Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 25 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— "7 — Halterei den vorgelegten Entwurf mit dem Bedeuten zurückgewiesen, dass eine gesetzliche Regelung der Cultusgemeinden in Aussicht stehe und dass, wenn diese einmal erfolgt sei, die Anträge der Gemeinde einer Prüfung unterzogen werden sollen. Nun ist diese ,,Regelung" erfolgt, und wir harren der kommenden Dinge. Die Gemeinde hat jene behördliche Aufforderung zur Antragstellung in eingehende Berathung gezogen und ihre Wohlmeinung dahin abgegeben, dass das Gebiet der neu zu constituirenden Gemeinde mit dem Umfange der Stadt Graz abgegrenzt bleibe, während alle anderen in Steiermark und Kärnten wohnhaften Israeliten als der neuen Gemeinde ״zugewiesen" figuriren sollen. Das Gesetz unterscheidet nämlich im §. 6 solche, die der Cultusgemeinde ״angehören" und solche, die ihr ״zugewiesen" werden. Unsere Gemeinde müsste in Berücksichtigung der thatsächlichen Verhältniße nothwendig zu dem Resultate eines solchen Vorschlages gelangen. Nahe an fünfzig Ortschaften in Steiermark sind von Juden bewohnt, — freilich manche nur von einem einzigen.— Die Versorgung der religiösen Bedürfnisse, welche das Gesetz für die dem Gemeindeverbände ״Angehörigen" fordert, gehörte für die hiesige Muttergemeinde gergdezu zu den Unmöglichkeiten. Und zwar erst für Kärnten! In Klagenfurt wohnen gegen 30 jüdische Familien, welche bisher einen Cultus-Verein bildeten. Wie sollte die hiesige Cultusgemeinde und von hier aus die Schechita, den Religionsunterricht u. s. w. versorgen? Die Cultusgemeinde erklärte iu ihren Zuschriften an die Statthalterei in Graz und an das! Landespräsidium in Klagenfurt, dass sie bereit sei, auch fernerhin! die Matrikelführung und die gesetzlichen Ehe-Agenden für beide I Kronländer zu versorgen, auch ihre Institutionen sämmtlichen! Israeliten zur Verfügung zu stellen, dass sie aber nicht in der Lage; sei, irgend welche specielle Verpflichtungen, sei es für die Jsrae-! liten in Steiermark oder für die in Kärnten, auf sich zu nehmen.! Und so — harren wir der kommenden Dinge. Or. 21. .m i Gänserndorf. Der neuernannte Rabbiner von Floridsi dorf, Herr Dr. Reich, hat am 19. September in unserem Orte, { der zum Rabbinate Floridsdorf gehört, die erste Gast-Predigt gehalten und mit derselben allgemeinen Beifall gefunden. Gleichzeitig hielt der Herr Rabbiner eine Prüfung in der Religionsschule , ab und sprach dem Cantor und Lehrer I. Löwinger für seine pädagogisches Wirken die vollste Anerkenuung aus. Innsbruck. In Erl, unweit der Station Ober-Andorf, jenseits des Inn, geht unter starker Theilnahme der bäuerlichen Bevölkerung und der Sommergäste aus den nahen bairischen Villegiaturen ein großes biblisches Schauspiel, das ״M oses der Befreier und Gesetzgeber des Volkes Israel" benannt ist, in Scene. Unstreitig ist die Bühne in Erl die interessanteste unter den tiroler Bauernbühnen. Alles in Allem mögen an 100 Personen, Männer, Weiber und Kinder auf der Bühne thätig sein. Das Theatergebäude, außerhalb des Dorfes an der Strasse nach Kufstein liegend, sieht wie ein riesiger ״Heustadel" aus, enthält aber eine breite und tiefe, gut eingerichtete Bühne und einen mit amphitheatralisch aufsteigenden Bänken versehenen Zuschauerraum, der mehr als 1000 Personen zu fassen vermag. Die Vorstellungen beginnen stets um die Mittagsstunde und enden um 5 Uhr Nachmittags. In einem Vorspiele, das die Auffindung des kleinen Moses im Nil behandelt, und in sechs Acten wird der Auszug aus Aegypten und der Zug durch die Wüste bis zur Einnahme Jericho's dramatisch vorgeführt. Wenn man bedenkt, dass vom Darsteller des Moses an bis zum letzten Bühnenarbeiter, Zw Chorsänger und Musikanten, die Kostümschneider und der Dccorationsmaler nur Bauern, einfache Bauern sind, welche die ganze Woche hindurch Jahr aus Jahr ein die schwere Arbeit des Landes verrichten, so muß man gerechter Weise staunen, wie trefflich auf diesem Volkstheater Alles klappt. Aemesvar. Eine interessante Trauung hat vorige Woche in der hiesigen innerstädtischen Synagoge stattgefunden. Der Bräutigam war der angesehene Kronstädter Kaufmann und Präsident