Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 32 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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auch die Liberalsten unter uns, wenn von der Mehrung des Judenthums die 9i־־be ist, dies mit Kopfschüttel» betrachten und nicht daS Bewusstsein haben, dass dadurch die materielle nnd geistige Kraft der Nation gefördert werde. Dieselbe Stimmung gelangt auch in unseren Gesetzen zum Ausdrucke. Wir haben den Juden alle Rechte verliehen, die ein Staat seinen Bürgern verleiben kann, aber nur bis zur Schwelle des HeiligtkumS der christlichen Familie, von welcher wir die Juden abgewiesen haben. Es mutz zu unserem vollen Bewusstsein kommen, dass die Juden nicht als Parasiten unserer Gesellschaft betrachtet werden können, sondern dass ste vielmehr ein maßgebender Factor des bürgerlichen Lebens sind. Den zweifellos herrschenden. Uebelstanden, * schließt Redner, ,könne nur durch die Einführung der Civil-Ebe abgeholfen werden.' — Die clericalen und antisemitischen Blätter von diesnnd jenseits der Leitha fielen natürlich sofort über den genannten Abgeordneten her, und um den Eindruck seiner Rede abzuschwächen, verbreiteten sie die Nachricht, er sei Jude oder Judenabkömmlkng. Diese Version ist jedoch nicht richtig; denn Bela v. Grünwald entstammt einer allen Patrizierfamilie aus Nürnberg, die vor circa 20V Jahren nach Ungarn auswanderte und seither dort ansässig ist. Werkin. Dem Stöckerschen »Volk' wird aus Gießen folgendes Vorkommnis berichtet: Bekanntlich werden die Rekruten zu ihrer Vers kidigung mit der Fahne in die Kirche geführt, wo nach vorhergegangenem Gottesdienst dann der Fahneneid geleistet wird. Rabbiner Levi in Gießen gieng nun vor. einigen Tagen zum Oberst des hiesigen 116, Infanterie׳ Regiments, Herrn Nogge. und muthete diesem zu, die Fahne möchte so gut wie in die Kirche, so auch bei der Vereidigung der Rekruten jüdischer Religion in die Synagoge gebracht werden! Allein die Antwort lautete: .Herr Rabbiner, unsere Fahnen sind mit dem Kreuze geschmückt, gehören also nicht in die Synagoge!' (Trotz des antisemitischen BeigeschmackeS war die Antwort deS Majors am Platze. Die Nedaction). Wemek. In unserer Stadt hat sich ein ständiges Hilfscomite zur Linderung der Nothständc der russischen Israeliten gebildet. Dasselbe erließ einen von den Herren Dr. I. R ü l f. S. Bloch, L. H i l l el s o h n und I. M. S ch ap i r o gezeichneten Aufruf, in welchem auf den Nothstand der unglücklichen Glaubensgenossen und auf die Dringlichkeit der Abhilfe hingewieseil wird. ,Der Jude in Russlands heißt es in dem Aufrufe, »steht ausgesprochenermaßen außerhalb des Gesetzes und deS Rechts. — Wie aber kann geholfen werden, fragt Ihr, können wir Russland humanisiren, können wir 4 Millionen Glaubensgenossen fortlaufende Stütze und Hilfe bieten? Nein, so sagen auch wir, das ist unmöglich; allein wir können einer großen Anzahl zur Auswanderung verhelfen und die furchtbar verarmten, geplagten und beschwertesten Gemeinden entlasten. Der Answanderungszug war im laufenden Jahre, besonders durch unfern Ort, ein ungeheuerlicher;' allein das waren doch allesammt nur solche Personen, die sich selbst helfen konnten, aber gerade diejenigen, welcde der Hilfe am meisten bedurften, die Vergewaltigten, Vertriebenen, Beraubten, Heimatlosen und völlig Verarmten, die mussten Zurückbleiben. Diesen Hülfe zu bringen und ihnen die Mittel zu verschaffen, das Land ihrer Bedrücker und Verfolger verlassen zu können, betrachten wir als unsere Aufgabe. Und dazu fordern wir Euern Beistand. Gebet uiit vollen Händen! Niemals ist eine Gabe zu besseren nnd edleren Zwecken gespendet worden.' — Die Spenden sind an den Obmann des Hilfscomite, Herrn Rabbiner Dr. I. Rülf in Memel, zu senden nnd werden von demselben quittirt. Göttingen. Der Prorektor der Göttinger Universität, Profesior der Medizin Dr. Orth, richtete eine Ansprache an seine Studenten, ungefähr folgenden Inhalts: »Meine Herren, hüten Sie sich vor Bestrel'ungen, welche leider auch an unseren Hochschulen Platz gegriffen haben, vor denen derSocial-Demokratie und des Antisemitismus. Beide führen den Untergang unserer heutigen Cultur herbei. Jeder, der als Antisemit agitatorisch auftrirt, ist in meinen Augen mit einem Mak-.l behaftet!' London. Der Tod der Lady Hannah Rosebery ist ein schwerer Verlust nicht nur für ihre Familie, sondern auch für ihre Freunde und für die zahlreichen wohlthätizen und Humanitären Anstalten, die sie unterstützte und förderte. Sie nahm durch die politische Stellung ihres Gatten einen hervorragenden Rang in der englischen Gesellschaft ein und betheiligte sich auch sehr eifrig am