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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-12-11 · Heft 29 (11.12.1893) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 29 (11.12.1893)
Date
1893-12-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7׳ dass die hiesigen, in ihrer Friedensliebe mustergilügen Gemeinde- Mitglieder den Majoritätsbeschluss respecüren. Auch die Angabe, dass Herr Rosenbaüm mit 132 gegen 56 Stimmen gewählt wurde ist falsch; die Majorität war eine viel größere. Dies zur Steuer der Wahrheit. (Die besagte Nachricht ist uns von einem sonst sehr verlässlichen Correspondenten zugekommen, und wir sind überzeugt, dass ihm nichts ferner lag, als die Wahrheit zu entstellen. Jedenfalls ist auch er irrig berichtet worden. Die Redacüon.) Lrmberg. Der Cultus-Vorstand in Krakau hat einen Schritt gethan, der, nach einem Berichte der ״Neuzeit", einen Sturm der Entrüstung unter den orthodoxen Juden Galiziens — und diese bilden die überwiegende Majorität — hervorgerufen hat. Die Schulbehörde hatte nämlich vor einiger Zeit den Unterricht der hebräischen Sprache in den Krakauer Volksschulen aufgehoben. Statt nun dagegen zu protestiren, nahm der dorüge Vorstand, wie die ״Nowa Reforma" berichtet, diese Verordnung ״mit Befriedigunng" entgegen. Das genannte Blatt macht dazu folgende Bemerkung: ״Der Cultus-Vorstand habe vollkommen correct gehandelt. Die hebräische Sprache sei heute nur noch synagogal(?) gebraucht, wie etwa das Lateinische kirchlich (310!) Es sei daher schon die höchste Zeit, auch die Gebete in polnischer Sprache zu verrichten." Natürlich darf man sich nicht wundern, dass ein polnisches Blatt derart spricht; wie aber soll man das Vorgehen eines jüdischen Cultus-Vorstandes nennen, der nicht einsehen will, dass Religions-Unterricht ohne hebräische Sprache bei uns nicht denkbar ist? Uebrigens ist durch diesen Schritt auch eine Sünde gegen die Eivilisation begangen. Die hebräische Sprache nämlich war es eben, die unsere Fanatiker veranlasste, in öffentliche Schulen ihre Kinder zu schicken. Sobald aber der hebräische Unterricht aufgehoben ist, so wird kein ״Chassid" sein Kind die Schule besuchen lassen, und so treibt man Hunderte von Kindern wieder in den Rachen des mittel-׳ alterlichen Cheder zurück. So ist es vollkommen erklärlich, wennjetzt eine solche Aufregung unter den Juden Galiziens herrsche Der hiesige: Verein ״Zion" hat bereits einen Protest erhoben׳, und sollen demnächst in Lemberg und in allen Städten und Städtchen Galiziens Volksversammlungen einberufen werden, nur gegen das Vorgehen des Krakauer Vorstandes Protest zu erheben und bei den entsprechenden Behörden Schritte einzuleiten, um diese traurige Verordnung rückgängig zu machen. Sophia. Frau Gräfin Hartenau, Gemalin des Fürsten Alexander von Battenberg, hat folgendes Dankschreiben an Herrn Dr. M. Grünwald, Großrabbiner von Bulgarien, gerichtet: ״Wollen Euer Hochwohlgeboren meinen innigsten, tiefgefühlten Dank fiir Ihre steundlichen Zeilen, mit denen Sie Ihrer und Ihrer Glaubensgenossen aufrichtige Theilnahme anlässlich des Hinscheidens meines unvergesslichen Gatten, Generalmajor Graf von Hartenau, so warmen Ausdruck verliehen, entgegennehmen. Gleichzeitig bitte ich Euer Hochwohlgeboren, meinen Dank Ihren Glaubensgenossen gütigst zu übermitteln. Graz, am 28. November 1893. Gräfin Hartenau." Berlin. Gelegentlich der Etatsdebatte kam es jünst im deutschen Reichstage zu einer ziemlich scharfen Controverse zwischen dem Reichskanzler und dxn Antisemiten; Graf Caprivi sprach hiebei folgende bemerkenswerthe Worte. ״Was ist eigentlich der Antisemitismus? Er ist 'eine Vorfrucht der Sozial-Demokratie. Sie hat den breitesten Strom, und die kleinen Bäche, die von den Antisemiten ausgehen, führen zu ihr. Sie sind ausgegangen von der Agitation gegen die Juden. Dabei sind sie nicht stehen geblieben; dann haben sie nach solchen gesucht, die einen jüdischen Vater und eine jüdische Frau haben, und so weiter bis in's dritte und vierte Glied. Sie haben den Racen-, Religions- und Capitals-Antisemitismus vereinigt zu einer einzigen demagogischen Methode. Sie werden die Bewegung aber beim jüdischen Capital nicht zum Süllstand bringen können, sondern wenden sich dann gegen das Capital überhaupt. (Sehrrichtig! beiden Sozialisten.) Abg. Zimmermann hat gesagt, ich solle doch die Juden ebenso scharf behandeln, wie