Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 30 (21.11.1891)
- Date
- 1891-11-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7׳ burtsbüchern der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde vorgegangen wurde. Ich halte es für meine Pflicht, daraus aufmerksam zu machen, dass die hebräischen Namen im bürgerlichen Leben keinen Werth und nur in liturgischen Fällen, z. B. beim Sprechen eines hebräischen Segens, bei hebräischen Gebeten, in Krankheits- und Todesfällen oder bei Ehetrennungen eine Bedeutung haben. Es kann daher nicht überraschen, wenn die Eltern beim Anblicke eines solchen-.Geburtsscheines sich wundern, auch den hebräischen Namen auf dem Documente verzeichnet zu sehen, obwohl er blos bei gewissen liturgischen oder rituellen Veranlassungen in hebräischer Sprache gebracht wird. Im Falle das vorliegende billige Verlangen um Hinweglassung des jüdischen Namens im Geburtszeugnis bei der" hohen k. k. u.-ö. Statt- Halterei keine Bewilligung finden sollte, so würde in Hinkunft aus den Geburtsanzeigen die Rubrik ״Jüdischer Name" eliminirt werden. Wien, 30. October 1891. Dr. Jellinek na. p. St. k. n -ö. Statthalterei. Z. 6774t (Normale.) Mit der Eingabe vom 30. October 1891, Z. 1950 hat das dortige Matrikelamt das Ansuchen gestellt, bei Anordnung nachträglicher Eintragungen in die Geburtsmatriken von der Beifügung des hebräischen Namens zu dem sogenannten deutschen Vornamen abzusehen, da dieser im bürgerlichen Leben keinen Werth habe und nur in liturgischen Fällen von Bedeutung sei. Hierüber wird dem geehrten Vorstände zur entsprechenden weiteren Veranlassung eröffnet, dass in Hinkunft die Eintragung des hebräischen Namens von h. a. nunmehr dann angeordnet werden wird, wenn dem Kindekein anderer Name beigelegt wurde. Auch kann weiterhin bei Ausstellung von Geburtsscheinen die Beifügung des eventuell seitens der Matrikenführung in das Geburtsbuch eingetragenen hebräischen Namens zu dem deutschen Vornamen unterbleiben. Es wird übrigens bemerkt, dass kein Grund vorliegt, in den Geburtsbüchern und Geburtsanzeigen die Rubrik ״Jüdischer Namen" zu eliminiren, da nach §6 des kais. Patentes vom 20. Februar 1784 den Israeliten geringe auf ihre Religion angewendeten Aenderungen mit diesem kaiserlichen Patente für die Matriken festgesetzten Formularien gestattet sind. Wien, am 5. November 1891. In Vertretung. Wien. Montag, 16. November fand im Hause des Herrn Dr. Ludwig Ritter v. Gut mann, welcher mit einer Tochter des Baron G ü n; b u r g in sehr glücklicher Ehe lebt, die Beschneidung seines neugeborenen Söhnchens statt. . Der Neugeborene erhielt nach Aufnahme in den Bund Israels den Namen Emil. Die Operation vollzog Herr Dr. Herzfeld. Wien. Wie uns aus verlässlicher Quelle mitgetheilt wird, hat der erste Chasen an der hiesigen Schiffsynagoge, College I. Wittmann, der vor 9 Jahren von Budapest hieher berufen wurde, zufolge seines geringen Einkommens sich gezwungen gesehen, den Posten an der genannten Synagoge zu kündigen. Dieser Entschluss wird allgemein umsomehr bedauert, als Herr Wittmann sich in Folge seines vorzüglichen Charakters und seiner eminenten Leistungen grosser Beliebtheit unter der orthodoxen Judenschast Wiens erfreut. Von Seiten einiger maßgebender Mitglieder der Schiffsynagoge wird übrigens der Versuch gemacht, auf den Vorstand dahin zu wirken, dass er den beliebten Chasen zu fernerem Verbleib auf seinem Posten bewege Wien. Der israel. Tempelbauverein im YIII. Bezirke veranstaltet unter dem Protektorate des Herrn Moriz Freiherr von Königswarter Samstag, den 12. Dezember 1891 in Ronachers Ballsälen I., Schellinggasse 4 eine Akademie, verbunden mit Tanzkränzchen zum Besten des Tempelbaufonds im TOI. Bezirke. Karten bei Herrn Hermann Beck, Firma Wilh. Beck & Söhne, YIII. Langegasse. Budapest. Am 12. d. M. starb hier nach längerer Krankheit das Milglied des Oberhauses, Augenarzt Dr. Ignaz Hirschler, im Alter von 68 Jahren. Hirschler war im Jahre 1823 zu Pressburg geboren. Er widmete sich der medicinischen Laufbahn und studierte in Wien und Paris. Nach den Unabhängigkeitskämpfen machte er sich in Budapest sesshaft und war bald einer der renommiertesten Augenärzte. Er vermochte es jedoch nicht als Jude durchzusetzen, dass er in den Fünfziger- Jahren