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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-04-11 · Heft 11 (11.4.1890) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 11 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7״ eimgesucht wurden. — Die Aufregung über diese fcaubalcfeit Vorgänge st eine sehr große. Man klagt allgemein über Mangel an Energie seitens ׳der Behörde. Bei Wiederzusammentritt des Reichsrathes am 16. d. wird der Leiter des Ministeriums des Innern in Bezug aus die maugelbasten ׳Verkehrungen zum Schutze der Person und des Eigeuthumes bei den .Krawallen in Neulerchenfeld interpellirt werden. Außerdem soll, dem Vernehmen nach, eine Deputation notabler Büger au den Stufen des Thrones die Bitte um Schutz gegen die die friedliche Arbeit bedrohenden Umtriebe vortragen und auf den Ursprung der Unruhen einerseits, aus den Mangel an Energie der Behörden andererseits Hinweisen. Mltdapest. Ein ungemein peinlicher, nahezu unglaublicher Vorfall hat sich in Kecskemet zugetragen. Der Ossiciers-Stellvertreter Graf Georg Csaky überfiel den jüdischen Kaufmann Desider Beer aus offener Straße mit der Hetzpeitsche und versetzte im mehrere Hiebe. Beer riss dem Angreifer die Peitsche aus der Hand und ließ Streiche mit derselben auf ihn, den Grasen, niedersansen. Csaky zog nun den Säbel, brachte Beer mehre Verwundungen bei und hieb ihm -bas Ohr weg. Mittlerweile waren zahlreiche Menschen herbeigeströmt; das Publikum nahm Parei für Beer, Gras Csaky erhielt einen Knüttel« hieb über den Kops und musste flüchten. Die rachedurstige Menge verfolgte ihn und er kouute weiteren Misshandlungen nur entgehen, indem er in ein HauS trat, dessen Thür hinter ihm versperrt wurde. Erft gegen Mitternacht konnte Csaky eö wagen, unbehelligt das Hans zu verlassen. Er wurde mittelst Wagen in die Kaserne gebracht und am nächsten Morgen nach Budapest iransportirt. lieber die Ursache des empörenden Attentats wird folgendes berichtet: Graf Csaky rief Beer an, dieser glaubte, Csaky wolle ihn sprechen; als er sich aber dem Officiers-Stellvertreter näherte, rief dieser: ,Kommen Sie mich barbieren!' Beer erwiederte: ,Sie irren, ich bin kein Barbier.' .Hierauf replizirte Csaky: ,Gleichviel ich befehle Ihnen, mich zu barbiereu. Barbieren ist eine Kunst, die Sie leicht erlernen können l' Beer, der nun sah, dass der Officier sich mit ihm eine ״Hetz' machen wolle, gab seiner Entrüstung Ausdruck und entfernte sich. Am nächsten .Tage erfolgte der Ueberfall durch Csaky, der Beer zuerst anherrschte: ,Ziehen Sie die Beleidigung von gestern zurück!' woraus Beer ries: ,Sie haben sich eine ״Hetz ' mit mir erlaubt! Ich ziehe nichts zurück!' -Hieraus enstand das Handgemende. Graf Csaky sowohl, als B.er sind beide erheblich verwundet. Merlin. Die Kaiserin August« hat der ,Alterversorgunzs- Anstalt der jüdischen Gemeinde' ein Legat von 5000 Mark vermacht. Die-Hochselige hatte dieser Humanitären Anstalt jahrelang einen namhaften Jahresbeitrag zugewendet. Merlin. In militärischen Kreisen macht eine jüngst gefallene, von der Toleranz und dem Gerechtigkeitssinn unseres jungen Kaisers -zeugende Aeußerung desselben viel von sich reden. Dem Kaiser fielen bei einer Besichtigung des Militärs, und zwar bei einem Vorbeimarsch, zwei Einjährige durch ihre vorzügliche Haltung auf. Plötzlich ries er den Vorgesetzten zu sich heran und frug, wie lange dieselben schon dienen; acht Monate war die Antwort, die der Kaiser erhielt. Warum, frug derselbe weiter, haben dieselben ,die Knöpfe' nicht erhalten? ,Es sind Inden, Majestät.' Entrüstet entgegnele der Kaiser: ,Ich --kenne keine Juden in meiner Armee, ich kenne nur Soldaten!' Magdeburg. Goldene Worte des Kaisers Wilhelm II. sind eS, die in der Verordnung vom 13. Februar, betreffend die Organisation des Unterrichtes im CadeltencorpS, eine hervorragende Stelle einuehmen, mnd die weiteste Verbreitnng verdienen. Sie lauten wörtlich: ,Im Religionsunterricht ist die ethische Seite desselben hervorzuhebeu und das Hauptgewicht daraus zu legen, dass die Zöglinge in Gottesfurcht und GlaubenSfrendigkeit zur Strenge gegen sich und zur Duldsamkeit -g e g e u Andere erzogen werden.' Das sollten alle Cultusminister, Hof- .Prediger. Universitälsprofessoren, Gymnasialdirectoreu und Schulleiter bis zum jüngsten Dorflehrer sich gesagt sein lassen und beherzigen, dann wäre das ,Problem', mir dem der Herr Minister Goßler sich so abquält, mit einem Male gelöst, und wie die Schüler der verschienen Bekeuntniße aus der Schulbank, so würden die Bürger alle •im ganzen Lande friedlich nebeneinander weilen, durch keine Hetzrede beunruhigt. Auowrazkaw. Einen hübscheu Zug des Reichskanzlers von Caprchi weiß der Schneideimeister M. hier im »Jüd. Kantor' zu erzählen: ,Es war im Jahre 1878, ich stand im Füsselier-Negiment Nr. 34 in Stettin. An einem Sommersonutag