hervor: ״Du musst matt werden! Ich will Dir meine ganze Kraft zeigen!" Sie sind — Feinde geworden. Schwarz zittert wie ein Lämmchen vor dem Ungestüm seines Gegners, der dem wildem Thiere, dem bösen Wolfe gleicht, und spricht bescheiden: ״Weiß, ich will Dich ja nicht matt machen; ich will mich bloß vertheidigen; auch ich werde meine Kräfte zusammennehmen, um Dir einen ebenbürtigen Gegner zu stellen." Das Spiel wird fortgesetzt. Weiß lässt die unschuldigen Bauern aufmarschieren, macht mit seinem Ritter auf hohem Rosse schiefe Sprünge, nimmt den Officier, den Läufer in Anspruch, und schließlich auch den festen Thurm. Schwarz vertheidigt sich nach Kräften. Die Kibitze ringsherum, die wenig oder gar nichts verstehen, nehmen Partei für Weiß, reden drein und sagen ihm Züge an — Alles hat sich gegen Schwarz verschwöre:!, er gilt für verloren, und Schadenfteude glänzt in den gegnerischen Gesichtern. Das Spiel schwankt hin und her. Endlich macht Weiß einen Fehlzug — Schwarz benützt die Gelegenheit und rückt seinem Gegner an den Leib — Weiß wird matt. Die klugen Kibitze verduften, schmachvoll ziehen sie sich zurück wie Mäuse in die Löcber, schieben alle Schuld auf Weiß, der ihnen nicht folgen wollte, streiten mit einander und rufen höhnisch: ״Ich *) lieber Anregung deZ Herrn Alexander May, von Alois Bick, Fachlehrer in Lundenburg . . hätte mich von Schwarz, einem solchen Schwächling, nicht matt machen lassen." Keiner aber hat den Muth eine neue Partie mit Schwarz zu spielen. Siegesbewusst verlässt er seinen Platz, und hoffnungslos starrt Weiß zum Fenster auf die Straße hinaus, verächtlich den überklugen Kibitzen nachblickend. Du, lieber Leser, wirst kopfschüttelnd ftagen: ״Was soll die alltägliche Geschichte von den zwei Schachspielern?" Ein tiefer Sinn liegt in diesen Worten, wenn wir in dem Verhängnisvollen Monat Adar, aufgerüttelt aus dem die Forschung verhüllenden Kampf des Lebens uns bemühen, einen Blick in die Leidensgeschichte unseres Volkes zu werfen. Kaum den Sklavenbanden ägyptischer Knechtschaft entronnen, durch Gottes Allmacht gerettet; kaum dass der erste Funke göttlicher Erkenntnis das blöde Sklavenauge getroffen, um es auf ewig fiir die reine, wahre Gotteslehre zu öffnen, damit sich diese nicht nur auf Generationen vererbe, sondern segenbringend auf die Vielgötterei treibenden Völker übergehe; kaum dass der erste Strahl der Freiheit die Liebe zu derselben in dem empfindsamen Herzen der Kinder Jakobs entzündet — als in unbegründetem Hasse Amalek sich erhob, um die kriegsungeübten, schwieligen Sklavenhünde zu vernichten, dass ihr Gebein, in der Wüste verbleichend, zerfalle. Amalak spielte Schach mit Moses. Jener zog, wie ein Midrasch sagt, angelockt von den Schätzen, welche die Kinder Israels aus Egypten mit sich führten, aus seinen in der Nähe gelegenen Wohnsitzen Refidim herbei, um dieselben zu vernichten. Moses aber war ihm unter Gottes Beistand ein!nächtiger Partner. Unter der Zn- Hilfe des mächtigen Thurmes Ahron, des getreuen Läufers Churs und des tapferen Springers Josua machte er denselben matt. Verlassen wir nun die biblische Zeit und betrachten wir unsere Glaubensgenossen im babylonischen Exile. Abermals stehen sich zwei Schachspieler gewaltigen Geistes gegenüber: Haman und Mordechai. Der Jude Mordechai rettet seinem Könige das Leben und zieht bescheiden seiner Wege, ohne auf Belohnung zu rechnen. Dem Emporkömmling Haman ist der bescheidene Mann ein Dorn im Auge, er beschließt, ihn und zugleich fein ganzes Volk zu vernichten. Sein Schachzug scheint von zerschmetternder Wirkung. Er hat ein Todesurtheil mit des Königs Siegel in der Hand — nicht nur das — die ganze

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