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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-11-11 · Heft 27 (11.11.1892) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 27 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 Gesterreichisch-ungarische <^antoren-Zeitung. Seite 7. noritenorden zu Ehren des hohen Gastes veranstaltete und zu welchem auch die Vertreter aller anderen Confessionen geladen waren, richtete der Oberrabiner der Arader israelitischen Gemeinde Dr. Rosenberg an den Kirchenfürsten eine Ansprache, worin es u. a. hieß: ״Die katholischen Bischöfe glänzten immer durch ihre Vaterlandsliebe; sie ehrten stets die Selbständigkeit und Constitution des ungarischen Staates und verteidigten dieselben nicht nur nach unten, sondern auch nach oben; Er sei überzeugt, dass Bischof Dessewffy in den Tagen, wo angesichts der stets heftiger werdenden socialistischen Strömungen die Pflege der Religion und Veredlung der Sitten in erhöhter Weise nothwendig wird, auf dem Pfade seiner Vorgänger wandeln wird." Die Rede des Rabbiners war von überraschender Wirkung. Der Bischof erhob sich von seinem Sitze und eilte zu dem Rabbiner, den er küsste, und dem er erklärte, dass jedes Wort ihm bis ins Herz drang. Die Gesellschaft aber feierte den Rabbiner in der auszeichnendsten Weise für seine mannliche, der Aktualität nicht entbehrenden Rede. Velovar. Unser rasch hier beliebt gewordene Obercantor, Herr Leo M i r s k y, hat sich mit Fräulein Regine Tauber, Tochter des hiesigen Bezirks-Rabbiners, verlobt. Drohobycz. Im Selbstverläge des Verfassers, Gemeinde- und Cultusrath Alexander Schorr in Drohobycz, ist soeben eine hochinteressante Broschüre erschienen unter dem Titel ״Ein offenes Wort zur Präsidenten-Krisis im Curatorium der Baron Hirsch- Stiftung zum Zwecke tcv Beförderung des Volksschulunterrichtes im Königreiche Galizien und Lodomerien mit dem Großfürstenthume Krakau und im Herzogthunre Bukowina; und eine offene Antwort auf die offene Frage, warum diese Stiftung ihren Sitz in Wien hat." Wir wollen die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise auf diese Broschüre, die mit großer Sachkenntnis und aufrichtiger Wärme geschrieben ist, hiemit gelenkt haben. Posen. Der dürch seine Koscher-Fleischextrakt-Fabrikation itt weiteren Kreisen bekannte Dr^ Papilsky in Posen, eine mit den russisch-jüdischen Verhältnißen genau vertraute Persönlichkeit, hat mit Baron Hirsch auf seinem Schlosse Eichhorn bei Brünn in Betreff der jüdischen Colonisation in Argentinien konferirt. Der Baron entwickelte seinen neuesten Plan, nach welchem zunächst nur russisch-jüdische Landwirthe in Gruppen von je 50 Mann unter der Führung eines vom Baron erwählten Delegirten nach Argentinien befördert werden sollen. Die allgemeine Leitung der Colonisation in Argentinien verbleibt in den Händen des bekannten Obersten Goldschmidt in London. Sollte das Colonisationswerk in Argentinien in größerem Maßstabe fehlschlagen, dann will Baron Hirsch dasselbe nach Nordamerika verpflanzen. Stuttgart. Der kürzlich verstorbene Stuttgarter Rabbiner, Kirchenrath Dr. von Wassermann, ein ausgezeichneter Talmudkenner, war eine außerordentlich beliebte Persönlichkeit und stand seines tiefen und umfassenden Wissens und seines liebenswürdigen, milden und versöhnlichen Wesens halber bei allen Confessionen in hoher Achtung; die israelitische Gemeinde hieng mit aufrichtiger Liebe an dem ausgezeichneten Manne. Dr. v: Wassermann war ein Lieblingsschüler Ludwig Feuerbachs, er hat die Universitäten Würzburg und Tübingen besucht.. Nach glänzend bestandenem Staatsexamen war er Rabbiner in Mergentheim und dann in Mühringen; seit 1873 wirkte er in segensreichster Weise in Stuttgart, wo ihm vor acht Jahren anlässlich seines 50jährigen Dienstjubiläums große Huldigungen dargebracht wurden. Durch seine literarische Thätigkeit hat er sich einen angesehenen Namen in der Gelehrtenwelt erworben. In bemerkenswerther Weise ist Dr. von Wasserman noch vor etwa 4 Wochen in dem Ulmer Antisemiten- Prozeß hervorgetreten, wo er als Sachverständiger und Zeuge vernommen wurde. Seine interessanten Darlegungen vor Gericht über den Talmud gewinnen jetzt ein besonderes Interesse. Sie verdienen, einem weiten Leserkreise bekannt zu werden. Sie lauteten (nach dem genauen Bericht des württembergischen ״Staatsanzeigers"): Er sei 82 Jahre alt; 76 Jahre seines Lebens habe er sich mit dem Talmud beschäftigt, der seine Domäne sei. er halte sich also für