Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 14 (11.5.1890)
- Date
- 1890-05-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453186--2853-3457146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.Die Himmel rühmen * während des Thora-NmgangeS, nachdem zuvor Her Rabbiner auf der Kanzel mit der Thora im Arm das Schema 'Jsroel auSgernsen, — wie ganz besonders des überaus stimmungsvollen vom Vorsteher Hrn. Rechtsanwalt Emil Lehmann gedichteten, Dom ehemaligen Chordirigenten der Synagoge, jetzigen Cantor der Ännenkirche. Volkmar Schurig, componirten WeiheliedeS, mit dem .Kehrreim': »Das ist ein Tag, den Gott gegeben — Lasst uns Alle fröhlich sein.' Die ergreifenden Soli führten Frl. Hedwig Joel (vom Königl. Conservatorium) und Hr. 6auä. rueä. Hirsch vorzüglich aus. Gehalt- und weihevoll, erhöhte die Festpredigt nebst Gebet des Hr. Äabbiner Dr. Z. Winter die Eindrücke. Die Liturgien des Gottesdienstes waren abwechselnd Compofitionen Snlzers und Lew andowsky's und wurden vom Obercantor Wolsssobn würdig vorzelragen und geleitet. Einen vornehm prächtigen Eindruck übten die von freiwilligen Spenden gestifteten!lenen Bekleidungen als Poranches,» Kanzel-, Altarwie Vortragspultdecken. Unser Gotteshaus, bekanntlich ein Jngendwerk Meister Gottfried Semper's, ist mit einem, für die heutige .Zeit gering erscheinenden, aber der damaligen kleinen, in gedrückten Verhältnißen lebenden Gemeinde schwere Opfer erheischenden Auswande erbauet. In nicht zu ferner Zeit dürfte es wohl der aui mehr als das Fünffache an Seelenzahl gestiegenen Gemeinde nicht mehr genügen. Berlin. Der akademische Senat wählte für das am 12. Juli -beginnende neue Universitätsjabr, Herrn Professor Dr. Bernstein, medicinischer Facultät, zum Rector der Universität. Pros. Dr. Bernstein ist der älteste Sohn des Mitbegründers und langjährigen Redactenrs Her Berliner ,VolkS-Ztg.', Abraham Bernstein. Berlin. הלא תדעו כי שר וגדול נפל היוס הזה Keinem der Leser dieses geschätzten Blattes ist es unbekannt, dass ein Fürst ׳und Großer in diesen Tagen gefallen, dass der von vielen fast abgöttisch verehrte Staatsmann, wenn auch in den ehrendsten Formen, seine -Entlassung zu nehmen gezwungen ward, und nicht nur seine Gegner, -auch der größte Thcil seiner Gesinnungsgenossen sehen ihn ohne Bedauern scheiden. Die Juden Deutschlands, besonders Preußens, fühlen sich durch seinen Abgang wie von einem Alp befreit. Obgleich Fürst ׳Bismark, oder der Herzog, der er jetzt ist, kein Antisemit war, ist der Antisemitismus durch ihn entstanden und erstarkt und wird Hoffentlich und voraussichtlich mit ihm verschwinden; und wenn Stöcker am Tage, als Bismark sein Abschiedsgesuch einreichte, im preußischen Abgeordnetenhanse eine antisemitische Rede voll Gift und Bosheit hielt, bei der die ganze konservative Partei ihn unterstützte und der -Cultusminister v. Gcßler ihm wohlwollend den Rücken deckte, so war dies ein weiterer Beweis, dass das System Bismark der Nährvater des Antisemitismus ist und dieses System ist daselbe, das die früheren Feldherr» hatten: a la guerre comme a la guerre. Trotz seiner Frömmigkeit machte sich ein alter Feldherr kein Gewissen daraus, eine Kirche in Brand zu schützen, wenn er einen Kriegsersolg dadurch erzielen konnte, der Zweck heiligte die Mittel. Wie ein Berichkerstatrer jüngst uritlhcilte, habe Bismark Neigung für den Kriegsdienst gehabt und wählte nur auf Veranlassung seines Vaters die diplomatische -Carriere. Die Kriegsmoral jedoch scheint Bismark in seiner Verwaltungöpraxis beibehalten zu haben. Er war kein Katholikenseind ׳und hat den Cultnrkamps ins Leben gerufen; er hat einen großen Theil der socialistischen Ideen ansgesührt und durch ihn ist die Sozialdemokratie erstarkt, er hat das Sozialistengesetz ins Leben gerufen und hat an demselben festgehalten; er bediente sich der Juden, wo er konnte, und hat den Antisemitismus grcßgezogeu. — Der Cnlturkamps hatte für Bismark die Folge, dass er nach Canossa gieng, durch daS *Festhalten am Socialistengesetze gerieth er mir dem Kaiser in Uneingkeit, und welche Folgen der Antisemitismus für ihn haben wird, wird die Zukunft lehren. — Es sei mir gestattet, in diesem Blatte noch aus eine Aeußerung deS Abgeordneten Cremer in der Antisemitendebatte vom 21. März. die bisher nicht beachtet wurde, aufmerksam zu machen. Wer ist Cremer? werden viele der geschätzten Leser fragen. ״Nun, Cremer ist ein Seitenstück Bismark's; ist