der dortigen israelitischen Religionsgemeinde Löbt Aronsohn, ein 78 Jahre alter Mann, die Braut Frau Witwe Katharina Markbreiter aus Graz, 64 Jahre alt. Der Liebesroman, welcher durch die Trauung des zusammen 142 Jahre alten Brautpaares seinen Abschluss fand, begann vor 47 Jahren. Damals bereits waren die Beiden verlobt. Zwei Tage vor der Trauung kam es jedoch zwischen ihnen zu einem Confliete, der Bräutigam zog in die Ferne und alsbald war die Braut die Frau eines Anderen. Auch Aronsohn führte eine Andere heim; doch blieben beide Ehen kinderlos. Vor zwei Jahren wurde er Witwer, sie Witwe. Sie trafen sich in Gleichenberg und die alte Liebe lebte in ihnen wieder auf. In Temesvar, in demselben Zimmer, wo einst die Wiege der Braut gestanden, fand unlängst die Verlobung statt und vorige Woche wurden sie getraut. Das ״junge" Brautpaar begab sich nach Graz, wo die Braut reich begütert ist. Mngvar. Ein einspänniges Fuhrwerk bewegte sich kürzlich durch unsere Stadt, welches durch feine Insassen — eine abgehärmte Frau und vier unmündige Kinder — und den langlockigen, neben dem Wagen in schwarzem Frack langsam einhergehenden Kutscher nicht geringes Aufsehen erregte. Es war dies der aus Petersburg ausgewiesene Komiker Josef Sauerteig und seine Familie. Derselbe kam nach vielen Widerwärtigkeiten nach Wien, wo ihm vom Baron Hirsch'schen Wohlthätigkeitsbureau eine namhafte Unterstützung gewährt wurde, wofür er sich Pferd und Wagen anschaffte. Und so reift der Unglückliche, welcher am Petersburger Thalia-Theater angestellt gewesen, noch vor kurzem bessere Tage gesehen hat, von Stadt zu Stadt, um seine schöne Barylonstimme auf dem armseligen ״Brettl" erschallen zu lassen. Hannover, 21. September 1891. Am 20. d. M. starb plötzlich und unerwartet infolge eines Herzschlages im Alter von 74 Jahren Herr Wilhelm Seelig. Der Verklärte erfreute sich der größten Beliebtheit aller Kreise, er wirkte 25 Jahre laug als Vorbeter der hiesigen israelitischen Gemeinde, welcher er vis zum Jahre 1869 treue Dienste geleistet hat. Trotz feines hohen Alters war der Heimgegangene geistig und körperlich noch sehr frisch und der so unerwartete Himritt dieses Mannes, welchen ein selten braver und biederer Character auszeichnete, wird tief und schmerzlichst empfunden. Möge das Andenken dieses guten edlen Mannes zum Segen gereichen! ת״נ״צ״ב״ה Em. B. London. In der September-Nummer von ״Dargest- Rusfia" findet sich der folgende Brief, welchen der Herzog von Argyll an ein Mitglied des russisch-jüdischen Comitös gerichtet hat: 3״. September 1891. Jnverary, Argyllshire. Geehrter Herr! Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, dass die ruffischen Behörden die wider sie erhobenen furchtbaren Anklagen hinsichtlich der Verfolgung der Juden in Abrede stellen und uns dadurch in die Lage versetzen würden, mit unserem Urtheile zum Mindesten ein wenig zurückzuhalten. Kein solcher Widerspruch ist jedoch bis jetzt erschienen und ich fürchte, wir müssen es als Thatsache aunehmen, dass eines der größten Kaiserreiche der Welt, welches sich nicht allein christlich, sondern nachdrücklich ״orthodox" nennt, gegen die jüdische Bevölkerung in einem Geiste handelt, welcher der dunkelsten Epochen der dunkelsten Jahrhunderte würdig ist. Ich kenne kein anderes Hilfsmittel als die öffentliche Meinung der christlichen Welt. Schließe sich Niemand davon aus, ״Schande!" über solches Verhalten auszurufen. Es ist einfach barbarisch. Argyll". — Dem Petersburger Correspondenten des ״Standard" zufolge arbeitet der Minister des Innern ein Gesetz aus, nach welchem Angehörige fremder Nationen, denen ein Ausweisungsbefehl zugegangen ist, ohne weitere Untersuchung nach Tobolsk zu bringen sind, wenn ihr Heimatsland sich weigern sollte, sie aufzunehmen. Das Gesetz ist in erster Reihe gegen Juden und Polen gerichtet. Jen geehrten Mitarbeitern- Freunden und Leser« unseres Mattes wünschen mix anlässlich des Jahreswechsels בתיבה והתימה טובה Gleichzeitig ersuchen wir um umgebende Einsendung des Pränumerationsbetrages für das neue Huartal und hoffendass kein College diesmal an die Hrfükknng seiner M flicht dem Jachblatte gegenüber vergessen wird. Ii e Me d aktio«.