Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 28 (21.10.1890)
- Date
- 1890-10-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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stets geachtet haben, so müssen wir doch jetzt, wo verschiedene Meinnngsäußerungen in Versammlungen von Geistlichen und ans Dekanats» synoden darauf schlichen lassen, dass nicht wenige Geistliche der erwähnten Bewegung sympathisch gegenüberstehen, aus unserer Zurück- Haltung heraustreten. Wir füblen uns verpflichtet, die Stellung, die unseres Erachtens die evangelische Kirche als solche in ihren Behörden und ihren Dienern entnehmen muh, unumwunden nach beiden Seiten hin darzuiegen, und verlangen für diese Darlegung die ernsteste Beachtung aller uns unterstehenden Geistlichen. Es sind' zweifellos große Nothstände unseres Volkslebens und schwere Versündigungen, zumal an unserem Bauernstände begangen, welche eine Bewegung wie die antisemitische erklärlich machen, und wir müssen es für ein Unglück halten, dass man auf jüdischer Seite die Berechtigung gewisser Klagen über das Ver« halten vieler Geschäftsleute und Litteraten nicht genug anzusehen scheint. Aber wir können uns doch unmöglich verbergen, einmal, dass an den genannten Dingen sich auch Viele, die den Christeunamen tragen und deutscher Nationalität sind, betheiligt haben und sodann, dass die verderbliche Macht, welche Mammonsdienst, Börsenspeeulationswuth, Schwindel- und Wuchergeist, Ausbeutung der wirthschaftlich Schwachen erreicht haben, eben doch zum guten Theil auf der Schwäche beruht, mit der die sich christlich nennende Bevölkerung ihre bessere Einsicht, höhere sittliche Erziehung und angeborene deutsche Art verleugnet hat- Und darum können wir unter keinen Umständen für das, was eine gemeinsame Schuld ganzer Volksklassen ist, und wofür diese, sofern sie wirklich Christen sind, Buhe zu thun und Besserung zu suchen haben, die jüdischen Staatsbürger, in deren Reihen es doch wahrlich an Beispielen wirklicher Milde und Gntthäligkeit, an Mustern Pietät« vollen Familiensinns nicht fehlt, und zwar Liese ohne Unterschied allein verantwortlich machen. Wenn aber gar unter Anrufung des Christenthums eine Art Kreuzzug gegen die Juden gepredigt wird, so müssen wir unter Berufung auf Wort und Vorbild unseres Heilandes, der mit der Verkündigung der uneingeschränkten Samariterliebe das Judenthnm seiner Zeit beschämt (?Rd) und im Leben der Völker statt des Nationalstolzes und Rassen- Hasses das Panier der allgemeinen Liebe aufgerichtethat, solches mitallerEntschieden!)׳ it als unchristlich zurückweisen. Wir müssen es aber auch alseine verhängnihvolle Mihleitung der dunklen Instinkte des deutschen ChristenvolkeS ailsehen, wenn man ca, wo es gilt, vor allem die eigenen Fehler einzusehen, die Unzufriedenheit der Massen auf angebliche Urheber ihrer Drangsale hinlenkt, die es nur zum Theil, und sicherlich nicht ohne erhebliche Mitschuld der christlicheu Bevölkerung selbst sind. Der dadurch entfesselte Geist der Unrotmäßigkeit und Zuchtlosigkeit, der Begehrlichkeit und des Hasses, kann dann, wenn sich — nur zu bald! — herausstellen wird, dass die Versprechungen jener augenblicklich volksthümthümlichen Agitatoren unerfüllbar sind und bleiben, nur denen zugute kommen, die auf die wachsende Unzufriedenheit der breiten Volksmassen ihre Nmsturzpläne unseres gesummten Staats- und Kirchenivesens gründen. Nicht die, wir wollen es annehmen, in gutem Glauben von dem Antisemitismus angerufeneu deutschen und christlichen Instinkte, sondern die Triebe deS Neides und Hasses werden aus dieser Agitation die kräftigste Nahrung empfangen, und der evang lischen Kirche wird dadurch ihre Aufgabe der Befriedigung und Sittigung ihres Volkslebens nur erschwert. Wir halten darum die Betheilignng an antisemitischen Agitationen, wenn wir auch nicht verkennnen, dass sie aus einem treuen und wahren, für die Rechte des Christenthums und Deutschthums und für das Wohl des Landvolkes schlagenden Herzens kommen können, für nicht vereinbar mit den Christenpflichten und Amtspflichten eines Geistlichen.' Aaris. Am 27. September 1891 werden es hundert Jahre, dass die französische Nationalversammlung den Juden das Bürgerrecht zuerkannte. Die französischen Israeliten beabsichtigen, zur Erinnerung an den für sie so wichtigen Tag große Festlichkeiten zu begehen. Auch sollen bei sämmtlichen Juden Frankreichs und Algiers Sammellisten in Umlaut gesetzt werden, deren Ertrag zu einer gemeinnützigen Stiftung verwandt wird. Waris. lieber Baron Hirsch bringt der Pariser ,Figaro' die nachstehenden historischen Daten: Baron Hirsch