Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1893)
- Date
- 1893-03-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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<* ן i k I ו? Nr. 9. Desterreichisch-ungärische Lantoren-Zeitung. Seite 7. Schule überhaupt keinen Unterricht ertheilen könne, auch nicht, wie in diesem Falle, vertretungsweise in den Realien. Der Lokalschulinspektor, ein Geistlicher, theilte aber diese Ansicht nicht und auf sein Petreiben wurde die Angelegenheit der königlichen Negierung zu Kassel zur Entscheidung vorgelegt, die jetzt verfügt hat, dass gegen die Mitwirkung des israelitischen Lehrers nichts einzuwenden sei. Tilsit. Dem ״Jeschurun" schreibt man: 'Nach .einer Moskauer Zeitung soll ein vom russischen Ministerium des Innern ausgearbeiteter'Entwurf, betreffend die Aufhebung der ״Kahals" (jüdischen Kultusgemeinden), demnächst im Neichsrathe zur Ver- Handlung gelangen. In der betreffenden Mittheilung heißt es: ״Das Ministerium des Innern erachtet sowohl im allgemein staatlichen als auch im Interesse der jüdischen Bevölkerung selbst das Fortbestehen der Kahals für schädlich, da dieselben den Judaismus und die scharfe Absonderung der Juden (wer lacht da?!) förderten. Die Commission zur Erörterung der Judenfrage hatte von sämmtlichen Gouvernements-Chefs Gutachten über die jüdischen Kahals eingefordert, und fast sämmtliche Gouverneure hatten sich in dem Sinne ausgesprochen, dass die Aufhebung der Kahals unbedingt nothwendig sei. Besonders bemerkenswerth durch die Gruppierung der Thatsachen zur Charakterisierung der Kahals sind diejenigen Gutachten, die vorn ehemaligen Generalgouverneur von Wilna, General-Lieutenant I. S. Kachanow, und dem livländischen Gouverneur, General-Lieutenaut M. A. Sinowjew, abgegeben wurden." — Dass es die russische Negierung für ein allgemein staatliches Interesse hält, die Organisation der jüdischen Kultusgemeinden zu zerstören, kann bei dem Nerfolgungssystem, welches sie gegen die Juden anwendet, nicht Wunder nehmen. Befremden muß es dagegen erwecken, dass den Kahals daraus ein Vorwurf gemacht wird, dass sie die ״scharfe Absonderung der Juden" gefördert hätten. Wird dieselbe doch durch Kleiderordungen, Anweisung bestimmter Wohnsitze, Ausschluß vom Besuche öffentlicher Lehranstalten 2c. von amtswegen gefördert. Die Hvpokrisie aber, welche so weit geht, die geplante Gewaltmaßregel als im Interesse der jüdischen Bevölkerung selbst gelegen zu bezeichnen, ist. .geradezu, ekelerregend. Bern. Die Mehrheit der Commission des Nationalrathes, bestehend aus 5 Mitgliedern, beantragt das Volksbegehren betrefsend das Schächtverbot in folgender Fassung zur Abstimmung zu bringen: Der Bund wird über das Verfahren beim Schlachten der Thiere sowie überhaupt im Interesse des Thierschutzes gesetzgeberisch Vorgehen. Die Minderheit, bestehend aus 4 Mitgliedern, will zu Händen des Volkes die Verwerfung des Schächtinitiativbegehrens beantragen. Petersburg. (Eine Erbschaft von sechshundert Millionen Rubel.) Der Petersburger Correspondent des ״Standard" sagt, dass die ״Bessarabian Neuigkeiten" die folgende höchst merkwürdige Erzählung in Bezug auf eine große Summe Geldes, welche von der Bank von England reclamirt werden wird, veröffentlichen. Die Witwe eines reichen Engländers Namens Ovshy Levy deponirte ihr Capital in der Bank von England im Jahre 1803. Dieses Capital beträgt jetzt — die Zinsen mit eingerechnet — die schöne Summe von sechshundert Millionen Rubel oder 720 Millionen Gulden. Zahlreiche Personen meldeten sich von Zeit zu Zeit und machten auf die Erbschaft Anspruch. Aber nur einer Dame gelang es vor nicht allzu langer Zeit, ihren Anspruch auf einen sünfundvierzigsten Theil des Vermögens zu beweisen. Diese Dame ist eine Amerikanerin, Fräulein H u m e r i e mit Namen. Der übrige Theil der Summe wurde eine Russin, Frau Anna Finke Ist ein, geborene Levy, zugesprochen. Frau Finkelstein ist die Gattin eines Juweliers in Ismail (an der Donau). Sie hat nur noch das Geburtsattest ihres Vaters und ihres Onkels beizubringen. Diese Geburtsatteste sind, wie es heißt, sehr leicht in Fürth in Baiern zu beschaffen. Frau Finkelstein steht im mittleren Alter und ist kinderlos. Petersburg. Der ״Negierungsbote" schreibt in betreff der in Rußland lebenden Sekte der Karäer: ״Infolge