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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-05-21 · Heft 14 (21.5.1892) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 14 (21.5.1892)
Date
1892-05-21
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Sk. 14 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7. ordnet werden. Aber hier taucht die Frage der Modalitäten auf, und es sind auch noch andere zahlreiche Einzelheiten zu erwägen, ehe der Gesetzgebung ein Entwurf unterbreitet werden kann. Ich erkläre aber, dass es eine absolute Nothwendigkeit ist, dass sich die Regierung mit dieser Angelegenheit beschäftige, und hebe noch speciell hervor, dass es sich die Negierung vorbehält, diese Regelung auf Grund der vollen Rechtsgleichheit vorzunehmen, und im Sinne dieser Regierungserklärungen bitte ich den Herrn Abgeordneten von seinem Beschlussantrage abzustehen. Justizminister S z y l a g y i gab hierauf einige kurze Erklämngen ab, welche überaus lebhaften Beifall fanden. Er sprach über die Verhältniße der ungarischen Judenschast und präcisirte den Standpunkt der Regiemng dahin, dass es ihre Aufgabe sei, ein einheitliches Eherecht zu schaffen, in welchem die Verschiedenheit der Confesfion (cultus disparitas) nicht als Ehehindernis sigurirt und die Juris״ diction in Ehe-Angelegenheiten ausschließlich dem Staate zustehen wird. Was die jüdischen Mitbürger anbelangt, so können sich dieselben darin beruhigen, dass die Negierung und die liberale Partei ihre vollständige bürgerliche Gleichstellung wünschen und sich gar keine andere Lösung vorstellen können, als die aufrichtige vollständige Angreifung und Durchführnng der Gleichberechtigung auf der ganzen Linie. Nachdem sich der Beifall gelegt hatte, den diese Worte erweckten, sprachen noch mehrere Redner, worauf Chor in unter Berufung auf die beruhigenden Erklärungen der beiden Minister mit dem Andrucke des Vertrauens zur Regiemug seinen Beschlussantrag zurückzog. Der Präsident der Partei enuncirte sodann beschlussweise, dass die überwiegende Mehrheit der Partei die Erklärungen der Regierung mit lebhafter Befriedigung zur Kenntnis genommen habe. Lemberg. Wie aus Petersburg berichtet wird, ist zwischen den Abgesandten des Freiherrn v. Hirsch und der russischen Regierung hinsichtlich der Regelung der Auswandemng der Juden schon theilweise ein Einvernehmen erzielt worden. Die jüdischen Auswanderer werden in zwei Kategorien (in eine bemitteltere und mittellose) getheilt, und es wird in Uebereinstimmung mit den amerikanischen Hafenvorschriften, welche das Landen mittelloser Emigranten nicht gestatten, vorgegangen werden. Auf Verlangen der russischen Regierung, welche die Kosten des Rücktransportes mittelloser Juden vermeiden will, wird das Auswandemngscomitä jedem hilfsbedürftigen Emigranten darlehensweise eine Barschaft von 500 Rubeln einhändigen und überdies in der Russischen Neichsbauk einen entsprechenden Garantiefonds zur Deckung unvorhergesehener, aus der Auöwanderungsaction dem mssischen Reiche etwa erwachsender Kosten erlegen. Die russische Regierung hat die Forderung acceptirt, dass von der Emigrationsbewegung vorläufig altersschwache, gebrechliche, krüppelhafte, mit chronischen Leiden behaftete, mit mehr als sechs Kindem gesegnete, strafgerichtlich abgestrafte und keinem anständigen Berufe nachgehende Personen ausgeschlossen bleiben sollen. Bezüglich der Kinder und Frauen haben exceptionelle Bestimmungen zu gelten. Bis zur Einschiffung jeder höchstens aus hundert Ans- Wanderern bestehende Partie in russischen Hafenplätzen hat ein Vertrauensmann des Freiherrn v. Hirsch die Expedition zu überwachen und die Verantwortung dafür zu übemehmen, dass keiner der Emigranten in einer Zwischenstation Reißaus nimmt und in Rußland zurückbleibt. Die Sicherheitsbehörden werden überall von der Durchreise einer jeden Partie im vorhinein verständigt werden. Bteslatt. Auf die Ausschreibung der durch den Tod des Herrn Deutsch vacant gewordenen Stelle eines Cantors an der Synagoge haben sich 47 Bewerber gemeldet, von denen 9 in die engere Wahl gekommen und zum Probesingen aufgefordert worden sind. Unter diesen 9 Bewerbern befindet sich auch der Opemsänger Cerini vom SLadttheater, welcher am letzten Samstag Nachmittag unter großem Andrange des Publikums in der Synagoge einige Gesänge vorgetragen hat. Wie verlautet, hat sein Gesang den Anwesenden außerordentlich gefallen. Eine Entscheidung über die Besetzung der Stelle wird