Letzterer ein Feldherr, so ist jener der Lanzknccht. hat man Ersteren da gesunden, wo Schlachten geschlagen wurden, so war L'tzerer da, wo es Händel und — Beute gab. Don Josef Cremero war ein Begleiter des Don Carlos bei dessen Abenteuern in Spanien, gehörte dann zur ultramontanen Partei und deren rücksichtslosesten Vertreter in der Presse, wurde von der Partei -nusgestoßen, als er zur Negierung übergieug, und wird jetzt zu den ,wildkonservativen' gezählt, d. h. keine Partei will die Ehre seiner Gesellschaft genießen. Dieser Cremer sagte am 21. März d. I. im preußischen -Abgeordnetenhäuser ,1870 waren die jüdischen Blätter am meisten mit ׳er Frage der Unfehlbarkeit des Papstes beschäslizt, und da sagte ich. dis Juden sollten sich lieber um den Talud kümmern und veranlasste die Schrift ,der Talmndjude von Rohling.* Das ist wohl dieselbe Theorie, oder vielmehr dieselbe Praxis, die Frei» sinnigen sind Juden, die Juden sind keine Deutschen, folglich sind die Freisinnigen ans Deutschland anszuweisen. Ob Bismark von Cremer gelernt, oder Umgekehrt, wir wissen es nicht, jedenfalls haben sie die alte Taktik geübt, man lässt das nächsterreichbare Haus anründen. um sich zu salviren. verbrennen dabei einige Schuldlose, was thuts, a la guerre eomine a la guerre. — London, 2. Mai. Ihre Majestät die Königin Victoria ist für den 14. d. zum Besuch bei Baron Ferdinand von Rothschild in Waddeston angesagt. — Baron und Baroneß Henry de Woms, geben am 16. d. zu Ehren Stanley's große Assemble. — ,Jewish Cbroniele* berichtet: Der ehrenwerthe Charles Rothschild. Sohn von Lord nnd Lady Rothschild, wird am 17. Mai Barmktzwo. Er wird zur Thora in der New Westend Synagoge berufen, in welcher Lord Rothschild Mitglied il't. Der Candidat wird für die Ceremonie durch Reverend S. Singer, Rabbiner dieser Synagoge, vorbereitet. Wew-Aork im April. In dem gesegneten Alter von 100 Jahren und bewunderungswürdiger geistiger Frische nnd Rüstigkeit ist vor wenigen Tagen Dr. Isaak Wiener in dem Hause seines auch schon 60jährigen Sohnes Philipp Wiener in die Ewigkeit eiugegangen. Vor 23 Jahren, also ein schon bcchbetagter Mann, kam er nach den Vereinigten Staaten, um bei seinem Sohne den begnadeten Rest seiner Tage zu beschließen. Es war für Jedermann eine wahre Freude, den Greis zu sehen und zu beobachten, wie ihm scheinbar die vielerlei Delchwerden des hohen Alters fernblieben. Seine Augen waren so hell nnd scharf, dass er bis an s-.in Ende keine Brille gebrauchen durste, und seine Handschrift, deren Schönheit allseitige Bewunderung erregte, wies auch nicht die Spur eines Zitterns der Finger aus. Das Gehör des alten Mannes hatte in letzter Zeit etwas gelitten, aber nicht so, dass man sich schwer mit ihm verständigen konnte. Vor Kurzem nahm er noch an einer Hochzeit im Kreise einer befreundeten Familie theil und war der Muntersten einer. Krank ist er eigentlich nie gewesen. Als sein Ständlein nahte, legte er sich nieder und schties saust und ruhig ein, um in dieser Welt nicht wieder zu erwachen. Vereinslieitrsge. S. Gruschka, Mähr.-Kromau 1 fl. 50; A. Grünhnt, Klosterneubnrg 1 sl. 50; S. Popper, Eger 1 fl. 50; I. Saller, Breitenbrnnn 1 sl. 50; L. Friedländer. SziloS Bolhas 2 sl. 50; I. Weiß. Tobitschau 3 sl.; M. Rosenseld. Pijek 1 sl. 50: S. Schischa, Mähr.-Budwitz 1 sl. 50; B. Haas, Lipto Szt.- Miklos 1 sl. 50; B. Guttmann, Andrichau 3 sl.; PH. Basst, Wien 2 fl.; G. Rosenseld, Nngereiden 1 sl. 50; S. Rosenberger, Komotau 1 sl. 50.; I. Schlesinger, Mislitz 1 fl. 50; S. Weiß, llng.-Brod 3 st.; H. Bermann, Böhm.-Leipa 1 fl. 50; D. Kohn, Rakouitz 3 sl. W. Blatt, Cassier. II. Tempelgasse 3. Nnsrus. Die Witwe eines bei Lebzeiten sehr bekannten nnd allgemein beliebten Collegen soll in nächster Zeit ihre Tochter verheirathen. Die Letztere würde hiedurch rin großes Glück machen, da der Bräutigam, der in sehr guter Stellung ist, auf keinerlei Mitgift Anspruch macht. Die Mutter ist jedoch nicht in der Lage, die nöthige Ausstattung herbeizuschaffen, und mit Rücksicht daraus appüiere ich an das warmsühleude Herz der geehrten Collegen, der armen, verlassenen Familie in dieserAngelezenheit förderlich zu sein. Indem ich dem humanen Zwecke 5 f!. zuwende, bitte ich milde Spenden an mich direct oder an die Nedaction dieses Blattes zu senden. Das Spendenverzeichnis wird in der Cantorenzeitnng veröffentlicht. Wien, am 8. Mai 1890. Höercantor Josef Singer I. Seitenstetteugasse 4.