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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-06-11 · Heft 16 (11.6.1893) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 16 (11.6.1893)
Date
1893-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Caniaren - Zeitung Pränumerations-Preis. FürCanloren u.Culknsbramte in Drsterrrich-Ungarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjäkrig.fl. 2.— FürCantorrn u.Lttltusbrrnnte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Vrivatr und Institute Ganzjährig . . . . . fl 6.— Central-Organ für die Interessen der Cantvrrn und Euttusbramten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Rrdartion und Administration Wien H., Novaragasst Ar. 27. Insrratr werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnementsu. Insertion«- betrage sind in Wien ratzlbar. Br. 16. Wien, 11. Juni 1893. 13. Jahrgang. Wie können wir den Antisemitismus bekämpfen? Eine Zeitfrage von Dr. M. H. Friedländer. Ernst ist die Zeit, trübe sind die Tage, die wir, die das Judenthum, erlebt. Trotz des fortschreitenden Zeitgeistes, trotz Cultur und Bildung, trotz der sogenannten Civilisation und Humanität, trotz der schönen, herrlichen, Humanitären Gesetze, die betreffs der Schonung und Erhaltung der vernunftlosen Thiere erlassen wurden und überall streng beobachtet werden, wird Israel, dieses Volk der Geschichte, dem die Welt den reinen Gottesglauben zu verdanken hat, unausgesetzt verfolgt, bedrückt, verleumdet, verdächtigt und verunglnnpft. Und wir hören wehmuthsvoll ausrufen: ,Ms chori hoaf hagodaul hose.“ Woher dieser brennende Zorn, dieser unversöhnliche Hass? Warum bilden gerade wir unausgesetzt den Gegenstand des Hasses und der Verfölgung? Sind wir Scheusale, entmenschte Ungethüme, Schlemmer nnd Trunkenbolde, die nur der Genußsucht fröhnen und Orgien feiern, ohne sich fiir höhere Ideale auch nur im geringsten zu erwärmen? Sind wir gefühllose Väter, herzlose Mütter, die ihre Kinder verstoßen, verjagen, verleugnen? Sind wir treulose Gatten, ehrlose Gattinnen? Bildete nicht das sittlich reine Fainilienleben zu allen Zeiten Israels Paladium? Ist nicht noch heute der Familiensinn die schönste, herrlichste, duftverbreitende Blume in dem Kranzeder Tugenden, der Israel schmückt? Bnngen wir nicht die größten Opfer für die Erziehung der Jugend, sind wir nichtbestrebt, unsere Kinder zu würdigen, nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden? Sind wir keine treuen opferwilligen Patrioten? Stehen wir nicht mit Gut und Blut ein, so oft das Vaterland uns ruft?-Bringen wir nicht bereitwilligst die größten Opfer auf den Altar der Humanität, so es gilt, die allgemeine Noth zu lindern und zn mildern, obgleich wir für die Erhaltung unserer Wohlthätigkeits-Anstalten und religiösen cültuellen Institutionen allein Sorge tragen müssen, ohne von irgend einer Seite unterstützt zu werden? Und welche Mittel sollen wir denn anwenden, welche Wege einschlagen, welche Schritte einleiten, welche Gundsätze befolgen, um die feindlichen Angriffe abwehren zu können? Diese Fragen sind es, die heute hüben wie drüben die conservativen wie die freisinnigen, die aufgeklärten wie minder gebildeten Juden lebhaft beschäftigen. Auf alle diese Fragen aber gibt uns der Talmud eine Antwort: Na soh'Lrsh leowans ireh le’bonim. Was den Vätern zugekommen, kam,auch den Kindern zu; denselben Leiden, Qualen und Wiederwertigkeiten, denen die Väter preisgegeben waren, waren auch die Kinder ausgesetzt, und die Mittel, die jene angewandt, um ihre Feinde zu überragen und zu überdauern, . gebrauchten auch die Kinder. Der Judenhass, der nichts anders als die natürliche Folge des Neides, gar oft des unbegründeten Neides ist, ist so alt als das Judenthmn. Schon die Stammväter, die edlen gottbegeisterten Patriarchen, hatten Ursache über Neid und Hass zu klagen. So erzählt uns die h. Srift von dem Patriachen Jsak, dass er, als er in Gerar wohnte und sich des blühendsten Wohlstandes erstellte, so sehr von den Philistern beneidet und gehasst wurde, dass der König Awimalech sich genöthigt sah, ihm zuzurufen: Lech meinmnu, ziehe hinweg von uns, verlass unsere Stadt, KL ozamto mimeira meod, denn du bist uns schon zu groß, zu mächtig. Wir können es nicht mit ansehen, wenn Hebräer bei uns zu Reichthümern gelangen. Bescheiden zog sich Jsak zurück, und Gott war mit ihm. Als jedoch später die Philister die Ueberzeugung gewannen, das ihre materiellen Verhältniße durch Jsaks Entfernung sich nicht im Entferntesten gebessert, sondern sich vielmehr verschlimmert haben,fühlte'der König Awimelech lebhaft dasBedürfnis, mit dem gottbegnadeten Patriachen ein Schutz und Trutzbündnis zu schließen. Er verfiigte sich in höchst eigener Person in Begleitung seines Gefolges zum Patriarchen Jsak, um ihn gleichsam durch eine solch' hohe Auszeichnung captiviren und für seine Jnterressen gewinnen zu können. Jsak jedoch, der Selbstbewusstsein und Charakterfestigkeit genug besaß, als dass er sich durch das Erscheinen Awimelechs hätte einschüchtern und täuschen lassen, rief seinen hohen Gästen erstaunt zu: ״Warum seid ihr jetzt zu mir gekommen, ihr seid doch ausgesprochene Feinde der Hebräer und habt euch doch von eurem Hebräerhasse bestimmen lassen, mich auszuweisen, weil ich mir mit der göttlichen Hilfe Reichthümer bei euch erworben." ״Wir haben," entgegnete kleinlaut Awimelech, ״nunmehr die Ueberzeugung gewonnen, dass du nicht, wie die Philister beharipten zu müssen glaubten, auf Kosten anderer, sondern

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