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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-07-01 · Heft 19 (1.7.1890) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 19 (1.7.1890)
Date
1890-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 fortan ob, den ganzen Lebensunterhalt für seine Mutter zu verschaffen; willig und gehorsam bot er alles auf, um dieser süßen aber ungemein schweren Kindespflicht gerecht zu werden, biß ein zweites nnerbitliches Verhängnis ihn an der Ausführung seines Strebcns hinderte. Die Stimme des Knaben begann zu brechen, und die letzten Neste derselben gemahnten ihn, dass er doch eigentlich nichts Tbatsächliches gelernt, um die materiellen Bcdürfniße herbeizuschaffen. Seiner Ideale von Gesang und Sangeskunst beraubt und nicht vertraut mit den Verhältnißen, dass er bald wieder im Besitze einer schönen Stimme sein könnte, entschloss er sich rasck, ein Handwerk zu erlernen, und trat alsbald bei einem Goldarbeiter in die Lehre. Auch hier bekundete Abrass Lust und Liebe zur Sache und einen solch' andauernden Fleiss, dass er bereits nach kaum beendigtem zweiten Lehrjahre zum Gesellen ernannt wurde und nun in der weiten Welt selbstständige Arbeit suchen und verrichten konnte. Den jungen Goldarbeitergesellen zog es auch diesmal mächtig nach Odessa, dort, wo er seine gesanglichen Triumphe gefeiert, dort dürfte cs wohl noch Menschen geben, die sich seiner erinnerten und ihn in seinem neuen Berufe unterstützen könnten. So calculirte der stndigeKnabe und fand seine Anschauung alsbald auch bestätigt, indem die früheren Bekannten in Odessa ihn mit Arbeit überhäufteu. Zu seinen Arbeitgebern gehörte auch sein einstiger Chasen Schulsänger, der den Gesellen sehr oft in seiner Werkstätte besucht? und bei einem dieser Besuche ihn zum Singen veranlassend, mit Freuden bemerkte, dass die Stimme des Jünglings wieder zu erwachen beginne. Alsbald rieth er ihm, den Hammer wegzulegen, indem er begeistert ausrief: ,Deine Stimme soll Heller und mächtiger erklingen, als Deine Hammerschläge auf dem Ambos So kebrle Abrass wieder zu seinem einstigen Chasen Schulsänger zurück und sang in dessen Sang crgemeinschaft den Bariton- Part, so gut oder minder gut es auch Anfangs gieng. Nach zweijähriger Tbärigkeit war seine Stimme mächtig entfaltet, ohne jemals gewöhnliche Stimmstudien gemacht zu haben. Das über׳ sprudelnde Talent gepaart mit einer angebornen Feinfühligkeit ließ den jungen Sänger allerdings manches errathen und erfassen, wozu andere viele Lehrjahre gebraucht hätten, allein von einer rationellen Schulung des Stimmorgans konnte niemals mehr die Nede sein, und so blieb Abrass, wie wir in weiterer Folge hören werden, bei aller Küustlerschasl in der technischen Ausführung der Gesänge, immerhin doch das Prototyp eines bewunderten, ja angebeteten Natursäugcrs. Einen Moment batte es allerdings den Anschein, als verwirklichte sich die glühende Sehnsucht des Jünglings nach Ausbildung unter der Hand eines wirklichen Sangmeisters, indem edelsinnige und gebildete Männer, wie der hochherzige Sckuidireclor Stern. Herr Leon Dcrblich und der noch heute rübmlichst bekannte Oberlehrer Piusker sich zusammenthaten, um dem jungen Säugereine rationelle G.sangsansbildnng in Italien zu ermöglichen. Mit Empfehlungsbriefen, Reisegeld und der Anssicht aus ein erkleckliches Stipendiunr für seine Smdieuzeil verleben, trat Abrass hochklopfendcn Herzens, endlich am Ziele seiner sthulichsten Wünsche zu stehen, die Neise nach Mailand an. Und abermals greift eine unsichtbare Hand in die Speichen seines kaum iu's Nöllen gebrachten Lebeusrades ein und bringt dasselbe giim Stehen. Auf einer kurzen Neiserast in Brody hatte Abrass ein Geleitschreiben an den dortigen Philanthropen Banquier Moses Kallir abzugeben und ward gelegentlich eines Gesangsvortrazes im Hause Kallir's von dem zufällig anwesenden jüdischen Apotheker Michael Perl aus Tarnopol