Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-10-11 · Heft 26 (11.10.1891) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 26 (11.10.1891)
Date
1891-10-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453233--3274-3457612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

hat einen Complex von Gütern, den sie im Podhajcer Bezirke erworben, auf zwanzig Jahre an zwei Juden verpachtet. In Folge der Agitation einiger Mitbewerber um den Pacht erhob sich nun ein Sturm von Protesten gegen dieses .,unpatriotische Gebühren" der Direction eines vaterländischen Instituts. Die polnischen Blatter, Adelsversammlungen und sogar Bezirksvertretungen überbieten einander in Ausdrücken der Entrüstung und verlangen, dass der Aussichtsrath die Vereinbarungen der Direction für ungiltig erkläre. Selbst Jene, welche zugeben, dass die genannte Gesellschaft durch den Pachtvertrag ein sehr gutes Geschärt macht, wollen dessen Annullirung im Interesse ׳ der ״nationalen Würde V Der Dziennik Polski schreibt: ״So? hat denn unsere Bürgerschaft zum erstenmale deutlich und nachi drücklich die Uebergabe von Grund und Boden in Judenhände; für unpatrioiisch und ebenso schädlich wie die Preußische Colonij sation erklärt, und, offen gestanden, wir sind davon befriedigt".! Sonderbarerweise verwahren sich aber alle adeligen Veranstalter - der Judenhetze und die derselben zustimmenden Blätter dagegen, j etwas mit dem ,,raubthierartigen deutschen Antisemitismus" gemein zu haben, und tragen eine Zärtlichkeir gegen den ״schütz-! bedürftigen" Bauernstand zur Schau, von welcher sie in ihrem : bisherigen öffentlichen und privaten Wirken nichts merken ließen, i Lemöerg, 7. October. (Antisemitismus in Galizien.) Die! sogenannte Podhajcer Affaire, über welche Ihnen schon berichtet : wurde, fand einen seltsamen Abschluss. Die beiden Juden, gegen! welche mau eine stürmische Agitation eingeleitet hatte, wollten, : obwohl einer derselben Doctor der Rechte ist, nicht im Sinne Jhering's den Kampf ums Recht aufnehmen, sondern zogen es vor, um des lieben Friedens willen auf den mit der Direction der Wechselseitigen Brandschaden-Versichernngs-Gesellschaft in Krakau abgeschlossenen Vertrag unter der Bedingung zu verzichten, dass ihnen drei Meierhöfe, die sie unter dem vorigen Besitzer in Pacht genommen hatten, weiter belassen werden sollen. Im Aufsichtsrathe der Versicherungs-Gesellschaft fand man sich nun bewogen, den beiden Inden für diese ״Opfer- Willigkeit" und ״wirkliche Bürgeithat" Lob zu zollen. So komisch dies wirkt, steht es doch im Einklänge mit dem ganzen Verlaufe der Bewegung. Da führte ein adeliger Patriot gegen die Fremdlinge das große Wort, wiewohl es hierzulande allgemein bekannt ist, dass sein Vater Jahrzehnte hindurch in innigster Geschäftsverbindung mit Juden stand, bei welcher diese stets zu kurz kamen. Ein Anderer meinte, es könne wohl nicht so unchristlich und unpatriotisch sein, an Juven Grund und Boden zu verpachten, da dies sonst Erzbischof Morawski und Bischof Solecki nicht thäten, rügte aber nichtsdestoweniger das Verfahren der Direction als dem Gemeinwohl abträglich. Mangel an Logik und das lächerliche Bemühen, die Sucht nach Vorrechten und Sondervortheilen als gemeinnützig hinzustellen, sind eben allerorten Merkmale des Antisemitismus. Die Podhajcer Affaire, die große antisemitische Action in Galizien, schließt mit einer feierlichen Anerkennung der Bürgertugend jener zwei Juden, zu deren Bekämpfung im ganzen Lande die Sturmglocke geläutet worden war — führwahr ein dankbarer Stofs für einen Possendichter! Mertin. Am 27. September fand die Einweihung der neuerbauten Synagoge in der Lindenstraße statt. Hiemit ist die Zahl der ständigen jüdischen Gotteshäuser in Berlin auf acht ] gestiegen. Es sind jetzt ungefähr zweihundert Jahre, als die ersten Anfänge zu einer eigenen Synagoge in Berlin gemacht wurden. Als die Juden im Jahre 1671 wieder in Preußen und Berlin ausgenommen worden waren, wurde ihnen der Bau eines eigenen Gotteshauses nicht gestattet; sie mussten in ihren Wohnungen ihre Andachten verrichten. Erst im Jahre 1697 erwirkte der Schutzjude Rieß bei dem Kurfürsten Friedrich III., dem nachmaligen ersten Preußenkönig, für seine Glaubensgenossen die Erlaubnis, gegen Erlegung einer größeren Summe Geldes eine öffentliche Synagoge ״ad pias