natürlich erst erfolgen, nachdem auch die übrigen 8 Bewerber Proben ihres Gesanges gegeben haben. Frankfurt a. M. (Die Jud en-Colonien des Baron Hirsch.) Das ״Warschauer Amtsbl." bezeichnet, wie der ״Voss. Ztg." gemeldet wird, die Nachricht, dass Baron Hirsch sein Juden-Colonisations-Project aufgegeben habe, als unbegründet; die russische Negierung werde im Gegentheile schon demnächst einen neuerlichen Vorschlag des Abgesandten des Baron Hirsch, wonach innerhalb der nächsten fünfundzwanzig Jahre die Auswandemng von 3,250.000 Juden aus Rußland geregelt werden soll, in Erwägung ziehen und eine endgiltige Entscheidung treffen. Bnnzlan. (Auswanderung der Juden in Südrußland.) Aus Odessa und allen jüdischen Plätzen Rußlands findet, wie der Odessaer Correspondent der ״Daily News" mittheilt, jetzt eine lebhafte Auswanderung der Juden statt, da am 4. Mai die zwölfmonatliche Frist, innerhalb welcher die Juden Befehl erhalten hatten, ihre Heimath zu verlassen, abläuft. Es befinden sich noch immer ungefähr 5000 sogenannte ״ausländische Juden" in Odessa, die obwohl dort lange Zeit ansässig, innerhalb der nächsten 14 Tage ohne Rücksicht auf Kosten und Schäden, welche ihnen dadurch erwachsen, dieser Stadt den Rücken kehren müssen. Der russische Dampfer, welcher in voriger Woche nach der Levante absegelte, hatte wieder mehr als 400 solcher Ausgewiesener an Bord. Auf dem Kai hatten sich ungefähr 6000 ihrer Glaubensgenossen eingefunden, um ihnen Lebewohl zu sagen. Bei diesen alle 14 Tage stattfindenden Abschiedsszenen tritt die mssische Polizei gewöhnlich mit großer Brutalität auf. Unter denk Vorwände, einen freien Zugang zur Schiffbrücke schaffen zu müssen, schlagen die Polizisten mit der Knute auf die Seute ein und jagen sie nach allen Richtungen auseinander. Wo alle jetzt ausgewiesenen Juden neue Heimstätte finden sollen, ist schwer zu sagen. Die meisten sind tatsächlich mssische Juden, die vor vielen Jahren zu bestimmten Zwecken ausländisches Bürgerrecht erworben haben. Berlin. In einer Berliner Versammlung des Vereins zur Bekämpfung der Rassenhetze, in welcher des Antisemiten Ahlwardt's Broschüre ״Die Judenflinten" (die angeblichen Betrügereien in der Waffenfabrik von Löwe) besprochen wurde, kam es zu großen Tumulten und einer lebhaften minutenlangen Prügelei mit den Antisemiten, deren Führer den Vorsitz an sich gerissen hatte. Als dieser den Juden Vaterlandslosigkeit vorwarf, artete der Tumult in einen regelrechten Kampf mit Fäusten, Stöcken, Stuhlbeinen und Biergläsern aus. Dieselbe Szene wiederholte sich als ein Redner die Broschüre Ahlwardt's als Landesverrath bezeichnte. Schließlich prügelten sich die Antisemiten mit den jüdischen Vorstandsmitgliedem, worauf die Versammlung aufgelöst wurde. Bukarest. Aus der oberen Moldau laufen wahre Jammerberichte über die Lage der im benachbarten mssischen Grenzgebiete sich zusammendrängenden Juden ein. Da nämlich die den ausgewiesenen Juden eingeräumte Gnadenfrist, nach deren Ablauf sie eventuell zwangsweise über die mssische Grenze gebracht werden sollen, bereits zu Ende geht, so werden sie schon jetzt in großen Schaaren gegen die Grenze hin gedrängt, um sie im gegebenen Moment ohne Zeitverlust ans dem Lande schaffen zu können, und da jene Juden, welche noch über halbwegs einige Mittel verfügten, mit ihrer erzwungenen Abreise aus dem ungastlichen Rußland nicht bis zu diesem Zeitpunkte warten wollten, so ist es leicht begreiflich, dass es gerade die Aermsten unter den Ausgewiesenen sind, welche jenseits des Pruth ihrer Abschiebung harren. Von allen Geldmittelu entblößt und obne jeglichen Erwerb, befinden sich diese Unglücklichen in einer wahrhaft erbarmungswürdigen Nothlage, deren Druck noch überdies durch den Umstand vermehrt wird, dass es gerade für sie am schwersten ist, anderwärts eine Zufluchtsstätte zu finden. Wie bereits telegraphisch gemeldet wurde, hat sich angesichts der Ansammlung zahlreicher ausgewiesener Israeliten in den russischen Grenzgebieten auch die mmänische Regiemng veranlasst gesehen, ihre Consulate anzuweisen, den durch einen Gewaltact des heiligen Rußland heimats- und subsistenzlos gewordenen Juden das zur Ueberschreitung der rumänischen Grenze nöthige Passvisa zu verweigern, und sind außerdem die rumänischen Grenzbehörden strengstens beauftragt worden, keinem nicht mit einem ordnungsmäßig vidirten Passe versehenen Fremden den Eintritt nach Rumänien zu gestatten.

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