Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 13 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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׳7״ ihn (Stöcker) angeführte, ihn der Unwahrheit bezichtigende Erkenntnis.— \ Münckel antwortete, Stöcker werde die NichtciznNng der Inden zum Richteramt kaum beweisen können. Stöcker dürfe sich nicht wundern, dass die Juden ihm gegenüber nicht immer unbefangen sind. Wie wäre erst den Juden zu Muthe, welche Stöcker als Angeklagte gegenüber stünden? Wie es mit Stöcker's christlicher Liebe stehe, zeige sein Proeeß mit Pastor Wi'.te, bei welchem Redner und sein Gegenanwalt erst dadurch, dass sie die Kosten übernahmen, beide Pastoren zum Ausgleich brachten. — Stöcker bestreitet Letzteres, und die Debatte schloß mit einer Persönlichen Auseinandersetzung zwischen Mnnckel und Stöcker. Wertin, 1. Mai. Im Abgeordneteubause rief heute Freiherr v. Hammerstein wiederum eine Juden-Debatte hervor, indem er die strafweise Versetzung mehrerer Referendare in Hildesheim durch den Ober-Landesgerichts-Präsidenten Bardeleben in Celle, die wegen der Nichtanfnahme des jüdischen Reserendar Benfay in eine Tischgesellschaft erfolgte, zur Sprache brachte. — Jnstizminifter Schelling billigte durchaus die Maßregeln Bardeleben's, da in jenem Vorgänge eine antisemitische Demonstration gelegen war, welche nicht zu dulden sei. Er hätte nur gewünscht und dies dem Präsidenten mitgetheilt, dass der Fall individuell untersucht worden wäre, um feftzustellen, ob alle Referendare sich von antisemitischen Motiven leiten ließen. — Stöcker bemerkte, er erschrecke über die Erklärung des Justizministers. Vom Centrum erklärt Brandenburg, die Inden hätten alle bürgerlichen Rechte, dennoch sei eine gewisse Mißachtung bestehen geblieben und daher ihre einseitige Zulassung zum Justizdienfte zu tadeln. Der Vertreter Hildesheirus, der national-tibcrate Abgeordneter Lubrecht, verurtheilte jedoch entschieden den Standpunkt des Vorredners. Der Antisemitismus stachle den Hass unter den bürgerlichen Clasfeu auf, fti unchristlich, und seit er in Hildesheim tingezogen, seien die dortigen Zustände unleidlich. Er freue sich über die Erklärung des Justizministers und über die Verfügung des Präsidenten Bardeleben, habe aber weniger Sympathien für den betreffenden jüdischen Referendar, da dieser sich .zu jener Gesellschaft gemeldet habe, nachdem ihm davon abgerathen worden sei. — Der Parteigenosse Brandenburgs, Bötiker (Centrum) sucht Jenen zu rechtfertigen, derselbe habe keine antisemitische Rede halten wollen. — Sattler (national-liberal) glaubt ebenfalls, dass der in N-de stehenden Aneschl'eßung antisemitische Motive zu Grunde lagen, was umsoweniger gerechtfertigt sei. als sie eine Familie betraf, die feit Jahrzehnte bemüht ist, im deutschen Wesen aufzugehen. — Nickert bedauert die antisemitische Rede Brandenburg's und erinnert au die stets von Windhorst geübte Toleranz. Wohin käme es, wenn beständig an der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung gerüttelt würde? Er habe das Vertrauen zu der Bevölkerung, dass die antisemitischen Bestrebungen vergeblich bleiben werden. Wunztau. In mehreren Blättern wurde jüngst ein Telegramm aus der südtirolischen Stadt Trient veröffentlicht, welches besagte, dass die gesummten umfangreichen Acten, Protokolle und Correspondenzen aus dem bekannten Trientiner Judenproceß die Blntbeschnldiguug betreffend, mit den vollständigen Beweisen für die Unschuld der Inden ausgesundkn worden seien. Die Mittheiluug ruft die Erinnerung an eine der dunkelsten und tianrigsten Episoden des an religiös-fanatischen Greuelthaten so reichen Mittelalters wach. Im Jahre 1475 ertrank in Trient ein dreijähriges Kind christlicher Eltern und wurde gerade am Hanse eines Juden gefunden. Diesen Umstand benutzte der Franziskanermönch Bernadinus v. Feltre, die Beschuldigung deS Mordes gegen die Trientiner Inden zu schleudern. Sie sollten das Kind gerödtet und sein Blut am Pasfahabend getrunken haben. Die Folge war, dass alle Juden aus Trient verbannt wurden; außerdem balsamierte man die Leiche des KindeS ein und stellte sie als Reliquie auS. Durch ganz Italien und über ft ine Grenzen hinaus fand die gräßliche Anklage Glauben und bot die Handhabe zu neuen Bedräugungen und Verfolgungen der Juden. Bis in die Neuzeit erhielt sich die traurige Fabel, und man erinnert sich, dass sie auch in dem Monstre-- proceß von Tisza-Eslar anfgetischt wurde. Jetzt endlich, 400 Jahre nachdem sie entstanden, ist sie durch die Auffindung des Materials in nichts zerflattert, nachdem sie von den Historikern natürlich schon längst ins Fabelbuch geschrieben worden war. Köln. Der ,Kölnischen Zeitung' wird aus Smyrna geschrieben: Kürzlich nahm ein gewisser Isaak, Diener eines