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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-04-26 · Heft 12 (26.4.1891) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 12 (26.4.1891)
Date
1891-04-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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— ׳7׳ — die hiesigen Verhältniße beobachten, so wird es Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen, dass hier von einer Jndenfrage überhaupt keine Rede sein kann. Ich sage noch mehr: hier kann man den Juden vom Christen gar nicht unterscheiden, nnd, was glauben Sie, weshalb? Die christliche Bevölkerung Italiens besitzt so viel Geschicklichkeit, dass sie ans dem Gebiete des Handels und der Industrie, wenn auch nicht die Inden gerade beschämt, doch mindestens ebensoviel Achtung besitzt, wie jene. Ihr Unternehmungsgeist ist von altersher bekannt, nnd deshalb duldet sie, dass Jeder parallel mit ihr vorschreite, gehöre er welcher Confessio» immer an. Aus diesem Grunde ist es auch nicht möglich, dass, wie dies in Ungarn der Fall ist, die Juden den Handel in größerem Matze cultivicren, und zwar in solchem Matze, dass ihr Fortschritt ans diesem Gebiete ausfallende Dimensionen annimmt, was unter den gegenwärtigen socialen Verhältnitzen in der ganzen Welt in den niederen Volksschichten böses Blut machen würde. In Ungarn befindet sich der größte Theil des Handels in den Händen der Juden, weil sie denselben besser ver« stehen als die Christen, welche vorwiegend Ackerbau treiben und sich die für den Handel erforderliche Geschicklichkeit nicht aneignen. Der Antisemitismus ist daher eine sociale Krankheit, von welcher man ein Land nicht durch die Verfolgung der Juden, sondern nur durch die fortschreitende Besserung der culturellen Verhältniße befreien kann. Auch in England sind die Verhältniße deshalb so consolidiert, weil man dort ohne Unterschied der Confessio» in gleicher Weise den Handel und die Industrie versteht, und daher kommt es auch, dass die Juden in England zu den höchsten Würden gelangen können. Das ist übrigens auch eist kürzlich in Italien geschehen, indem bei dem jüngsten CabinetS- Wechsel einStaatSmaun jüdischer Abstammung inSMinisterium gelangte.' 'Maris. Das israel. Consistorinm wählte Freitag den 9. April einstimmig den bisherigen Grotzrabbiner zu Brüssel I. H. Dreyfutz zum Grotzrabbiner von Paris. Der Gewählte ist 44 Jahre alt, war früher Rabbiner in Sedan und wurde vor ungefähr acht Jahren nach Brüssel an Stelle Astruc's berufen. Die religiöse Richtung des neuen Grand rabbin ist eine gemäßigt liberale. — Durch einen Erlass des Marineministers wurde das Consistorinm benachrichtigt, dass alle Officiere, Unterofficiere nnd Mannschaften der Marine jüdischen Glaubens vom 22. April bis 1. Mai zur Feier des jüdischen ׳Osterfestes Urlaub hätten, wenn dieselben sich durch ihre Führung desselben würdig gezeigt hätten. Melersöurg, 16. April. Die Negierung instruirte ihre Vertreter im Auslande, die Pässe der Juden, welche nach Russland reisen wollen, nicht zu vidiren, bis ihre Identität festgestellt und der Reisezweck ermittelt worden. Die jüdischen Vertreter großer Bankhäuser und anderer Finanz-Institute sind von der Maßregel ausgenommen, aber sie erhalten die Visa nur für einen dreimonatlichen Aufenthalt in Russland. Metersöttrg, 21. April. Ein soeben veröffentlichtes Gesetz untersagt den jüdischen Handwerkern, darunter Mechanikern, Brantweinbrennern und Bierbrauern, die Uebersiedlnng nach Moskau und dem Moskauer Gouvernement. Athen, 21. April, lieber die Excesse o.egen die Inden in -Corfu langten hier folgende Nachrichten ein: Im Ghetto sei ein in einem Sack gehülltes todtes Mädchen, circa acht Jahre alt, gefunden worden, welches keine Spur von Verletzungen zeigte. Der Rabbiner veröffentlichte eine Erklärung, dass das Mädchen einer jüdischen Familie .angehört habe. Die aufgeregte Menge zog nach dem jüdischen Clnb, riss die dort wehende Fahne herab und verbrannte dieselbe. Der Präfect erschien :persönlich, um die Menge zu beruhigen. Das Militär ist cousignirt, um das Ghetto ist eine Militärcordou gezogen. Alle jüdischen Geschäfte -sind geschlossen. Man befürchtet übrigens weniger Ausschreitungen der Stattbevölkernng, als der Bauern der Umgebung. Kunst und Mtrrutur. ״Aas WärÄensHtoß" heißt der neueste, hochinteressante und überaus spannende Roman von Anny Wothe. welcher in der ersten Aprilnummcr (27) der bekannten und beliebten Wochenschrift: ,Don .Haus zu Haus' (die in einer Auflage von 200.00V Exemplaren erscheint) beginnt. Haben schon die letzten beiden Romane der geistvollen Schriftstellerin, ,Suse' und. ,Im Klosterhof' ungewöhnliches Interesse erregt und begeisterte Aufnahme gefunden, so ist der neueste Roman