causas“ — wie es in dem kurfürstlichen Decret heißt — bauen zu dürfen. Grund und Boden und das Gebäude selbst schenkte der sogenannte Hofjude Liepman seinen Glaubensgenossen. Aber schon drei Jahre später musste an eine Vergrößerung des Gotteshauses gedacht werden und die Juden bekamen die Erlaubnis, auf dem ihnen gehörigen Terrain in der Heidereutergasse eine neue und größere Synagoge bauen zu dürfen. Der königliche Baudirector I. G. Kemmer führte den Bau des neuen Gotteshauses aus, das im Jahre 1714 feierlich eingeweiht wurde und noch heute die älteste Synagoge in Berlin ist. Später kamen dann hinzu die Synagogen in der Kaiserstraße, am Schöneberger Ufer, in der Gipsstraße, dann vor Allem der in den Jahren 1859 bis 1866 von Knoblauch ausgeführte Prachtbau in der Oranienburger Straße, das Gotteshaus der jüdischen Reformgemeinde in der Johannisstraße und die Synagoge für die Lnisenstadt in der Prinzenstraße. — Die neue Synagoge (Lindenstraße) ist von den Architecten Cremer und Wolsfenstein in der Verhältnis׳ mäßig kurzen Zeit von I V» Jahren erbaut. Sie steht im Hofe. Der Eingang führt durch das bis zur Höhe des zweiten Stock- Werkes reichende Rundbogen-Portal des drei Etagen hohen Vorderhauses. Zu beiden Seiten des Vorhofes befinden sich zwei umfangreiche Nebenräume, der eine dient zum Betsaal, der andere bei Trauungen und dergleichen zur Versammlung für die Gäste. Die Grundform der Synagoge wird durch ein breites Obtongum gebildet, dessen vier Ecken durch Säulen- und Emporen-Vorsprünge abgeschnitten werden. Die Architectur des Jnnenraumes trägt ein romanisches Gepräge mir gothifchen Stilformen. In der Höhe öffnet sich die Kuppel zu einem Oberlichtfenster mit Glasmalereien. Die reichste architectonische Gestaltung zeigt die Altarseite. Die Helle Farbe der in weißem Sandstein von dem Steinmetzen Schilling gemeißelten, vielfach durchbrochenen Altarwaud bringt in die vorherrschende rothliche und braune Tönung des Raumes wohlthuende Mannigfaltigkeit. Hinter einer ersten Estrade ist die achtförmige Kanzel in weißem Sandstein errichtet; an der Altarwand über der Bundeslade erhebt sich eine mächtige Orgel. — Der Raum wird durch Luftdruck erwärmt und durch elektrisches Licht beleuchtet. Die Einweihungsceremonie begann Punkt 11 Uhr mit einem Orgelpräludium. Hierauf bestieg der Gemeindepräses die Kanzel. Er schilderte zunächst die Entwicklung der Berliner Gemeinde in den letzten Jahrzehnten und gab schließlich seine Ansichten überjdie Reform des Gottesdienstes in folgenderWeise kund: ״Vor 25 Jahren, als die erste neue Gebetordnung in der Haupt-Synagoge in der Oranienburgerftraße eingeführt wurde, da tobte ein gewaltiger Kampf der Meinungen, — heute ist es anders, wohl besser geworden. Es hat sich naturgemäß das Bedürfnis gezeigt, der Jngend, die nicht mehr in dem Maße das Hebräische beherrscht wie die Alten, eine Verständnisvollere Liturgie zu geben. Es wird mit der Zeit noch ein größerer Fortschritt nothweudig und ein ganz deutscher Gottesdienst einzuführen sein, wir haben uns aber um des lieben Friedens willen zu dieser radicalen Reform noch nicht entschließen wollen; das muß der Zukunft anheimgegeben werden. Wir haben gesucht, allen Parteien gerecht zu werden, — uns trennen einzelne Meinungen, aber Alle sind wir von einem einheitlichen Bewusstsein durchdrungen, dass wir Israeliten sind und bleiben wollen." Nach dieser Rede hielt Herr Dr. Ungerleider, der älteste der hiesigen vier Gemeinderabbiner, das Weihegebet beim Anzünden der ewigen Lampe, und nach ihm bestieg Herr Dr. Maybaum die Kanzel, um die eigentliche Eimveihungsrede zu halten. Er legte seiner Predigt den Text der vorangegangenen Sidra zu Grunde: ״Denn sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es uuszuüben", und sprach in gewohnter, trefflicher Weise. Mit dem Gebete um Segen für das Kaiserpaar und das ganze Königshaus, für das deutsche Vaterland, für Stadt und Gemeinde, vorgetragen vom Herrn Rabbiner Ungerleider, schloss die erhebende Feier unter Absingung des Hallelujah (Ps. 150). ]ML W. Soeben erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Gedanken eines jüdischen Cultusbeamten. Yon A. Levin, Tilsit. — Preis KN Pf. Al« FRIED II. FIfclEII & Co., Verlagsbuchhandlung BERLIN, LEIPZIG und BUDAPEST.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.