der Anzeige des karaitischen Chächam (Rabbiners) von Eupatoria, dass die administrativen Gouvernementsbehörden, indem sie die Karaiten mit den Juden verwechseln, auf dieselben die für die Letzteren gesetzlich bestehenden Beschränkungen in Anwendung bringen, hat das Ministerium des Innern, mr Jahre 1881 durch Zirkulär die örtlichen Autoritäten ersucht, die ihnön unterstehenden Behörden und Personen dahin zu instruieren, dass auf Grund des Gesetzes die Karaiten sämmtliche Rechte genießen, deren die ursprünglichen russischen Nnterthanen theilhaftig sind, und zu einer von der Negierung anerkannten Religion gehören, die sich von der Glaubenslehre der Juden unterscheidet. Da nun trotzdem neuerdings wiederum Fälle vorgekommen seien, dass die gegen die Juden erlassenen einschränkenden Gesetze auf die Karaiten angewandt worden, hat der Minister des Innern sämmtliche Minister nochmals darauf aufmerksam gemacht: ״dass nach den Bestimmungen des Reichsgesetzbucheö die Karaiten, indem sie sich unter dem Schutze der allgenleinen Gesetze des Reiches befinden, sämmtliche Rechte genießen, deren die ruffischen Nnterthanen, je nach dem Stande, zu dem ein jeder gehört, theilhaftig sind, und dass somit die im Neichsgesetzbuch registrirten, auf die Juden bezüglichen beschränkenden Bestimmungen, auf die Karaiten keine Anwendung finden dürfen." — Hieraus geht die interessante Thatsache hervor, dass die russische Regierung weniger der semitischen Raffe als der jüdischen Religion Fehde erklärt bat. Ob diese Massregel unseren Nassen-Antisemiten gefallen wird? Gingesendet. An die geehrten Herrn Cnntor-Coüegen l Unser bewährter Meister der Tempelmusik-Compositionen, Herr Adolf Grünzweig, Chordirigent in Arad, wird demnächst eine Sammlung von 40 Gesäugen für die hohen Feiertage der Oeffentlichkeit übergeben, aus welcher Veranlassung ich es nicht verabsäumen kann, diesesWerk meinen geehrtenHerrn Collegen auf das wärmste zu empfehlen. Jede Piece dieser Gesänge ist eine Perle und das ganze Werk ein Perlenkranz. Seit 36 Jahren singe ich dieselben zur Verherr lichuug unseres Gottesdienstes, und ich kann es dreist heraussagen, dass je öfter selbe gesungen wurden, umso größeren Beifall erzielte ich mit denselben. Der Reichtyum an Melodie, der sich selbstsingende und jedes Ohr für sich gewinnende Ton, der darin vorherrscht, der Charakterzug Grünzweigs in seinen Produkten, stempelt ihn und seine Gesänge dafür, dass er in vielen Hinsichten allein dastebt.— Jeder der Herrn Cantoren, die eben Grünzweigs Muse kennen, wollen auch das beherzigen, dass er in seinen Compositionen jüdisch gedacht hat, und wer einmal seine Gesänge gesungen, sich von denen nur sehr ungerne zu anderen Compositionen wendet. — Gestatten Sie mir die Freiheit, wenn ich Ihnen obiges Werk nochmals empfehle und Sie auf das Inständigste ersuche, sich für dasselbe bei Ihren löbl. Gemeindevorständen auf das Erfolgreichste zu verwenden. Hochachtungsvoll D. Koh n, Obercantor in Arad. In der Haupt:- und Residenzstadt Sophia des Fürstenthums Bulgarien ist der erledigte Posten eines Gross- Rabbiners für Bulgarien wieder zu besetzen. Von den Herren Bewerbern wird verlangt, dass sie verheiratheten Standes sein, das 33. Lebensjahr schon, das 50. jedoch noch nicht überschritten haben, gründliches rabbinisches Wissen, entsprechende, auf einem Rabbinats- Seminarium erworbene Befähigung mit genügender Repräsentationsfähigkeit verbinden, den Grad eines Doctor philosophiae auf einer mitteleuropäischen Universität erworben haben und ihr Wirken auf einem selbstständigen Posten nachzuweisen in der Lage sein sollen. Die Kenntnis entweder der französischen oder der deutschen Sprache ist Bedingung: erwünscht wäre auch die Kenntnis eines slavischen und des spaniolischen Idioms, doch kann hiervon vorderhand abgesehen werden. Der Posten ist mit einem Gehalt von achttausend Frcs. pro anno, sowie würdiger Naturalwohnung verbunden. Die Herren Bewerber werden gebeten, ihre wohlinstruirten Gesuche nebst Photographie an den Gefertigten bis 3./15. April, d. J. einzusenden. Mit den behuts persönlicher Vorstellung anher zu berufenden Herren werden hinsichtlich Ersatzes ihrer Spesen entsprechende Arrangements getroffen werden. Sophia, 8. März 1893. Der Präsident der span.-jüd. Gemeinde : Avram Davidtchon Levy. n