Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-03-01 · Heft 7 (1.3.1890) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 7 (1.3.1890)
Date
1890-03-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453179--2789-3457075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

© :r Unter nichtigem Vonrande wurde Nießer ungeachtet der so klaren Begründung seiner Supplik 1829 vom Senate abgewiesen. Er war wieder um eine Hoffnung ärmer geworden, konnte sich aber nicht entschließen, seine juridische Tbäugkeit, ohne in Hamburg immatriculirt zu sein, unter fremdem Namen, wie e8 nach ihm viele LeidcSgefährten mir günstigem Erfolge gethan, zu üben. Seine günstigen Vermögensverhältnißc, für welche die liebevolle Bestimmung seines Vaters gesorgt, bewahrten ihn vor dieser Nothwendizkci«, der er fick gleich anderen jüdischen Rechtsgelehrten hätte fügen müssen. Sein Unabhäugigkeitslrieb hat entschieden einen großen Antbeil an seinem Widerstreben, unter fremdem Namen seine juridische Thätigkeit zu entwickeln, und er verzichtete lieber aus die in Aussicht stehenden Vortheile, als aus seine Unabhängigkeit. Freilich machte es einen trüben Eindruck aus sein Gemüth, dass er, der bisher im Umgang mit Menschen nur freundliches Entgegenkommen gefunden, nunmehr überall, wo er Eintritt in's bürgerliche Leben gesucht, die Pforten aus dem einzigen Grunde, weil er Jude war, geschlossen fand. Wäre -Nießer nicht Zude mit ganzer Seele gewesen, das academische Lehramt in Heidelberg oder Jena, wonach er gestrebt, wie die Zmmatriculation in Hamburg wäre ihm bei seinem anerkannten juridischen Wissen gesichert. Unentschlossen, was er nunmehr beginne, nahm er indeß seine gewohnten Studien aus, suchte und fand Trost in dem ,blumen bekränzten M ä r 1 y r er r hu m׳־, wie er die Wissenschaft nannte. Er lebte dann therlS in Hamburg,!Heils in Heidelberg u:׳.d Frankfurt a. M. Die sranzöstiche Revolution vom 27. bis 29. Zull 1830 hatte nicht nur für Fraukceich, sondern für ganz Europa, namentlich aber für Deutschland, außerordentliche Folgen. Die Regierungen wurden in Schrecken versetzt, alle Unterdrückten und Mißhandelten biugegeu schöpften Hoffnungen und für viele deutsche Länder begann eine bessere Zeit. Auch für Gabriel Nießer fieng eine neue Periode seines Lebens an. Derselbe fand nunmehr Gelegenheit zu wirken, sein reiches Talent und Wissen zum Heile und Frommen der Menschheit zur Geltung zu bringen. Der Correspoudent vom Niesengebirge. Kleine Chronik. WttN. (Das n eit e C u l t u s g e s e tz). Die Commission deS Herrenhauses ist dem Beschlüsse des Abgeordnetenhauses über das Gesetz betreffend die äußeren Rechtsverhättniße der isr. Neligionsgenoffenschafr beigetreten und beantragt die Annahme des Gesetzes. Ferner beantragt die Commission, die Negierung sei auszufordern, dass an Stelle des alten Gesetzes, bezüglich der Bestrafung derjenigen Personen, welche ohne ordentliche Bestellung eine Trauung vornehmen, eine neue strafrechtliche Bestimmung zu erlaffen,' wie auch sei die Regierung auszufordern, die Errichtung von jüd. Seminarien zur Heranbildung jüd. Religionslehrer und Rabbiner zu fördern. WÜN. Donnerstag am 20. Februar fand die Beschneidungsfeier des ueugeborneu SohneS des Herrn Hermann Freiherri׳. von KönigSwarter und der Frau Baronin Melanie von Kouigswarter geb. Blaskowitz statt. Die Beschneidung vollzog Herr Med. Dr. Herzseld. Wien. (Die Stiftung des Baron Hirsch.) Die Wiener ,Correspondenz' meldet, dass Baron Hirsch angesichts der Schwierigkeiten, welche der Activiruug seiner bekannten MiÜionenstistung für Galizien von Seiten der Behörden bereitet werden, das angelegte Capital von zwölf Millionen Gulden für andere wohlthätige Zwecke, und zwar für israelitische Institute in Wien, verwenden wolle. Nach anderen Mittheilungen, die uns zuverläffiger erscheinen, sind die schon oft ermähnten Hinderuiße. welche der Activiruug dieser Stiftung in Galizien ent-- gegeugestellt werden, allerdings uock nicht behoben worden, der Stifter denke jedoch keineswegs daran, seine Spenden einem andern Lande zuzuweuden, da die Hoffnung besteht, dass die obere» Instanzen in Folge des ergriffenen Recurses die bestehenden Schwierigkeiten beseitigen werden, welche in dem vom Stifter geplanten interconfessionellen Charakter der in Galizien zu errichtenden Schulen, sowie in der Zusammensetzung des Curatoriums bestehen. Wien. Anlässlich der bevorstehenden Ergäuzungswahlen für - den Wiener Gemeinderath hat, wie dem ,Pester Lloyd" aus Wien gemeldet wird, die Negierung durch das Polizei-Präfidium eine verschärfte Vrrordnung an die Polizei-Commissanate gerichtet, allfällige antisemitische Ausschreitniigen in rigorosester Weise hintanzuhalten. Llpto Szt.