Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1891)
- Date
- 1891-02-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453213--3090-3457408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Amtsjubttäum ui Bu-> lau und zugleich seine silberne Hochzeit. Dies zur Nacbricb׳ ׳Ile» Fieunden und Verehrern dieses würdigen Jubilars. W rtin, l9. F bruar Durch einen verhängnisvollen Zufall wurde die Fa» des Rabbiners Dr. Deutschländer der Gegenstand einer ichw׳r <> Aukla-u׳ und hatte sich dieierhalb vor dein hiesiegen Schöffen.( 1-ct׳> ui v. lantworten. D r Lachverhalt war folgender: Am 9. Aiai v. Z.!׳ch! u in dem Waarengeschäft von Fr. Voigt eine Frau. au>. > scb in> cb eine Jsra litiu, in Begleitung eines Knaben, entnahm von d>״ V lkaitt-iin Fräulein Elise Hausherr, eine Kinderbadebos׳׳ für 25 P׳> > mg und gab einen Coupon einer Berliner Stadtanleide, wucbu in Feige der Konverlirung den bekannten blauen Stempl imi 5r dr -mal blau unterst, 1 che neu Zahl trug: .Herabgesetzt auf 1 Mark 3V Pr.' Die Vukäuferin behauptet, dass sie 74 Mark 25 Pf. aut dielen Eoupoii de;ausgegeben da die Käuferin unter Hinweis aut eeu im T xr des Coupons gleichfalls enthaltenen Werth der Obl!.. ׳non lur-u. angegeben habe, dass der Coupon an sich 75 Mark w in׳ lei r'lis der Zrrthuin bemerkt wurde, fehlte jede Spur der Käufer,»; dl. Polizei schien aber eine solche zu sinden, und zwar kam ihr te> U nnaiid zu Hilfe, dass die Konvertirung der betreffenden Schuldobl'gaiiou Nanzeruiiden halte. Es wurde festgestellt, dass die Obligation, r r » Nuuuner der Coupon trug, durch einen Bankier Cohn. זז in r in Bei lin gegenwärtig in Hamburg ansässig, zur Convertiiung >n.» m׳id l worden war. Der Bankier theilte die Namen mehrerer Co>mn!ueii und unter diesen auch den der Frau Deutschländer mit. Da als besondeies Kennzeichen der betr. Frau ,ausgesprochen jüdischer Typus und Sprache' angegeben war, so nahm sich die Polizei die Frau d s R-1 biners ant's Korn und veranlasste Fräulein Hausherr, unter un m Vorwände die!elbe aufzusnchen. Dies geschah, und Fräulein Hausoeu b-Häupter, dass Frau D. entschieden die Gesuchte sei. Frau ui׳ H.!uchle auch noch im Geheimen die Schneiderin der Frau D aut und tia! nun mit der zuversichtlichen Behauptung hervor, dass Frau D de lleberreicheiin des Coupons gewesen. Bezüglich der Zeit, in w׳lch r sich der Vorgang abgespielt haben soll, wechselten die Angaben meblracb. schließlich wurde der 9. Mai zwischen 1 und 2 Uhr Mittags feitgebalren. Frau Deurichländer wehrte sich energisch gegen den schweren Verdacht, . rk,arie. da׳e die gegebene Beschreibung der Kleidung, nanientlich die des Huies aut sie gar nicht passe und trat einen Alibibeweis dahipan das sie um die angegebene Zeit ihre Wohnung gar nicht verlassen Ha0v. Zhrem Vertheidiger Rechtsanwalt Frankel gelang es außerdem fesi.usi üen, dass die betreff nde Obligation einer Frau Roth gehöre, dass di s- Frau Roth gleichfalls ausgesprochen jüdischen Typus hat und zufällig die Konvertirnug ihrer Papiere gleichfalls durch Herrn Bankier Cohn hatte b.so!gen lassen. Auch gestern verblieb Fräulein Hausherr bei der Belastung der Angeklagten, auch drei andere Verkäuferinnen des Geschäftes wollten die letztere mit aller Bestimmtheit wieder