jüdischer! Kaufmanns, bei einem Gang in das griechische Viertel von St. Demetrius den dreijährigen Sohn seines Herrn mit. Der Kleine war nicht nach jüdischer sondern nach fränkischer Art gekleidet und sprach ausgezeichnet griechisch, d« seine Mutter eine Jüdin aus Kreta ist, wo die ganze Bevölkerung die griechische Sprache besser versteht als jede andere. Das Viertel St. Demetrius ist hauptsächlich von armen Leuten bewohnt. Eine Christin, die an ihrer Tbür stand, rief dem vorübergehenden Isaak zu: ,Wohin führst Du das Kind? Es ist ja ein Christ!" Aur diese Worte hin versammelten sich die Nachbarn nnd Vorübergehenden um den verblüfften Inden. Vergebens versicherte er, dass daS Kind der Sohn seines eigenen jüdischen Herrn sei; die Leute entrissen ihm den kleinen Jungen. In großer Verzweiflung lief Isaak zur Polizei, der es auch gelang, das Kind in einem benachbarten griechischen Hanse zu finden. Unterdessen war auch der Vater herbeigeeilt und wurde von dem Kinde mit dem Rufe: ״Vater, Vater!* begrüßt. Selbst dieses fast untrügliche Zeichen, dass Isaak die Wahrheit gesprochen, verhinderte nicht dass die Drei in das Gebäude des Generalgonvernenrs geschleppt wurden, wo sie erst nach langen Erklärungen freigelaffen wurden. Hier möchte man glauben, dass solche Auftritte von Griechenland angeregt werden. Auf einem Schiffe, welche« vor einig-!! Wochen vom Pyräus nach Smyrna kam, bot eine Griechin Exemplare einer Flugschrift feil, welche dasselbe alberne Märchen anftischte, als sei Christenblut znm Passahfest nothwendig. Zwei Inden, die sie wohl nicht als solche erkannte, kauften ihr einige Eremplare ab. Als das Schiff unterwegs auf Chios hielt, stiegen die Beiden ans Land und überreichten ein solches Exemplar dem Gouverneur, der die Frau auch sofort verhaften ließ; es wurde noch ein Sack voll solcher Flugschriften bei ihr g fanden. In Smyrna angelangt, überreichten die beiden Inden ein zweites Exemplar dem hiesigen Generalgouverneur. Dieser ertheilte dann auch den Befehl, dass alle vom PiräenS ankommeuden Schiffe untersucht werden sollten. In der That wurden auf dem österreichischen Lloyddampfer, welcher von Griechenland ankam, zwei Männer vorgenuiden, die auch zwei Säcke voll derselben Flugschriften bei sich hatten. Die Schriften wurden weggenommen und die Männer verhaftet. Das Flugblatt ist in Athen in griechischer Sprache gedruckt und elf Jahre znrückdatirt. Es ist dem Sultan gewidmet und enthält Abbildungen deS Hauptrabbiners von Smyrna und Anderer. Auf einem Bilde sieht man verschiedene langbärtige Rabbiner, die, mit Messer bewaffnet, ein Kind halten. Es wäre zu wünschen, dais die griechische Presse und Gtistlichkeit solchen '.verderblichen Aberglauben bekämpfen. Die ,K. Z.' fügt dem Briefe ihres Correspondenten hinzu: Bemerkeuswerth und wie eine Bestätigung des in vorstehender Nachricht ansgedrückten Verdachtes einer berechneten Hetze erscheint es, dass ans Korfu eine ähnliche Verfoignng von Inden gemeldet wird.) Moskau. Immer grausamer wird das Vorgehen der russischen Regierung gegen unsere unglücklichen Glaubensgenossen. Seit einigen Wochen durchstreifen starke Polizeinnd Gendarmerie-Patrouillen Nacht für Nacht die Stadt, hier und da wird ein HauS umzingelt, in welchem Juden wohnen, Jung nnd Alt wird ans dem Schlaf geweckt, ans den Betten geholt und alle Winkel werden dnrchstöbert, ob sich nicht irgendwo Jemand versteckt hat. Es sind zahlreiche Fälle vorgekommen, dass einzelne Glieder einer Familie mitgenommen wurden, weil sie nicht mit auf dem Passe der Eltern verzeichnet waren, Knaben im Alter von 10 bis 13 Jahren und junge Mädchen wurden mit Gewalt den Armen ihrer Eltern entrissen. Man denke sich die Herzzerreißenden Scene», die sich hier abspielt-'n. Viele Inden haben ans Angst vor diesen nächtlichen Neberfäll.n die Nächte in Localen Zweifelhaften Rufes, welche die ganre Nacht geöffnet sind, zngebracht. Vor den Thoren der Stadt, im Norden, liegt eine Art Bauern-Colonie, Marjina Rotschtscha. wo Tansente jüdischer Familien seit vielen Jahren in Frieden und Eintracht mit ihren christlichen Nachbarn lebten. In dieser Colonie wurde um ebenfalls eine große Razzia veranstaltet, an 400 Familien wurden sofort in» Gefängnis abgeführt; mit Gewehrkolben stieß mau die Unglücklichen hinaus aus dem friedlichen Heim, in dem Alles für daS Osterfest vorbereitet war. Den Zurückgebliebenen wurde eine Galgenfrist von drei Tagen gestellt. Hunderte von Familien stiehen in den benachbarten Wald, wo viele wohl noch nmherirren mögen. AnS den Gefängnißen dringen herzzerreißende Klagen an die Außenwelt. Nu die geehrten Herren Abonnenten! Die geehrten Herren Abonnenten werden dringendst ersucht, den NbonnernentsbrtrsV für das taufende Nnartal sowie eventuelle Kückstände umgehend rinzusrndrn. \ Dir Administration.