die Landwirthschaft. Ich habe die Landwirthschaft nie scharf oder schroff behandelt. Herr Zimmermann wird aber auch nicht sehen, dass ich gegen die Juden scharf vorgehe. Ich anerkenne sie als meine Mitbürger, und behandle meine Mitbürger, wie meines Amtes ist, Einen wie den Andern!" Das sind männliche, offene Worte, ohne Zweideutigkeit und ohne diplomaüsche Vieldeutigkeit. Graf Caprivi erklärt mit soldatischer Offenheit, dass die Juden seine Mitbürger sind, und dass er sie daher wie jeden deutschen Bürger behandelt. Paris. Bezüglich des neuen Ministeriums gilt hier als bekannt, dass der Ministerpräsident Casimir Perier keineswegs die Seele des Cabinets ist. Der wahre Premierminister ist Raynal, der aus Bescheidenheit auf den zweiten Platz zurücktrat. Raynal ist, gleich dem Finazminister Burdeau, Jude, und als solcher glaubte er, die Ministerpräsidentfchast ablehnen zu müssen, natürlich nicht seiner Landsleute wegen, die nicht nach der Confession fragen. Hatten doch die Franzosen Cremieux zum Präsidenten der Republik erwählt, warum sollten sie sich also heute gegen Raynal ablehnend verhalten? Nur mit Rücksicht auf das Ausland, besonders auf Rußland, begnügte sich Raynal mit dem Ministerium des Innern. So drängt sich denn der Einsluß Rußlands auch Frankreichs inneren Angelegenheiten aus, und die Franzosen sind schwach und kindisch genug, diesen Einfluß ohne Murren zu ertragen. In Paris wurde die Nachricht verbreitet, der russische Gesandte Baron Mohrenheim habe mit, der Abreise gedroht, wenn Spuller oder Raynal Premierminister würde, und dieser Nachricht wurde nicht widersprochen. David Raynal, am 26. Februar 1840 in Paris geboren, ursprünglich Kaufmann, wurde 1876 Depuüerter, 1880 Unterstaatssekretär, und 1881 unter Gambetta Minister der öffentlichen Arbeiten : denselben Posten hatte er im Ministerium Ferry inne. Auch Gambetta war, so will Herr Anatole Leroy-Beaulieu aus dessen eigenen Munde wissen, der Enkel eines Juden. Unter dem zweiten Kaiserreich war Achille Foul d, ebenfalls ein Jude, Finanzminister und später Staatsminister. Der erste Jude, der in Europa Minister war, dürfte Doctor Godefroy gewesen sein, der in den Mederlanden Justizminister war: in Italien war im Cabinet Rudini Commendatore Luzzatti, ebenfalls ein Jude, Schatzminister. ׳ ׳ - London. Herr A. S. Annaud, der Agent der schottischen Bibelgesellschaft stir Nordchina gibt in einer Erzählung über seine Reise nach Kai-feng-fu, der alten chinesischen Hauptstadt, folgende interessante Beschreibung über die Ueberreste der dortigen jüdischen Colonie: ״Ich ließ nnch sogleich zu dem Tiaoching (jüdischen) Tempel führen, von dem nur noch die Ruinen übrig sind. Auf einem Stein sind die Daten verzeichnet, wann der Tempel erbaut, wann er renovirt wurde und wann er in Trümmer fiel. Die Juden sind hier unter dem Namen ״Tiao-ching-chiao" bekannt. Sie wohnen alle um den alten Tempel herum, und während ich die Trümmer desselben betrachtete, kamen viele zum Vorschein. Die Mahomedaner versichern, dass die Juden als Sclaven herkamen, und dass sie sie stets mit Verachtung behandelt hätten. Es sind aber Beweise da, dass die Juden lange vor den Mahomedanern in China waren. Die Juden selbst glauben, dass ihre Vorfahren ungefähr um 200 v. Chr. hinkämen. Ein junger Jude, namens Kaohui-kuei ließ sich in ein langes Gespräch mit mir ein. Einige seiner Gesichtszüge waren von ausgesprochenen jüdischen Typus. Sie haben kein GoMeshaus, erzählte er mir, und keinen reichen Mann unter ihnen, der: es ihnen wieder ausbauen könnte, wie sie wohl wünschten. Als Dr. Marün sie im Jahre 1866 besuchte, waren sie noch 7 Famitten, während jetzt nur noch 6 vorhanden sind: Kao, Chao, Ai, Li, Schih und Chin. Nach Kaohui-knei ungefähr 500 Seelen, wie mein Führer aber sagte, kaum die Hälfte. Her Kao behauptet, dass noch niemand in der Kolonie zum Mahomedanismus übergetreten sei, konnte mir aber nicht im Entferntesten angeben, woran sie glauben. Sie scheinen ihren alten Gottesdienst aufgegeben und die Kenntnis von dem Gotte Israels längst verloren zu haben. Dunkel nur schwebt ihnen vor, wer und was sie einst gewesen sind. Der heutigen Nummer ist ein illustrirter Preiskatalog der Wusik-Instrumrnten-Fabrik I. D. Müller in Graslitz beigelegt» auf welchen wir unsere sehr geehrten Leser besonders aufmerksam machen.

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