Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 22 (15.9.1893)
- Date
- 1893-09-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7 Vorsteher erschienen. Um 3 Uhr begann die Feier. Unter Leitung! des Herrn Cantor Lübeck stimmte der Knabensynagogenchor : das ״Ma-towu" mit Harmoniumbegleitung an, worauf die! ewige Lampe an gezündet wurde. Der Cultusbeamte Herr Haller i hielt eine hebräische Liturgie ab, und :!ach ihm sprach Herr Dr. Peritz aus Liegnitz ein zu Herzen gehendes Weihgebet, dem sich das Absingen des Psalm 24 anschloß. Die Thorarollen : wurden unter den üblichen Gesängen eingeholt, und nach dem . Umzuge, bei dem weißgekleidete Mädchen Blumen streuten, in das Allerheiligste gesetzt. Zündend wirkte die Festrede des Herrn Dr. Peritz, in welcher er als die wahre Religion die Gottesfurcht Nächsten- und Feindesliebe, die Wahrheit und Gerechtigkeit bezeichnete. — Hierauf betrat der rühmlichst bekannte Prediger Herr Rabbiner Dr. ׳Rippner aus Glogan die Kanzel, um das Gebet für Kaiser und Reich zu sprechen. Seine meisterhafte, schwungvolle Diction, die an die Sprache eines Jesaias erinnert, ergriff mächtig die zahlreiche Versammlung. Unvergesslich werden Allen die Worte bleiben: ״Israel ist innig verbunden mit feinem Kaiser, der ein Fels des Rechts und ein Hort der Treue ist." — Ein Adon-olom mit dem von Herrn Cantor Lübeck schön vorgetragenen Necitativ schloss die erhebende Feier. Um 5 Uhr begann das Festmahl in! Hotel Schmidt. Während der Tafel concertirte die vorzügliche Stadtkapelle. Die Reihe der Toaste eröffnete Herr Dr. Rippner auf unseren erhabenen Kaiser und König Wilhelm II. Mit Begeisterung wurde das Hoch ausgebracht und die National- Hymne gesungen. Herr Dr. Freund aus Görlitz nahm das Wort und zeigte in classischer Beredtsamkeit, dass bei den Israeliten der Atheismus nicht bekannt war, weil das bedrängte Herz Trost und Stärkung im Gebete und im Vertrauen zu dem Vater aller Menschen fand. In dem Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe vereinigen sich alle Religionen. Sein Hoch galt der Festgemeinde; die Herren Vorsteher Heinrich Kohn, Krämer und Story toasteten auf die Ehrengäste, Gemeindevertretungen und Baumeister. Herr Bürgermeister Müller dankte in gewandter Ansprache für die erhaltene Einladung zum Feste, und erklärte, dass die Reden der Herren Prediger ihm aus der Seele gesprochen waren. Er vermag der Gemeinde keinen schönem Festesgruß darzubringen, als: ״Scholom Alechem"! Friede sei mit Euch! Halten wir daran fest, dass wir alle Kinder eines Gottes sind, und dass uns nicht Dogmen trennen sollen, wie es der slg. Consistorialrath der evang. Theologie und Decan der theologischen Fakultät in Breslau David Schulz in seinem Gedichte ״Mein Glaube" ausspricht: ״Und tret ich einst aus Grabestiefen, — Hin vor des Weltenrichters Angesicht, — So wird er strenge meine Thaten richten, — Doch meinen Glauben? Nein, das glaub ich nicht"! Die Rede endete mit einem Hoch auf die Gemeinde. Herr Predigtamtscandidat Moses brachte ein Hoch den Herren Rabbinern und Herr Cantor und Lehrer Tintner den Cantoren. In der Zwischenpause trug Herr Cantor Rosenthal zwei Lieder vor, die dankbar ausgenommen wurden. Den letzten Spruch brachte Herr Tintner den Frauen uud Jungfrauen! — Das Fest wird Allen in angenehmer Erinnerung bleiben, die jüdische Gemeinde aber, kann mit Stolz auf diesen Festtag zurückblicken. M. T. Berlin, 10. September. Die Nachricht der ״Kölnischen Volkszeitung," dass der im Tantener ״Ritualmvrd"-Proceß angeklagt gewesene Busch off unauffindbar sei und steckbrieflich verfolgt werde, wird von der ״Jüdischen- Presse" als E r fi n d u n g bezeichnet. Bus ch o ff b e fi n d e t si ch un b eh elligt in Köln. Der Staats anw a lt in Eleve erklärte aus eine Anfrage, dass ihm von der Meldung des clericalen Blattes nichts b e k a n n t fei. Berlin. Berliner Blätter erzählen: Der Narr vom Bnllenwinkel ist dieser Tage gestorben. Mit ihm ist eines der immer seltener werdenden A l t b e r l i u e r Originale verschwunden, ein Sonderling, der ein Menfchenalter hindurch täglich Vor- und Nachmittags die Geschäfte des Hallsvoigtei- Platzes besuchte und sich durch Benehmen und Kleidung in den betreffenden Kreisen den Beinamen ״der Schaute vom Bullenwinkel" erworben hatte. Der alte Herr, Namens Müller, trug auch bei der größten Hundstagshitze stets einen Winter- Überzieher, den Hals mit einem dicken Tuch umschlungen, die