Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453307--3912-3458318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oeste rrejchisch-ungarische Canioren - Zeitung. Centpal-Opgan für die Interessen der Cantvren und Lultusdeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor iavob Bau8r. Pränumcrations-Preis FiirLanlvrenu.Cultusbramte in Vrsterreirsz-Ungarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— FürCankorrn u.Cultusbrarute im Ausland Ganzjährig.8 Mark ober 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl 6.— Rrdartion und Administration Wien JI., Aovaragajse Ur. 27. Inserate werben billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnementsn. Insertions. betrage stnd in Wien zahlbar- Nr. 3. Wien» 21. Jänner 1894. 14. Jahrgang. Betrachtungen über Schtaf u. Traum von Rabbiner L. Wollner. I. Ein köstlicher Balsam. Kein Tag verfließt, ohne für unseren Genuss neue Segnungen aus der Hand der unbegrenzten göttlichen Güte zu bringen. Und obgleich wir unseren heißen, tiefen Dank vor dem Throne der Barmherzigkeit ausschütten, so sind wir doch für keine einzige Kundgebung der himmlischen stets ernenten Gnade erkenntlich und können es auch nicht sein. Er, der Verleiher .aller Schätze, gewährt Gaben, welche die Kraft haben, unsere irdische Wallfahrt zu erheitern und unseren Lebenskelch zu versüßen, welche uns nach erschöpfender Arbeit wieder kräftigen, unseren Kllmmer füllen, uns stärken und süitzen, beruhigen und besänftigen, tröften, aufrichten und ermuthigen. Unter diesen Schätzen sollen wir mit einiger Dankbarkeit an die köstliche Gabe denken, die uns in der That willkommener ist, als der lang erbetene Windhauch dem Schiffe, in einer Meeresstille, erstischender als der Th au am frühen Morgen für Vögel und Bienen, belebender als dieselben Krystalltropfen zur Abendzeit für Blatt und Blume, schützender als die Schatten des Laubwerkes ftir die heiße Stirne des Wanderers, fast begieriger gesucht als das Brot für Hungernde und Verschrnachtende, oder als die aussprudelnde Quelle der Oase mitten in den brennenden Sandfeldern vom Kameel und seinem Reiter. Es ist der große Segen der Ruhe nach den Arbeiten und Sorgen des Tages; es ist die große Gnade der Erholung fiir unsere müden Glieder, vielleicht für unsere müden Herzen; es ist jenes wunderbare Stärkungsmittel, das uns befähiget, Anstrengungen gu überwinden, uns für die Mühen und das Getümmel des Tages zu kräfügen, mit einem klaren Einblick in die uns umringenden Schwierigkeiten zu erwachen, mit einem festen Ent- Muss, sie zu besiegen, mit einer besseren Hoffnung auf unsere Pflichterfüllung. Es ist der köstliche Balsam fiir blutende Wunden, der beste Trost für die schmachtende Seele, es ist der Segen des Schlafes, die köstliche Gabe Gottes, die dem erschöpften Pilger auf dem Lebenspfade gewährt wird, wie das der weise Dichter in seinem Buche ״Kohelet" schildert: ״Süß ist der Schlaf des Arbeiters, wenn auch seine Nahrung nicht so mannigfach und ausgiebig ist, hingegen lässt der Ueberfluss den Reichen nicht schlafen" (Kok. 5, 11.) Hier wird die Ruhe des Schlafes als das köstlichste Gut dargestellt. Körperliche Thätigkeit, müßige Kost führen einen ruhigen, erquickenden Schlaf herbei, fördern die Gesundheit, machen rüstig und kräftig. Diese Güter gehen gewöhnlich dem Reichen ab; der Hunger würzt nicht seine Speise, der Schlaf kräfügt nicht seine Glieder. Wohl lässt sich auch ein künstlicher Schlaf erzielen durch gewiffe Arzneimittel, die schon der Talmud erwähnt ״Samo d’Sclnnsso״ genannnt (B. Mezia 83), ein solcher Schlaf aber ist mehr eine Betäubung der Sinne, bringt Ruhe, aber keine Erholung. Der Schlaf kann also nicht erkauft, nicht erworben werden, wie andere Lebensgenüsse, er ist ein Geschenk Gottes siir Reiche, wie für Arme, fiir Gesunde, wie für Kranke. II. Ein gut Gewissen, ein sanftes Ruhekissen. Von dem Stammvater Jakob erzählt uns die heilige Schrift (1. M. 28, 10): ״Jakob zog weg von Berseba und ging nach Charan. Er musste auf freiem Felde übernachten, weil die Sonne unterging. Er nahm von den Steinen des Ortes, machte ihr! zu seinem Kopflager, legte sich darauf hin und schlief ein". Der stomme Jakob, der müde Wanderer, schlief auch da auf hartem Steine sanft und ruhig, eher als der Sünder auf weichem Polster. Sein Gewissen war nicht belastet, war rein, ungetrübt, und er konnte ruhig und ungestört schlafen. Selbst der Vorwurf, dass er Mangel an Gottvertrauen zeigte, weil er vor seinem Bruder Esan, der ihm nach dem Leben trachtete, geflüchtet, sich fiirchtete vor einem Menschen, der doch ohne den Willen Gottes nichts ausführen kann, selbst dieser Vorwurf, traf den Jakob nicht, weil, es nicht sein Wille war, das Elternhaus zu verlassen, er fügte sich nur dem Wunsche seines Vaters und seiner besorgten Mutter, beide wünschten seine Entfernung, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die zärtlich besorgte Mutter fürchtete der Drohung des rohen Esan, ihren Lieblingssohn zu tödten und drängte den Jakob zur Flucht. Jsak wünschte wieder, dass sich sein Sohn Jakob eine brave Gattin aus der Familie hole und nach Charan reise. Jakob gehorchte nur seinen Eltern, wie jedes brave Kind, das bestätigt auch die Schrift: ״wajiscluna Jakow