einen befähigten Beurtheiler; sein hohes Alter, das ihn bald vor einen höheren Richterstuhl rufen werde, werde ihn wohl vor jeder Anfechtung seines Bestrebens, die volle Wahrheit zu sagen, bewahren. Der Talmnd, ein Werk von 12 starken Folianten, zu dessen Kenntnis in allen Theilen ein Menschenleben entfernt nickt ausreiche, sei nicht ein eigentliches Gesetzbuch, fondem mehr ein Sprechsaal, in welchem über alles Mögliche und nicht blos über Glaubenssachen, Ansichten ausgetauscht, Fragen aufgeworfen und beantwortet seien; das Werk habe zu seiner Abfassung über 100 Jahre gebraucht und sei in steter Fluktuation geblieben; die Verfasser seien zu einem großen Theil nicht Schriftgelehrte, sondern vielfach auch Handarbeiter und Leute aus dem Volke gewesen. Ansechtbar am Talmud sei höchstens die Logik; seine Moral sei eine schwärmerische, eigenartige, aber durchweg gutartige. Wie schon die Personen der Verfasser ergeben, sei nicht alles darin Enthaltene als einen wirklichen inneren Werth darstellend, zu bezeichnen; neben vielem Sinn sei auch mancher Unsinn enthalten; aber die Moral sei eine durchaus unanfechtbare, sie enthalte nichts sittlich Verwerfliches. Als die Israeliten andere Rechte bekamen, ließen sie die talmudistische Richtung auch formell hinter sich; der Talmud habe seit hundert Jahren seine Geltung zu drei Viertel vollständig verloren. Der Schulchan Aruch habe nie Gesetzeskraft gehabt; der Antrag des Dr. Wassermann auf der Augsburger Synode 1869, den Schulchan Aruch zu revidiren, sei einstimmig abgelehnt worden, weil er gar keine Autorität besitze, also auch nicht zu revidiren sei. Es gebe ganze israelitische Gemeinden, in denen auch nicht ein Angehöriger je einmal einen Talmud auch nur zu Gesicht bekommen habe. — Zu einzelnen der von Rohling ausgchobenen Stellen übergehen׳- wies der Sachverständige nach, dass es sich um absichtliche oUr unabsichtliche TextauslassunM, falsche UebersstzungeN rc. handle, La dis Stellen richtig Übersetzt, meist entgegengesetzten Sinn haben oder in thörichtfter Weise aus dem Zusammenhang gerissen seien; ebenso gut könnte man Schiller als Verteidiger des Diebstahls ausgeben, weil die Worte ״und wer's nie gekonnt, der stehle" in demselben verkommen, wenn man sie aus dem Zusammenhang herausreiße. Er habe die in den letzten 100 Jahren gedruckten Neligionsbücho׳- mitgcbracht; dieselben enthalten bezüglich der Nächstenliebe die gleichen Grundsätze wie die christlichen Neligionsbücher. Es wurden mehrfache Stellen verlesen, wonach der Israelit jeden Nebenmenschen ohne Unterschied des Glaubens und der Stellung als seinen Nächsten zu betrachten und zu lieben habe; es sei eine Erfindung, dass nach der jüdischen Religion Andersgläubige anders behandelt werden sollten oder dürften, als die Angehörigen der eigenen Confession. Speziell in Württemberg seien die israelitisichen Schulen und die in ihnen gebrauchten Religionsbücher, Sprach- und Lesebücher der Schulaufsicht des Staates und der christlichen Ortsgeistlichen unterstellt. Der Eid sei für jeden Juden streng bindend; so lange noch die geistliche Belehrung über den Eid stattgefunden habe, sei dies ausdrücklich jedem Schwörenden .vargehalten, die Ungiltigkeit jeder Mentalreservation eingeschärft worden; eine Neligionsvorschrist, welche den Falscheid Andersgläu-!bigen gegenüber zuließe, gebe es nicht; alle derartigen Behauptungen gehörten ins Reich der Märchen. London. Die armen Juden des Qstends von London sind entschlossen, drei Tage lang ohne Schuhe durch die Stadt zu wandern. 3000 jüdische Arbeiter sollen gegenwärtig außer Arbeit sein und viele von ihnen wollen mit Frau und Kindern im Zuge erscheinen. — Die englische Regierung hat den Baron Alfred Rothschild zum Delegirten bei der Brüsseler Münzkonfercnz ernannt. Baron Alfred Rothschild, ein Bruder des Lord Nathaniel Rothschild, ist Director der Bank von England und österreichischungarischer General-Consul in London. Baron Alfred Rothschild hat als Experte ein Schreiben an die berühmte englische Gold- und Silbercommission gerichtet und sich in diesem Schreiben für die Aufrechthaltung der Goldwährung in England ausgesprochen. HuMaiismr öcs österr.-Mgar. Hakioren-IeremsK. Die P. T. Mitglieder werden dringendst ersucht, die Mitgliederbeiträge pünktlicher einzusenden, besonders aber mit Einsendüng des nunmehr fälligen Pflichtbeitrages nach dem verstorbenen Mitgliede I. Körner, Smichow, nicht zu säumen.

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