Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.11.1890)
- Date
- 1890-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Central־Org־an Prännmernlions-Preis. Kür Kantoren und KuttusSearnte in Hesterreich-Htngarn Ganzjährig . . . '. . fl. 4.— Halbjährig . . . . . fl. 2.— Kür Kantoren und Knttusveamte im Ausrand Ganzjährig . . . . . 8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig.st. 6.— für die IntereMr der dfmttoren und Mjusbeumten. Erschrrnt jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Wedaclian AdminiKraLion Wien II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte w׳׳rden nichl relournirt. Abonnements- und Insertionsbetröge sind in Nie» zaykvar. Nr. 31. Wien, 21. November 1890. 10. Jahrgang. Zur Discujsion über das neue jüdische Genleiudegeseh.*) .ויקו למשפט׳ והנה משפח י* לצדקה׳ והנה צעקה."(ישעיה׳א׳ה׳ו) Man hoffte auf Recht, doch es geht schlecht; auf Besserung der Lagen, aber man hört klagen." (Nach Jes. I. 5. 7.) ׳ Bei Besprechung der durch das neue Gemeindegesetz sich ergebenden misslichen Constquenzen ist dem Herrn Dr. Deutsch, Rabbiner in Brüx, das Malheur passirt, ,das Kind mit dem Bade auszuschütten', indem er zu dem Endresultate gelaugte, man brauche in den jüdischen Gemeinden keinen Cantor. Wahrlich, ich weiß nicht recht, ob dies als Ernst oder Scherz zu nehmen ist; denn es scheint fast unmöglich, ein Rabbiner könne eine solche Behauptung mit vollem Ernste aufgestellt haben und eine Institution, die ihren Ursprug im Judenthume hat, fast mehr als zwei Jahrtausende alt ist und mit dem Wesen und dem Bestände des Judenthums eng verknüpft ist, so ohne Weiteres über Bord werfen. Doch ich will dies unentschieden lassen und nur von beiderseitigem, fachmännischem Standpunkte diesem Nonsons Einiges in. vollständig sachlicher Weise entgegnen, u. zw. so viel als möglich על ראשון ראשון׳ ועל אחרון אהרון. Dass jede jüdische Gemeinde dem neuen Cultusgesetze gemäß mindestens einen Rabbiner anstellen muß, daraus ist durchaus nicht zu folgern, dass der Cantor oder Vorbeter in der jüdischen Gemeinde durch diese Gesetzesnorm als entbehrlich erklärt wird; vielmehr ergibt sich hieraus die Vermuthung, dass dieses Gesetz von Männern entworfen, berathen und angenommen wurde, die sich das Wesen des jüdischen Cultus nur dem christlichen analog vorzustellen vermögen; ja selbst die Herren jüdischer Confefsion, welche an der Gesetzesberathnng theilnahmen, kennen das Wesen des jüdischen Cultus nicht, weil sie erstens nur 2—3 mal im Jahre sich an demselben betheiligen, und zweitens weil es gar *) : Meine' vielseitigen Berufsarbeiten gestatteten mir nicht, auf diese wichtige Angelegenheit früher eingehen zu können. . Manche unter uns lieben, Alles auf religiösem Gebiete nach christlicher Form einzuführen. Im christlichen CnltnS ist der Geistliche der alleinige Funktionär, den keine Kirche, und wäre sie noch so klein, entbehren.kann. Zn seiner Bedienung braucht man nur einen Kirchendiener, eventuell einen Glöckner und 2—3 Ministranten. Muß ihn aber ausnabmweiie eine Kirche doch manchmal entbehren, dann fnukliouirt er einmal da, ein andermal dort. Ja, im christlichen Cultus, wo die Messe, das Sacrament und die Beichte — nicht die Predigt — die Hauptbestandtheile bilden, ist wirklich kein anderes Bedürfnis vorhanden; aber im Cultus des Judenthumes da steht das Gebet bei jeder religiösen Feierlichkeit und Handlung an der Spitze. Wer wollte oder könnte al>o einen jüdischen Cultus ohne Gebet ins Leben rufen? Man stelle sich einmal ein solch' reformirtes Judenthum vor, wie verwaist wären dann die jüdischen Gemeinden! Und wenn sie anstatt des Gebetes immer wieder Betrachtunzen, Erbauungsreden, Lied und Spiel u. dergk. zu dör.n bekämen, o, wie traurig stünde es dann bald mit dem Juden» thume! Haben doch ein Jesaias, Jeremias, Ezechiel u. A., diese großen und gewaltigen Redner, diese leuchtenden Muster des Charakters und der wahren Hingebung, es nicht vermocht, den religiösen Verfall hintanzuhalten, und dem JerenuaS blieb endlich nichts mehr übrig, als über die durch den Verfall Israels herbei» geführte Zerstörung Jerusalems und des Tempels zu weinen, zu trauern und zu klagen. So lange der Jude betet, oder doch wenigstens an der Gebetsübung theilnimmt und Interesse dafür zeigt, ist er doch noch Jude; denn er mag auf noch so niedrigem religlö'em Stand» punkte stehen, so ruft zu gewissen Momenten das Gebet doch ein erhebendes Echo in feinem Inneren hervor, und lässt, in der heiligen Väter- und Bibelsprache mit seinen altedrwürdigen Melodien, zuweilen gar liebliche Accorde in seinem Gemütbe ertönen. Weder Orgelspiel» noch Liederklang, noch Nedeschwung vermögen dies in so hohem und sicherem Grade. Soll aber das Gebet seine Wirkung üben, dann kann und darf die Hauptperson, der würdige Cantor oder Vorbeter, dabei nicht fehlen, dessen Pietät, und weihevolle Vortragsweise gleichsam die Seele des Gebetes bildet.