wurde als Sohn des baierischen Hofbanquiers Josef von Hirsch (geb. in Würzburg 24. Juli 1805) und der Karoline Wertheimer (geb. zu Frankfurt 18. Juli 1810) am 8. December 1831 in München geboren. Seinem Vater wurde am 2. April 1869 von Ludwig I. die Baronie verliehen. Sein Großvater. Jacob Hirsch, war bereits baierischer Hofbanquier. Nach Ankauf des Adelssitzes Gereuth ließ er sich, um auf seiner Domäne die herrschaftliche Gerichtsbarkeit ausüben zu können, durch einen Patentbrief des ׳ Königs Maximilian Joseph am 13. August 1818 adeln. Der neue Edelmann erhielt als Wappen auf goldenem Grunde ein grünes Gebirge, auf welchem ein Zehnender von natürlicher Farbe und mit rother Zunae läuft. Baron Moriz Hirsch wobnte ehedem in Brüssel, wo er sich am 28. Juli 1855 mit Fränli» Claire Bischofsheim, Tochter des weil, langjährigen belgischen SenatSmitgliedes M. Bischofsheim, vermählte. Am 11. Juli 1856 wurde ihnen in Brüssel ein Sohn geboren, welcher nach Erreichung der Majorennität die für Erlangung der belgischen Staatsbürgerschaft erforderliche, im Artikel 9 des Code civile vorgeschriebene Declaration abgab, und aus Grund der Entscheidung des Brüsseler TrivunatS erster Instanz die Bewillizunz erhielt, seinem Namen de Hirsch das Prädicat ,de Gereutb' beifügen zu dürfen. König Leopold II. verlieh ihm am 26 September 1880 mittelst Patentbriefes für sich und seine Nachkommen den Reichsadel mit dem Titel Baron. Er war der erste Jsraelite, welcher in den belgischen Adel ausgenommen wurde. Dieser junge Mann starb in Paris am 6. April 1886. Diese Daten, schreibt d«r ,Figaro', sind genau, sie sind dem Archiv des belgischen Ministeriums des Aeußern entnommen. Das Vermögen des Baron Hirsch ist ein beträchtliches; man sprach von einer Milliarde, allein diese Ziffer ist übertrieben. In Wirklichkeit beläuft sich dieses Vermögen auf mindestens dreihundert Millionen. Frau von Hirsch, welche nach dem Tode ihres Vaters etwa zwanzig Millionen geerbt hat, ist im Vergleich zu ihrem Gatten arm. Uroppa«, am 20. Octöber. Seit einiger Zeit machte sich die durchaus unschöne und unwürdige Einrichtung hier geltend, dass jüdische Trauungen, besonders solche, die von auswärts hereinkamen, in Wirths- Häusern vorgenommen wurden. Bei einigen solcher Wirthshanstraunugen kam es sogar vor, dass die Cantoren gar nicht zugegen waren, da sie von einer Stelle für, entbehrlich' erklärt wurden. Hierüber führten die hiesigen Cantoren beim Cultus-Vorftande Bejchw-rde, und derselbe beschloss, dass sämmtliche in der hiesigen Gemeinde ftattfindenden jüdischen Trauungen nur im Tempel vorgeuommeu werden dürfen. Nur für besondere Ausnahmsfälle behielt sich der Vorstand die Zulassung einer Trauung auch außerhalb deS Tempels vor. Gewiss ein nach ah me nswerther Beschluß! 8—n. London. Nach Mittheilung von .Jewish Chronicle' haben die jüngsten hiftorisch-littcrarischen Nachforschungen ergeben, dass der erste spanische Trobadour ein Jude, Namens Rabbi Jomtow war. Sein poetisches Hauptwerk ,ConfejoS', dem Könige Don Pedro gewidmet, enthält eine Menge talmudischer Sprüche und Metaphern. Der letzte Troubadour war ein Marrano-Jude. Antonio Mantora, von Profesiiou ein Schneider, welcher selbst in den Jahren seiner höchsten poetischen Erfolge — während der Regierung der Königin Jsabella — Nadel und Scheere nicht aus den Hände» legte. Hdesta. lieber zweihundert jüdische Studenten sind Christen geworden, um ihre Studien an Len Universitäten von Charkow, Kiew und Odesia fortsetzen zu können. Publieationen drs österr.-ung. Cantorrn-Vrreinrs. S. Gruschka, M.-Kromau 1 st. 50; S. Rotter, Polna 3 st.; W. Stein, Poftelberg 3 st.; I. Weiß, Tobitschau 3 fl.; L. Kraus, Veröcze 3 st.; S. Neumann, Oberhollabrunn 1 st. 50; S. Schischa, M.-Budwitz 1 fl. 50; M. Schlesinger, Wien I st. 50; I. Körner, Smichow 3 fl.; A. Lederer, Eger 3 st.; B. Haas, L.St.-Miklos 1 st. 50; L. Friedländer, Silhos Bolhas 1 fl. 50; I. Salier, Szeleskuty 1 st.50; S. Rosenberger, Komolau 1 fl. 50; PH. Bassel, Wien 2 fl. A. Kohn Kanitz 3 fl.; S. Fischmann, Müncheugrätz 4 fl.; I. Bauer, Wien 1 fl. 50; M. Thaler. Oedeuburg 4 fl.; M. Blatt, Wien 3 fl.; M. Rosenfeld, Pisek 1 fl. 50; D. Kohn Rakonitz 3 fl.; L. Butter, Neuötting 7 fl.; I. L. Schlesinger, Mißlitz 3 fl.;,C. Bruner, Jglau 6 fl.; I. Neumann, St. Pölten 3 fl.; R. Kohn, Kobersdorf 5 fl.; S. Friedmann, Bukin 1 fl. 50; C- Grünfeld, Wien 1 fl.; S. Hirsch, Wien 2 fl. W. Mkali, Cassier, II. Tempelzaffe 3. Diejenigen Herren Abonnenten» welche Mrs laufende Nuartal noch nicht den Nb onnernentsbetrag ringefendet haben» werden ersucht, dies umgehend zu thun. Dir Administration.