gieng ich mit meinem Schätzchen --spazieren. Da sah ich den Brigade-Commandeur von Caprivi ankommen, ich machte Front, er kam aus mich zu, sah mich eine Weile scharf -an, dann fragte er: ,Wie lange dienst Du mein Sohn?' — ,1 Jahr.' ,Gefällt Dir das Soldatenleben?' — ,Jawohl Herr Commandem.' —— ,Woher bist Du mein Sohn?' — .Aus der Provinz Posen.' — ,Wie heißt der Ort? — .Jnowrazlaw.' — ,Jnowrazlaw? Ja, ja! in Kujawieu, bei Bromberg.' — Ist das Deine Braut?' — ״Zu Befehl!' — »Hm. ein fauler Soldat, der keine Braut hat. Welcher Religion gehörst Du an?' — ,Ich bin mosaisch.' — ,Betest Du auch?' — ״Ja!" — ,.Hier mein Sohn trinke ein GlaS Bier.' Der Commandeur gab mir ein 50-Pfennigstück, grüßte freundlich und gieng davon." Krankfurt a. M. Zur Klarstellung dessen, was der Abg. Stöcker über die hiesigen zwei jüdischen höheren Schulen im Aggeordnetenhanse gesagt hat, theilt die ״Franks. Ztz.'' folgendes mit: ״Unsere israelitische Real- und Volksschule (Philanthropin) wurde einige Jahre nach der Mnstserchule gegründet (1804), und zwar nicht aus irgend welchen konfessionellen Gründen, sondern weil der frische Strom des geistigen Lebens am Ende des 18. Jahrhunderts, die treibende Kraft der Ausklärungsperiode auch die noch im Ghetto׳ abgeschlossenen Juden veranlasste, ihren Kindern den Eintritt in den Bildungsgang der deutschen Nation durch einen geregelten, umfassenden Sckulunterrichi zu vermitteln. Dass die angedeuteten konfessionellen Gegensätze in Frankfurt nicht zur Geltung gelangt find, beweist die Thatsache, dass die christlichen Schulen non vielen Inden und die jüdischen Schulen von vielen Christen besucht werden. Unsere Stadt erfreut sich eines vollständigen konfessionellen Friedens. Zu bemerken ist noch, dass die jüdischen Schulen in Frankfurt weder den Staat noch die Stadt etwas kosten, sondern ganz und gar von den jüdischen Gemeinden unterhalten werden." Stuttgart. Der ״Staats-Anzeiger für Württemberg" veröffentlicht unter dem 25. Mär; folgende Verfügung: .,Um den Soldaten israelitischen Glaubens die Feier des Passahfestes zu ermöglichen, ist höheren Ortes angeordnet worden, dass denselben, soweit es das Dienstinteresse erlaubt. Urlaub vom 4. bis 12. April in die Heimat bewilligt werden kann. St. Gallen. In der Schächtangelegenheit, welche durch die Agitation der schweizerischen Thierschntzvereine mehrere Jahre hindurch die schweizerischen Behörden beschäftigte, ist jüngst eine bundesräthliche Entscheidung dahiu erslossen, ,dass das Schächten nicht als Thierquälerei, nicht als eine der öffentlichen Ordnung und den guten Sitten zuwiderlaufende Handlung zu betrachten sei, dass somit ein Schächtverbot in Widerspruch stehe mit der schweizerischen Bundes- Verfassung, welche volle Religions- und CnltnSsreiheir garantire. Es müssen nur Schutz- und Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, damit dem Schlachtthiere beim Fallen keine unnöthigen Oualen bereitet werden.' Hoffentlich hat die Agitation gegen das Schächten, welchenicht io sehr dem Thierschutz als dem Antisemitismus entsprang, hiemit ihr Ende erreicht. London. Der ,Jüd. Pr.' wird aus London folgendes interessante Curiosum aus Osborne, der gegenwärtigen Residenz der Königin von England, gemeldet. Gelegentlich einer Privatvorstellung, an welcher die Tochter der Königin, Prinzesin Beatrice von Battenberg, persönlich mitwirkle, wurden als lebende Bilder zwei Szenen ans dem Buche .Esther' dargestellr. welche das Erscheinen Esthers vor AhasvernS und ihre Krönung veranschaulichten. Um die Illusion recht lebhaft zu gestalten, war der Kapellmeister des Marinebataillons, George Miller, ersucht worden, bei Vorführung dieser Bilder einige echt hebräische Melodieen spielen zu lassen. Von den demselben vorgslegten Synagogalgesäng-.n wurden zwei von Mombach komponirie Melodieen, n. zw. der .klagende Jigdal' für Jomkippur und ein ,Handu' ausgewählt, und dieselben fanden so sehr den Beifall der Königin, dass sie mehrfach wiederholt werden mussten. Was das Interesse aber noch erhöht, ist der Umstand, dass die Königin die Verfügung getroffen hat. diese Melodien dem ständigen Repertoire der Kirchenmusik in der königlichen Kapelle zu Windsor zur Absingung des .Kyrie' einzuverleiben. Melersönrg. Nach der neuesten Statistik dienen 100.000 jüdische Soldaten in der russischen Armee, ein viel höherer Prozentsatz, als bei den andersgläubigen Nuffen. Von 41 Juden ist einer Soldat, während von 61 Nichtjuden ebenfalls nur einer im Heere dient. Trotzdem glaubt Jeder ein Recht zu haben, den armen, verfolgten Inden den Patriotismus absprechen und sie unter die Füße treten zu dürfen. LM- Die geehrten Herren CaUegen werden dringendst ersucht, nach den Feiertagen ihrer Pflicht dem FachvLatte gegenüber eingedenk ZN sein. Die Redaktion. f■ '|

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