gehört, welcher begeistert und tief ergriffen von den Leistungen des Jünglings, ihm eröffnete, dass er es als eine Fügung Gottes erachte, den jungen Mann hier zufällig gehört zu haben; mau beabsichtige nämlich in Tarnopol einen modern geregelten Gonesdieust zu kreiren, und er wurde beauftragt, sich um eine geeignete cantorale Kraft umzusehen; falls es ihm passe, möge er seine beabsichtigte Neise aufgebeu und mit ihm nach Tornopol zurückkebren, um das in Aussicht gestellte Amt eines modernen Caurors an der dortigen Synagoge anzutreten. So blendend und vielversprechend nun auch diese Errungenschaft für den jungen Abrais gew-len sein mag, so konnte er doch mit unserem großen Lebrer Moses ausrufen: 8״u alijoh jerido hi“; denn der scheinbar opulente Erfolg brachte ihn um seine so überaus nötbige künstlerische Ausbildung und die aus derselben resultirende echte Künstlerschaft. Wir können und dürfen an dieser Stelle die Kundgebung nicht verwinden, dass das jüdische Cantortbum leider an ähnlichen Erscheinungen krankt und unrettbar dahinsiechen muß, wenn nicht kräftige Abhilfe nach dieser Richtung geboten wird. Wie kann Und sollte beispielsweise der ungebildete ,polnische Metchorer' der an den Brosamen des Lebens gewöhnt war, es von sich weilen, wenn eine jüdische Gemeinde (une beispielsweise letzthin in Ungarn) cs für würdig erachtet, einen solchen Menscheu, der bar jedweder Bildung, dessen Vergangenheit dunkel wie die tiefe Nacht, deffen Familienvechältniße unbekannt wie eine Wüste, dessen maralisch religiöse Führung abgegriffen wie ein schmutziger Lappen vor uns liegt, trotz alldem ihm das heilige Caniorann überträgt, weil er, unverheirathet und arm wie eine Kirchenmaus der Gemeinde für eine kurze Frist einen profanen Ohrenschmaus, zu bieten geeignet ist, und zudem die frohe Aussicht bietet, nach einem Jahre wieder gekündigt zu werden; wie sollte, fragen wir, ein solcher Mensch die Kraft in sich fühlen, eine Gelegenheit von sich zu weisen, um wenigstens eine Spanne Zeit lang sorgenlos zu leben und als Mensch unter Menicheu erachtet zu werden? Bedauernswerth sind solche Gemeinden, reipective deren Vorsicher, die durch ein solches Vorgehen sich selbst, dem Gesammtjndenthume, und in allererster Reihe unserem heiligen Stande tiefe, unheilbare Wunden schlagen. Bei dem jungen Abrass war es gottlob doch noch ganz anders; er brachte einen wohlklingenden Namen mit, man wusste, woher er kam, wohin er wolle, und seine kurze Vergangenheit lag wie ein offenes Buch vor dem Auge der Welt. Abrass sehnte sich ja nur nach musikalischer Ausbildung, um dann in den Stand gesetzt zu sein, lelbstständig einen Cantorpofteu zu ver׳ walten und nach wie vor seiner bedrängten Mutter und Familie beistehen zu können. Da ihm nun diese frohe Aussicht auch ohne vorausgegangene tüchtig musikalische Ausbildung eröffnet wurde, ward er, der unerfahrene Jüngling, geblendet, und so sehen wir chn alöbald als wohlbestellten Chorchaseu in der neuen Synagoge in Tarnopol. Hier blieb er zwei Jahre, um dann einem Nnfe als Obercantor an der großen Synagoge in Lemberg zu folgen, woselbst er durch volle 16 Jahre in hervorragender Weile wirkte und schaffte. Die Wirksamkeit Sulzer's und die Veröffentlichung des Lehir Äon waren Abrass sympathisch und er führte auch manche Piece aus dem Schir Zion auf, allein zu der sonst üblichen Figur eines Autoritätensclaven erniedrigte er sich niemals und wusste seine fachmännische Selbstständigkeit insofern zu wabren, indem ec beispielsweise Necitative ganz unabhäng von Vorbildern, und Gesänge zumeist eigener Composition auffübrte. In Lemberg! begründete Abrass seinen Nuf als eminenter jüdicher Cantor, und! gab cs keine zu besetzende Obercantorstelle in den Hauptgemeinden Europa's, ja selbst Amerikas, bei denen Abrass nicht in aller erster Reihe Berücksichtigung fand. Mittlerweile erstand in

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