als Privatdocent zu Vorlesungen an der Universität zugelaffen werde, und versammelte daher einen großen Kreis von Hörern im Kinderspital, wo er seine Vorlesungen halten musste. Er war auch vielfach litterarisch thätig, und drei größere Werke über Augenheilkunde verbreiteten seinen Ruf weit über die Grenzen Ungars hinaus. Als Cultusminister Baron Josef Eötvös, mit dem er näher befreundet war, im Jahre 1868 die Rechtsverhältniße der ungarischen Juden regeln wollte und den ersten jüdischen Landescongreß nach Budapest eiuberief. genoß Dr. Hirschler unter seinen Glaubensgenossen bereits so hohes Ansehen, dass er als Führer der Fortschrittspartei zum Präsidenten dieses Congresses gewählt wurde. Ein Jahr spärer wählte ihn die Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitglieds und 1878 wurde er für sein humanes Wirken mit dem Orden der Eisernen Krone ausgezeichnet. Nach der Reform des ungarischen Ober- Hauses war er nächst dem Großgrundbesitzer Schwab der erste Jude, der gewissermaßen als Vertreter seiner Confession ins Oberhaus berufen wurde. Budapest. Der bekannte Hebraist und Schriftsteller Simon Bacher ist am 11. d. M. im Alter von 69 Jahren gestorben. Bacher beherrschte wie selten einer die hebräische Sprache und erwarb sich durch eigene Poesien, sowie durch kunstvolle Uebertragungen deutscher und ungarischer Classiker einen wohlverdienten Ruf. Komorn. Der neue Fürftprimas Vaszary, der öfters in unsere Stadt kam, besuchte fast bei jeder Gelegenheit unfern Oberrabbiner Herrn Dr. Hermann Schnitzer, er nahm auch bei diesem wiederholt das Mittagmahl. Vor nicht langer Zeit war dies wieder der Fall. Nach dem Speisen fragte Vaszary j den Rabbiner, ob es nichts Neues gebe, worauf der Rabbiner , erwiderte, dass alles beim Alten geblieben sei, nur sei am hiesigen i Gymnasium ein neuer Professor, der ein enragierter Antisemit ' ist. Der Rabbi ersuchte schließlich den Fürstprimas, er möge j den Professor ermahnen. Nach wenigen Tagen aber ward der | antisemitische Professor zum Wirtschaftsbeamten ernannt und an! seine Stelle trat ein liberaler Professor. 1 Baris. Die Feier zu Ehren des 100 jährigen Geburts-! tages Meyerbee r's, welche vorigen Monat aus verschiedenen! Gründen aufgeschoben wurde, fand am 14. d. M. statt. Die französische National - Akademie der Musik (offizielle Benennung für ״Große Oper") ließ an diesem Tage die vierten Acte derjenigen Meyerbeer'fchen Opern zur Aufführung bringen, welche bereits früher in derselben zur Aufführung gelangt sind. Das Programm enthielt die vierten Acte folgender Opern: Die Hugenotten, der Prophet, Robert der Teufel und die Afrikanerin. Staroduö. Der bei der Judenhetze in Starodub angerichtete Schaden zählt nach Millionen. Bei ganz wohlhabenden Leuten wurden den Juden geraubte Gold- und Silbersachen aufgefunden. 170 Personen sind verhaftet, darunter mehrere Hausbesitzer. Der Hauptanstifter, ein reicher Bürger, ist verschwunden. Bei den Hetzen sind fünf jüdische Mädchen so schändlich behandelt worden, dass sie seitdem gestorben sind. Auch in der russischen Stadt Pogar haben Unruhen stattgefunden, wobei 18 Juden erschlagen, mehrere hundert mißhandelt und 15 Häuser eingeäschert wurden. London, 5. November. Der Baron Hirsch beabsichtigt einen internationalen Delegirten-Congreß einzuberufen, um Schritte zur Befreiung der russischen Juden aus ihrer gegenwärtigen Lage und zur Beschaffung einer neuen Heimat für dieselben zu berathen. Die bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europa's sollen eingeladen werden, den Congreß zu beschicken, der Anfangs 1892 wahrscheinlich in London zusammentreten wird. Konstanlinopek. Am 5. d. sind hier 800 russische Juden (Männer, Frauen und Kinder) auf einem französischen Dampfer eingeschifft und via Marseille nach Buenos-Ayres gebracht worden.. Die Kosten des Transportes bestreitet das Baron Hirsch'sche Colonisations-Comite. Hiebei wird von einem in gewisser Beziehung inhumanem Vorgehen des Comitv berichtet. Es werden nämlich den alten und jungen Flüchtlingen zwangsweise die Peoth abgeschnitten und die Bärte gestutzt. An einem alten Manne soll sogar eine solche Operation in der Synagoge vollzogen worden sein. Ob diese Prozedur im Sinne des großen Stifters liegt, ist mehr als zweifelhaft.