-Wikkos. Dis Filiale Llpto-Njvar der israelitischen Centrat-Gemeinde Lipto-Szt.-Miklos wurde vor ungefähr lO Jahrenbehördlich ansgero.dert, dein Gesetze gemäß, da hier und in den benachbarten Dörfern mehr als 20 jüdische Familien wohnen, einen jüdischen Friedhof anzuschaffen. Es wurde sofort ein geräumiger Platz angekanss, und mit Hilfe der opsersähigen und opferwilligen Mitglieder ist es bereits gelungen, denselben zu nmzäuuen und ein schönes, zweckentsprechendes Leichenbaus zu erbauen. — Man constituirte sich zu einer Chewra-Kadischah und ist nun im Begriff, die bereits von einer Generalversammlung angenommenen Statuten dem Ministerium des Innern zur Begutachtung zu unterbreiten. Dies alles wurde ausschließlich durch freiwillige Spenden der betreffenden Mitglieder des Vereines bewerkstelligt. Besonders ist lobend herorzuheben Herr Moritz Horn ans Budapest, der hier ein großes Hotzgeschäst besitzt, da er den ganzen Holzbedars zum Bau spendete. Dank sei ihm im Namen der guten Sache gesagt. Magdeönrg. Der Cassler Correspoudent der ,israel. Wochenschrift' äußert sich über eines der sogenannten Emolumente des Schächters in folgender treffender Weise: ,Ein Zopf aus alter Zeit ist noch in vielen Landgemeinden vorhanden, der wunderbarer Weise noch nicht abgeschnitten worden ist. Ich meine das .Jägerrecht', welches der Schächter als Baarzahlung erhält. (Das sogenannte ,Jägerrecht' besteht ans Rothfleisch (Brustfell), Herzsett nebst Schlund und Milz. Bei adeligen Herrschaften bekam in früherer Zeit der Jäger als Lohn für das erlegte Wild die genannten Theile, daher der Name.)- Ein solches ,Jägerrecht' hat aber, wenn nicht viel Herzfeit dabei ist, und das ist meistens der Fall, für den Schächter einen sehr geringen Werth. Denn das Rothfleisch ist, um ein bekanntes, jütisches Sprichwort zu gebrauchen, .kein Fisch und kein Fleisch', d. h. es ist auf keine Weise recht zu verwerthen. Wenn es also für den ,gewöhnlichen Schächter wenig Werth hat, um so weniger für den Lehrer oder Cantor, wenn dieser nämlich das Schächteramt zu versehen hat. Die Kleider werden beim Herausschneiden des -Jägerrechts beschmutzt, die Hemden mit Blut bespritzt. Hat er dann sein .Jägerrecht' im Sack, so schlendert er .arm am Beutel' Lurch die Dorsgasseu, ansgespottet von der christlichen Straßenjugend, die ihm, dem Lehrer, nicht selten ein Neimchen, das sich aus sein Schächiergewerbe bezieht, nachjodelt. Sinkt also der Lehrer aus diese Weise irr der Achtung bei seinen christlichen Mitbürgern, so hat die Sache aber auch ihre religiösen Bedenken. Wenn z. B. das Stück Vieh trese werden sollte, so muß der Schächter hier und dort das ,Jägerrccht' nehmen. Um eS zu verkaufen, muß er dann mit dems eiben hausiren gehen, bis er es endlich an einen der Aennsten im Dorfe, oder in der Umgebung verkauft hat. Der Schächter, der Geschäftsmann oder Prosessionist ist, verkauft also endlich das ,Jägerrecht' für irgend einen Preis. Doch der Schächter, der Lehrer ist, kann und darf nicht also verfahren, der muß es entweder verschenken oder vergraben, es in Geld umsetzen kann er sehr selten. Sollte dieses nicht zu Bedenken Anlass geben'? Könnte nicht der oder jener Schächter, um nicht zu Schaden zu kommen, die Sache einmal leicht nehmen und koscher statt trese machen? Die Versuchung liegt zu nabe und es könnte vielleicht Einer oder der Andere dieser Versuchung nicht widerstehen. Da sollten denn nun die Rabbinen, schon aus religiösen Gründen, mit aller Entschiedenheit Vorgehen, damit dieser Zopf fiele, und ein Fixum an Geld bestimmen. Die Schächter, besonders die Lehrer und Cantoren unter diesen, würden diese Einrichtung mit, Freuden begrüßen, wäre sie doch zugleich eine kleine Erhöhung ihres sparlichcn Einkommens, welches ihnen in dieser theuren Zeit wohl zu gönnen wäre.' Wertin. In Nr. 41 der ,Gegenwart' in einem Aufsatze über .unsere Akklimatisation in den Tropen' wird mit Be,ug auf die Forschungen Virchow's betont: dass die Semiten eine geradezu unerreichte Widerstandsfähigkeit, eine enorme Lebenskraft und damit auch eine alle klimatische Widerwärtigkeiten überwindende AkklimatisationSfähigkeit besitzen, zeigen am deutlichsten die Juden, das Volk, Las durch beifpieUose Verfolgungen zu allen Zeiten so schwer zu leiden .....,,,,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.