erkennen, namentlich da dieselbe gleichfalls einen Kneifer trägt. Die Verkäuferin Fräulein Koch hatte bei der eisten Vernehmung ihre Rekognition etwas zweifelhaft gelassen, jetzt trat sie viel bestimmter auf. Als Entlastungszeuginnen traten zwei ehemalige Dienstmädchen der Angeklagten auf, welche am 9. Mai bei ihr gewesen. Die eine wusste nur, dass Frau D. bis 12 Uhr ihre Wohnung nicht vetlassen, die andere bekundete mit der größten Bestimmtheit, dass Frau D. bis 5 Uhr Nachmittags zu Hause war und dann erst in einer anderen .Kleidung, als der geschilderten ausgegangen sei. Drei Freundinnen der Angeklagten bezeugten übereiiistimmend, dass dieselbe weder zu jener Zeit noch jemals einen ,runden Strohhut mit aufrechtsteheuden Schleifen' wie ihn die betreffende Käuferin getragen haben soll, beseffen habe. Als Gattin eines orthodoxen Predigers trage dieselbe solche Hüte überhaupt nicht. Staatsanwalt Bencdix beantragte mit Rücksicht auf die bestimmte Aussage des Fräulein Hausherr und deren Colleginnen die Verurtheilung der Angeklagten. Rechtsanwalt Frunkel war dagegen der Meinung, dass Fräulein Hausherr objektiv gar nichts zu glauben sei, da dieselbe ein sehr großes Jntereffe und vollständig die Rolle eines Criminalkommissarius gespielt habe. Aus solche bedenklichen Nekognitionen hin wäre keine ehrliche Dame ihres ehrlichen Namens sicher. Angesichts der bestimmten.Bekundungen der Entlastungszeugen sei eine Freisprechung wegen bewiesener Unschuld geboten, um so mehr als die antisemitische Preffe sich bereits dieses Falles wieder bemächtigt habe. Der Gerichtshof erkannte nach ganz kurzer Berathung auf Freisprechung der Angeklagten. Der Gerichtshof hielt, wie der Vorsitzende verkündete, die Schuld der Angeklagten nicht für erwiesen, weil nach seiner' Ansicht die Belastungszeugen schon beeinflusst waren durch die ganze Richtung, welche die Sache durch die polizeiliche Untersuchung bekommen hatte. Wer mit der Weisung in ein Haus geschickt werde, dort möglicher Weise eine gesuchte Person aufzufinden, werde schon von vornherein in seinen Wahrnehmungen beeinflusst. Die ganzen Aussagen der Belaftungszeuginnen seien dem Gerichtshof nicht so voll» wichtig erschienen, wie die der Entlastungszeuginnen, namentlich so weit dieselben die Toilettenfrage betrafen.. Werkm. In Charlottenburg fanden mehrere Studentenversaminlungen statt, welche beschlossen, eine Petition an den Cultusminister betreffs Ausschlusses der russischen Juden vom Studium an deutschen technischen Hochschulen zu richten. Die endgiltig über die Form der Petion Beschluss fassende allgemeine Studentenversammlung wird etwa am 18. Februar in der Aula des Polytechnicums ftattfinden. Magdeburg. Der .israel. Wochenschr.* wird aus Dessau untern! 1. Februar gemeldet: In der gestrigen Sitzung des Gemeinderaths theilte der Vorsitzende mit, dass der Baron von Cohn hierselvst, Banqurer weiland Kaiser Wilhelm I., mit'Genehmigung des Herzogs auf dem Kaiserplatze gegenüber dem anhaltischen Kriegerdenkmal dem Kaiser Wilhelm I. ein Denkmal errichten wolle. Der Gemeinderath beschloss, das Anerbieten dankend anzunehmen. Das Monument soll auf granitnem Sockel den ersten Herrscher des deutschen Reiches in anderthalbfacher Lebens» große darftellen mit dem Helm