Anny Wothe's ganz dazu angethan, der Wochenschrift ,Von HauS zu Hans' Tausende und aber Tausende neuer Leser und Leserinnen zuzuführen. Der Roman ,Das Märchenschloß' spielt im Norden auf meerumspnltem Boden. Schon die erste Fortsetzung fesselt unser ganzes Jnteresie. Mit Herz und Sinnen sind wir bei dem goldlockigen Nordlandskinde, das, heimatlos in der Fremde aufwachsend, dorthin verschlagen wird, wo einstmals seine Wiege stand, und wo es nun dienen nnd arbeiten soll fürs tägliche Brot. ,Von Hans zu Haus', die so überaus vielseitige Zeitschrift, welche es sich zur segensreichen Aufgabe gestellt hat, den Geist der Frauenwelt neben Hand und Herz zu bilden, bietet mit diesem Roman ihren Lesern wieder ein Meisterwerk. Bestellungen auf ,Von Haus zu Haus' nehmen znm Preise von 1 Mk. 50 Pf. pro Onartal alle Buchhandlungen nnd Postanstalten, sowie auch Adolf Mahn's Verlag in Leipzig entgegen. Probenummern gratis nnd franco durch jede Buchhandlung nnd durch die Expedition in Leipzig. Naundörfchen 32, selbst. — Im Selbstverläge des Verfassers, Dr. M. G r ü n w a l d, Rabbiner in Junzbunzlau, ist soeben eine hochiuteresiante Schrift ,lieber das Verhältnis der Kirchenväter zur talmudisch-midraschischeu Litteratnr, insbesondere zur Hagada' erschienen. Diese Arbeit ist dem Andenken seiner vor Kurzem in der Blüthe ihres Lebens ihm plötzlich entrissenen edlen Gattin Dorothea gewidmet. Die litterarische Thätigkeit des geschätzten Autors ist den Lesern dieses Blattes zu sehr bekannt, als dass es noch einer besonderen Empfehlung der erwähnten Schrift bedürfte. — Das zweite Coucert, welches Frl. Loise Hey mann in Wien veranstaltete, brachte der Künstlerin ein noch sympathischere Anniahme nnd größeren Beifall als bei ihrem ersten Auftreten. Sie sang: ״Una voce poco fa“ und glänzte als Coloratursängerin par excellenee mit dem Vortrage der bekannten Proch'schen Variationen sowie anderer Coloratnrstücke. Besonders schmeichelhaft für Frl. Heymann ist die Anerkennung, die ihr von Seiten der Hofopernsängeriu Frau Pauline tucca, welche beide Coneerte besuchte, zu Theil wurde. Nach dem Vortrage der großen Barbier-Arie äußerte sich letztere, dass sie seit der Patti eine so großartige Leistung nicht gehört habe. — Bei der heurigen Jahrevansstellttng im Knnstlerhanse wurden zwei jüdische Wiener Künstler. Herr Isidor Kan ffm an n und Herr Carl Z e wi, in hervorragender Weise ausgezeichnet. Dem Ersteren wurde für dessen Bild ,Der Zweifler' (darstellend einen über einen ausgeschlagenen Folianten grübelnden Talmudjünger) von der Jury die silberne Staatsmedaille znerkanut; und ein Bild des Letzteren .Der Musikfreund' erregte die Aufmerksamkeit unseres knustliebenden Monarchen nnd wurde von Se. Majestät dem Kaiser zu dem AnsstellnngSpreife angekanft. Beide Künstler sind Schwäger des Herausgebers der ,Cautoren-Zeitung' Obercantor I. Bauer. — Indem wir auf das in heutiger Nnmmer veröffentlichte Inserat des Herrn Gesangsprofessors F. I. Löwe n st a m m aufmerksam machen, nehmen wir dies gleichzeitig zum Anlasse, diesen gediegenen Musiker, der sowohl auf dem Gebiete des SynagozengesangeS als auch in der profanen Musik auf bedeutende Erfolge zurückblicken kann, den geehrten College» sowie den geschätzten Lesern der ,Cantoren-Zeitnng' bestens und wärmstens zu empfehlen. — Wahrscheinlich als Feieitagsüberraschnug ist kurz vor Pessach das anch in unserem Blatte signalisirte ,T a b l e a u x b e r n h m t e r C a n t o r e n nnd C o m p o u i st eit i n Oesterrei ch-11 n g a r n. herausgegeben von I. Wiesen in Osterode, erschienen. Wir müssen wohl anerkennen, dass der Herausgeber, was die Ausstattung nnd Ausführung der einzelnen Porträts betrifft, die vollste Anerkennung verdient, andererseits kann jedoch nicht verschwiegen werden, dass die Zusammenstellung des Tableanx, resp. die Anordnung der Plätze eine Unkenntnis oder ein absichtliches Verkennen der factischen Verhältniße verräth und daiuin nach mancher Richtung scharfen Tadel verdient. Um nur das markanteste Beispiel heraus zu greifen, mag es vielleicht Ansichtssache sein, ob das Bildnis SulzerS in diesem Tableanx, welches nur lebende Eantoren karstellt, anfznnehmen war oder nicht. Aber daS eine ist sicher, wenn das Bildnis unseres verewigten Nestor's einmal Aufnahme fand, so hätte es einen würdigeren Platz verdient nnd in entsprechender Größe das Mittelfeld beherrschen sollen. Aus diesem und lioch manchen anderen Gründen müssen wir über die Zilsammenstellung d:s Tableanx unsere MisbilUgung ausdrncken. In Folge der PeffachfeirrtaAe erscheint die heutige Nummer um einige Tage verspätet. Die nächste Nummer wird Freitag den 8. Mai erscheinen. I;■■־ יי!;;■!: I ■ l־:\ Im '.׳! "! i:• ׳

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