politischen Leben und au den großen Wahlkämpfen der liberalen Partei. In ihren Salons empsieng sie aber die Mitglieder beider großen politischen Parteien Englands, sowie die diplomatische Welt. Ihre humanitäre Thätigkeit widutete sie hauptsächlich den Vereinen und Anstalten zur Ausbildung von Kranken- und Kknderwärterinnen und zur Hebung der Frauenarbeit. Der schottische Hausindustrie-Verein verdankte ihr hauptsächlich sein Entstehen. Mit ihrem Gemahl, dem Earl v. Rosebery, lebte sie in sehr glücklicher Ehe, aus der vier Kinder hervorgegangen sind. Bei ihrer Vermälung im Jahre 1878 fnngirte Earl v. Beaconsfield als ihr Beistand und als Vertreter ihres bereits 1874 verstorbenen Vaters, deS als F!nanz»Capacität wie als Sportsmann gleich angesehenen Freiherrn Nathan Meyer Rothschild, dessen gesammtes Vermögen sie als fein»* einzige Tochter geerbt hatte. Seit Wochen hatte sie au einem typhösen Fieber gelitten, und um ihr eine Luftveränderung zu verschaffen, wurde sie nack einigen Wochen nach dem Schloße Dalmeny in Schottland gebracht, wo sie am 10. d. M. gestorben ist. Da die Verstorbene dem jüdischen Glauben angehörte, hat Lord Rosebery angeordnet, dass seine Gemaliu nach jüdischem RituS bestattet werde, und zu diesem Zwecke den Rabbiner Fürst aus Edinburgh nach Dalmeny bernfe». Der Rabbiner entsprach sofort dem Ersuchen und nahm vier jüdische Frauen mit. deren Obhut tie L.iche anvertraut wurde. Die Beisetzung fand, nicht, wie ursprünglich verlautete, am jüdi'chen Friedhofe in Edinburgh, sondern in bet Familiengruft in Willcsden statt. Unter den Trauergästen bemerkte man Gladstoue, Lord Granville und Graf Herbert Lismark. Die Königin, der Prinz von Wales und der Herzog von Edinburgh sandten Kranzspenden nnd waren bei der Leichenfeier vertreten. Wirmmgham. Die hiesige »Post' schreibt, dass sich in England ein Damencomile gebildet, welches die Milde der Kaiserin von Rußland für die jüdischen Frauen daselbst anfiehen soll. Die Idee ist nicht übel. Petersburg. Ans zuverlässiger Quelle wird berichtet, dass dem Reichsrath seitens eines hohen Verwaltungsbeamten eine Denkschrift zugegangen ist, in weicher auf das übergroße Anwachsen deS jüdischen Proletariats in den Städten, nachdem den Juden das Wohnen auf dem flachen Lande verboten wurde, hingewiesen wird. Der Verfasser plaidirt für Gründung jüdischer Ack er ba u-Co l o n ien, und zwar in der Weife, dass man den Juden erlaube, ländliche Grund» stücke in einer Ausdehnung wie diejenigen Grundstücke, mit denen seinerzeit die emaneipierten Bauern bedacht wurden, käuflich zu erwerben. Der Vorschlag ist wohl gut gemeint, wird aber bei den herrschenden Panslavisten keine Billigung finden, da dieselben ebensowenig selbständige jüdische, wie selbständig deutsche Ackerbau-Colonien aufblühen lassen wollen. Jerusalem. Die »Hazefirah" bringt eine interessante Correspondenz aus Jerusalem, worin von einem arabischen Stamme erzählt wird, der fünf Tagereisen vom Jordan entfernt in Freiheit wohnt und sich selbst Wlad-el־seehur (Söhne Jissachars) nennt, während sie von den übrigen Arabern »ketzerischeInden' genannt werden. Dieser Stamm, beiläufig 100.000 Seelen zählend, lebt nach Bedninenart vom Raube und hat es besonders auf Mohammedaner abgesehen, welche von ihm glühend gehasst werden, während er jedem Juden mit Hochschätznng entgegenkommt. Diese merkwürdigen Lence besitzen Sagen und Legenden, deren biblischer Ursprung trotz aller Verunstaltungen nicht übersehen werden kann. .Es ist kein Zweifel', sagt der Berichterstatter der .Hazefieah', ,dass dieser Stamm israelitischen Ursprunges ist und von der tiefen Cultnrstnse, auf der er sich befindet, leicht wieder unserem Volke zugeiührt werden könnte, und wenn es glücken wird, die tranSjordanischen Colonien zu gründen, können wir auf den Schutz dieses Stammes rechnen.' Der Correspondent erzählt noch, dass die »Söhne JissacharS' vor einigen Jahren eine größere M kka׳Karawane üverfielen und ausplünderteu. Bei dieser Gelegenheit frugen sie die Araber, ob sich im Zage ein Jude befinde; eS war aber keiner in demselben vorhanden. _ Diejenigen Herren College», welche sich der Adresse des österreich-ungarischen Cantorenvercincs an den Musikdireetor Lewandowski in Berlin, anlässlich dessen am 12. Dezember stattfindenden Jubiläum, anschließen wollen, mögen ihre Namen dem Präses des Cantoren-Verrines, Herrn Odercantor I. Singer in Wien, Seitenstettengasse Nr. 4. umgehend mittbeilen. Me geehrten Herren Abonnenten, welche den Wränwnerationsbrtrsg Mr das laufende Nuartat noch nicht beglichen haben» werden dringendst ersucht, denselben in den nächsten Tagen zuversichtlich rinrusrndrn. Die Administration.