auf dem Haupte,^bie Hand am Knaufe des Schwertes. Tondeur in Berlin wird daS Kunstwerk schaffen. Interessant ist die antisemitische Agitation, die das Siöckerblatt hiergegen eingeleitet hatte. Am Tage vor der betreffenden Gemeinderathssitzung brachte eS nämlich folgende Hetzcorrespondenz: ,Es wird immer schöner! Der Jude Baron Moritz Cohn hat dem hiesigen Gemeinderath Plan und Zeichnung zu einem Denkmal eingereicht, welches er dem hochseligen Kaiser Wilhelm I. hier errichten lassen will. Die Vorlage kommr am Sonnabend dieser Woche zur Berathung. Hoffentlich wird im Gemeinderath doch das Gefühl Geltung erlangen, dass es der Stadt Dessau nicht würdig ist, sich von einem Juden ein deutsches Kaiserdenkmal schenken zu. lassen, und die Vorlage wird dankend abgelehnt werden. Neben dem Denkmal des Reform» juden Mendelssohn noch ein mit jüdischem Gelde errichtetes Kaiser Wilhelm-Denkmal — daS ist selbst für anhaltliche Verhältniße ein zu rascher Fortschritt in der V erj n d un g!* Bei dem gesunden Sinn der Männer, die hier im Gemeinderath sitzen, verfieng aber dergleichen nicht; der baccilus antisemiticus findet hier keinen Nährboden. Kauuover, den 15. Februar 1891. Heute Vormittag ist das Grabdenkmal für den verewigten Obercantor Heinrich Berggrnn ז״ל auf dem israelitischen Friedhof feierlichst enthüllt worden. Nachdem der hiesige Synagogenchor eine vom Heimgegangenen componirte, tief er» greifende Tranerweise ״Schochne bote ehomer״ vorgetragen, ergriff Landrabbiner Dr. Gronemann das Wort. Redner wies auf die hohen Verdienste des frühvollendeten Künstlers, des hochgeachteten ManneS unter seinen Berufsgenoffen hin, er erklärte die auf der Stirnfläche des über zwei Meter hohen Monuments befindliche schöne Widmung und bekundete die Dankbarkeit, welche alle Glieder der Gemeinde tief in ihren Herzen hegten gegen den Mann, welch r 20 Jahre hindurch den Gottesdienst verherrlicht hat, welcher kn der Fülle seiner Kraft, in der Blüthe seiner Jahre gefallen. Nach der ergreifend׳!! R^de stimmte Obercantor Lazarus das *El mole rachamim“ an, worauf der Gesang des Synagogenchores die erhebende Feier beschloss. Petersburg. Während man von der einen Leite eine mehrjährige , Aufschiebung der Judengesetze meldet, wird diese Nachricht von anderer Seite dementirt. Wieder andere Mittheilung sprechen von lauer Durchführung der betreffenden Bestimmungen. Bisher hieß es. der Zar habe den Bericht über die Guildhall-Versammlung ungnädig aufgenommen; jetzt wollen wieder andere wissen, er sei von dem ihm persönlich in -derselben dargebrachten Tribut hocherfreut. — General-Gouverneur Gurko in Warschau hat scharfe Ebicte über die Behandlung jüdischer Recruten erlassen. — Vor einigen Wochen ist mir Genehmigung der obersten Censur-Behörde in Petersburg, als Manuseript gedruckt, eine Brochüre erschienen, welche in authentischster Form alle bis zum 1. Derember 1890 codificirten gesetzlichen AuSnahmbeftimmungen be» züglich der Juden zusammenstellt. — Die Kiewer Polizeibehörde hat eine Verordnung erlassen, wonach jüdische Principale nur einen jüdischen Commis halten dürfen. —- In Moskau werden die jüdischen Hand» werter ausgewiesen; ebenso finden in Jaroslaw Ausweisungen statt, woselbst auch die Synagoge versiegelt wurde.