Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 29 (11.11.1891)
- Date
- 1891-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Caaioren - Zeitung. Csntral-Organ _ Pränumerations-Preis. Kür ßantoreu und ßuttusöeamte in Hesterreich-Ztngarn . Ganzjährig.fl. 4 — Halbjäbrig . . .' . . fl. 2.— Kür ßantoren und ßuttusöeamte im Austand Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. . Kür Arivate und Institute Ganzjährig.fl. 6.— für dir Interessen der Cantoren und Cultusbenmten. Erscheint je -e« zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Kedaction und Administration Men II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnements- und Jufertiousbetrage sind in Wien zahlbar. Itr. 29 Dien, 11. November 1891. 11. Jahrgang. Einzelne Worte über jüdischen Gesang von Dr. Jellinek. Gesammelt vom Bezirksrabbiner Roth in Siklos. In der Predigt ״Israels Gesang"ג) sagt Dr. Jellinek: In der That fragten schon unsere alten Weisen, wie das das Lied am rothen Meere gesungen wurdet). R. Akiöa meinte, dass nach jedem Satze, den Moses anstimmte, das Volk einfiel mit den Worten: ich singe den Ewigen; R. Elieser, der Galiläer, dass es Moses jeden, einzelnen Satz im Chore nachsang; R. Elieser ben Asarja, dass es Moses respondirte, so dass er anfieng: ich singe dem Ewigen, und das Volk daraus erwiderte: ich singe dem Ewigen, dass er sich erhebe; ein Anderer, dass Moses blos intonirte und das ganze Volk wie durch ein Wunder, das ganze Lied in Begeisterung sang. — Daher war es auch in der alten Gemeinde Wiens wie in andeken österreichischen Gemeinden Sitte, dass beim Vorlesen der Thora am Sabbat Schiro und am 7. Tage des Pessach-Festes der Vorbeter das Lied am rothen Meer intonirte und die ganze Gemeinde es im Chore vortrug, eine Sitte, die mit passenden Abänderungen noch heute Nachahmung verdient. — In der Wüste, wo Israel klagte und murrte, schwankend und unzufrieden sich zeigte, fehlte die Stimmung für dem Gesang. Blos ein Lied vom Brunnen, der die Wandernden erquickt hatte, und auch da hören wir Wechselchöre: Steig' auf Brunnen! Singet ihm entgegen, ♦ ruft der Chor, worauf ein zweiter ihm erwidert: Brunnen, welchen Fürsten gruben. Den des Volkes Edle bohrten Mit dem Scepter, mit ihren Stäben. Israel seufzte unter der Gewalt Jubin's, Debora, das Weib flammenden Muthes bricht, im Verein mit Barak die 1) Predigten Dr. Jellinek's, Th. 94. 2) Die Version dieser Meinungen sind im Talmud Babli, Jeruschalmi, Mechilta, Tosefta und Tanchuma sehr verschieden. In der Mechilta heißt es: R. Elieser ben Todai sagte: Moses sagte: Ich finge dem Ewigen, denn er ist hocherhaben, und das Volk erwiderte: Pferde und Reiter stürzte er in's Meer.: Moses sagte: Meine Macht und Saitenspiel ist Gott, und Israel erwiderte: Mir war er zur Hilfe. Wahrscheinlich ist die Ursache, weil Moses Gott von seinem Wesen erkannte, so'sagte er: Gott ist meine Macht und Saitenspiel. Israel erkannte aber Gott nur durch die Thaten, daher sagte es: Pferde und Reiter stürzter in's Meer und er war mir zur Hilfe. ן Fesseln der Fremdherrschaft, und kaum ist das Volk befreit, da i wird׳ ein Lied angestimmt, das in seinem Strophenbau uns j heute noch den Wechsel der Chöre veranschaulicht.! Der Philister verhöhnt Israel, David tödtet ihn und I rettet die Ehre und die Unabhängigkeit seines Volkes; da ziehen! die israelitischen Frauen aus und singen:! ״Saul schlug Tausende, j David aber seine Zehntausend." j Und David, der Dichter, Held und König, er war es, j der dem religiösen Gesänge den mächtigsten Aufschwung verlieh, j Denn er hatte nicht nur einen Sängerchor von vier Tausend I Leviten eingeführt, welcher in vierundzwanzig Ordnungen zerfiel, mit je einem Meister an der Spitze, und bei großen Festen vereint zusammenwirkte, sondern er hatte auch den Grund gelegt zu dem großen jüdischen Gesangbuche, zu dem unvergleichlichen Psalter, dem so viele Völker auf dem Erdenrunde ihre Gesänge entlehnten, und in welchem eine Tonleiter aller menschlichen Gefühle sich findet. Zionsgesänge waren so berühmt, dass die Babylonier die gefangenen Leviten aufforderten: ״Singet uns ein Lied von Zion." Allein die schwermüthigen Sänger antworteten: ״Der Jude singt nur, wenn er frei ist, und dumpfe Klagetöne erschallen von seinen Lippen in der Knechtschaft." Kaum waren die Leviten auf heimischem Boden, so erklangen wieder ihre religiösen Gesänge, und kaum hatte später der Makkäbaerheld den tyrannischen Syrer geschlagen und Israel befreit, da zogen die Sieger nach dem geweihten Tempel und stimmten ein lautes : ״Danket dem Ewigen rc." an. Als aber nach der zweiten Zerstörung Jerusalems durch die blutige Römer- Hand der große Wendepunkt in Israels Geschichte eintrat, als die Zeit der Knechtschaft, des Völkerhasses und der Berfolgungen begann, da verstummten auch die alten Gesänge. Mit den Psalmen giengen Psalmodie und religiöser Choral zu der ersten Tochterreligion des Judenthums, in deren Mitte sie weiter entwickelt wurden; Israel aber sprach mit seinen alten Leviten: ״Wie sollen wir singen des Ewigen Lied auf fremder Erde, wie sollen wir, die Verfolgten und Gehetzten, von Land zu Land Gejagten, die Stimmung finden, jene alten Gesänge anzustimmen, deren Töne uns an Freiheit und Selbstständigkeit erinnern?" Vergebens machten die weisen Lehrer den israelitischen Gemeinden die bittersten Vorwürfe, dass sie den feierlichen Choral aus den Bethausern verbannen und bun