Hände mit Wildleder-Handschuherl bedeckt. Schweigend trat er, überall geduldet, in die Geschäfte nnb beobachtete dort Stunden hindurch das rege Treidel!, wobei er endlose Hänseleien mit ruhiger Würde über sich ergehen ließ. Tie Allsichten und Thaten dieses ״Narren" wichen dabei von dem landläufigen Durchschnitt erheblich ab. So passierte es — nun sind darüber schon mehr als 15 Jahre vergangen — dass der Inhaber eines Geschäftes am Hausvoigteiplatz den! Bankerott nahe war. Davon hatte auch bei einer Nachbarfirma der ״Schaute" gehört und auf lieblose Bemerkungen, die über den Unglücklichen gemacht wurden, trocken erwidert: ״Ter X. wird Euch noch Alle anslachen." Damit verließ der A.lte den Laden und gieng schnllrstracks zu X. Was er in dem Privatkontor des Bedrängten gethan, hat man erst später erfahren, als der Letztere die Prophezeihung wahr gemacht hatte und in kürzerer Frist, als 10 Jahre, ein ״Markmillionär" geworden war. Der Alte hatte ihm ein größeres Kapital geliehen lind damit Herrn X. auf die Beine geholfen. Derartiges hat Müller des Oefteren unternommen, und so mancher Kommis, so manche Konfektioneuse ist durch die Hilfe des sonderbaren Mannes gerettet worden. Seine größte ״Thorheit" aber, die ihm in der ״Konfektion" nie verziehen wurde, warseine Heirat. Vor ungefähr 10Jahren lvnrde ein junges Mädchen, die Tochter einer blutarmen Witwe, alls eilten K o nfektio nsg es ch äft des Hausvoigtei-Platzes Knall lind Fall entlassen, weil sie einen kühnen Griff in die Ladenkasse gethan haben sollte. Alles glaubte an die Schuld des Mädchens, nur der ״Narr" nicht; er stellte der Entlassenen einen Rechtsanwalt zur Verfügung, der für feine Klientin auf Klarstellung der Diebstahlssache klagte. Nichts konnte festgestellt werden, der Makel blieb an dem Namen des Mädchens hängen und deshalb that der Alte etwas, was ihn aus den Geschäften des Hausvoigteiplatzes verbannte: er heiratete die junge Dame. Erst nach mehreren Jahren ward die Kassiererin des Geschäftes, aus welchem die jetzige Frau Müller entlassen worden, als Diebin ermittelt. Seit feiner Hochzeit hatte der Alte die Besuche an der Stätte seiner mehr als 25-jährigen ״Thätigkeit" aufgegeben. Zärtlich gepflegt von seiner treuen Gattin, ist er in hohem Alter gestorben. StrllenVerLnderungen. Rosenbaum, ehemals in Graz, nach Fünfkirchen; Piskaty von Wifchan nach Goltsch- Jenikau; Speiser nach Budweis; Kornitzer von Wien X. Bez. nach Brünn; Grünwald von Dachau nach Kremsier; Faust von Brünn nach Olmütz; B. Goldsteiu von Gran nach Wien X. Bez.; S. Schwarz (Schüler des Obercantor Heller, Brünn) nach Butsch owitz. Allrath Irxrtzak. In unserer Zeit, wo das Gebet im Allgemeinen immer seltener gepflegt und verstanden wird, hat sich das Bedürfnis heransgestellt, für bestimmte Gelegenheiten und insbesondere bei Trauerfällen den Leidtragenden ein Büchlein in die Hand zu geben, das in gedrängter Kürze sowohl den religiösen Pflichten und Gebräuchen, als auch dem Gefühle der Pietät vollkommen entspricht. — Von diesem Gesichtspunkte aus begrüßen wir das soeben im Druck befindliche Werkchen Atirath Jizchak ausammengcstellt und hcrausgegeben von Herrn Cantor I. Schiller am Wiener 'Stadttempel auf das Freudigste. — Der Herausgeber hat es sich in anerkcnnenswcrthcr Weise angelegen sein lassen, seine auf liturgischem Gebiete reichen Erfahrungen zu verwcrthen, und aus dem reichen Schatze des Guten das Beste zu wählen und damit den Leidtragenden ein Behelf des Trostes und der Ergebung in die Hand zu geben. Der Inhalt dieses recht nett ausgestatteken BucheS der Andacht enthält daS tägliche Abend- und Morgengebet mit den entsprechenden Kadcschim. — Für den Jahrzeitstag enthält es die üblichen Gebete sowohl für das Gotteshaus, als auch für das Grab. — Der Vollständigkeit halber wurde die Haskarah (Seclenandacht) genau nach der Verordnung des Tempels in der Seitenstcttengafse ausgenommen, nebst einer Tabelle zur Berechnung des Jahrzcittages re. rc. Das Buch bedarf keiner weiteren Empfehlung, es spricht für sich selbst! — Zu beziehen beim Herausgeber Cantor I. Schiller Wien I. Seirenstettengaffe 4, und beim Buchhändler Jos. Schlesinger Wien I, Seitcnstcttengasse ')Ix. 5. Allen lieben College!!, Freunden und geschätzten Mitarbeitern, welche anlässlich des Jahreswechsels unser frenndlichst gedachten, erwidern wir diese herzlichen Grüße mit dem Wunsche גמר התימה טובה D i e Redaktion der österr. ungar. Cantoren-Zeitung.