Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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folgende ebenso sreimüthige als für die herrschende Zeitströmnng bemerkenswertbe Erklärung ab: ״Als Jurist musste ich naturgemäß -zunächst eine Klage wegen Ehrenbeleidignng iir's Auge fassen, aber ich bitte mir zu verzeihen, ich klage keine Institution und keine Zeitströmnng -an, ich klage nur Ihnen meinen Leid, wie ein Kind seinem Vater. Ich hatte trotz der ehrenhaftesten Lebensführung nicht den Muth, meine Sache meinen Mitbürgern vorzulegen, denn die Erfahrungen in meiner -advocatischen Praxis hatten mich schon oft genöthigt, Männern, die durch Antisemiten-Blätter beleidigt worden waren, vom Klagewege abzuratheu. Ich kann Ihnen aus meiner eigenen Advocaten-Praxis Fälle mrittheilen, welche zeigen, dass Geschworene nicht immer unparteiisch, ׳sondern oft aus Gründen politischer Ansichten, und die nicht gerechterweise, entscheiden. Mit Entsetzen denke ich an eine Scene, die sich in meiner Anwesenheit abgespielt hat. Der Nedacteur eines liberalen Blattes war von einem Antisemiten in unerhörter Weise beleidigt worden, und die Geschworenen hatten den Beleidiger freigesprochen. Und als nun -die weinende Gattin des Klägers im Corridor getröstet wurde, hörte Ich, wie zwei eben vorübergehende Geschworene sagten: »Das wird heute Nacht ein Geserres sein!' Solche Höhnung von Richtern aus dem Volke musste ich auch für mich befürchten. Ick berufe mich auf die Rede des Chefs der Staatsanwaltschaft in dem Ehrenbeleidit,nngS- Prozesse des Magistratsrathes WopalenSky, in welcher der Staats-׳ anwalt bemerkte, dass er oft Beleidigten abrathen müsse, den Weg zum Schwurgerichte, den sie fürchten, zu verlassen, dass aber gewiss ein hoher Grad von Selbstverleugnung dazu gehöre, sich durch eine Klage vor den Geschworenen noch einen Nachgnss von Beleidigungen zuziehen zu lassen.' — Nach halbstündiger Berathung verkündete der Vorsitzende daS Urtheil, mit welchem beide Angeklagten des Verbrechens des Zweikampfes schuldig erkannt und Beide zu einfachem Kerker, Fischer in der Dauer von sechs Wochen, verschärft mit zwei Tagen Einzelhaft, und Wolf in der Dauer eines Monats, Beide überdies zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurtheitt wurden. Misek- 25. Dez. (Verurtheilter Tempelräuber.) Bei der vorgestern beim hiesigen Kreisgerichte stattgefundene» Schlnssver-- Handlung gegen den des Strakonitzer Tempelraubes und Einbruches, sowie der Tempelschändung angeklagten achtzehnjährigen Schustergesellen Stetka wurde derselbe zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurtheilt. Derselbe erklärte, die Strafe nicht anzunehmen, weil nach ־feiner Ansicht die israelitische Religion keine Religion und seine rohe, vandalische Thar nicht strafbar sei. Die silbernen Thorabekleidnngen. die als eorpora dilicti auf dem Gerichtstische lagen und dem Burschen bei seiner Verhaftung in Bndweis abgenommen worden waren, find verbogen, zerhackt und für immer unbrauchbar. Die Tempeluhr hat der junge Mensch ins Wasser geworfen, in Bezug auf die am Boden liegenden Thoras gab er an, dass sie selbst zerrissen, als er sie aus der Bundeslade warf, was bei dem starken Pergament ein Ding der Unmöglichkeit ist. Für die Strakonitzer israelitische Cultusgemeinde waren der Präses Herr Josef Zucker nnd der Obercantor Herr Emil Fränkel als Zeugen anwesend, Herr Zucker behufs Schätzung der verschiedenen Schäden, Herr Fränkel behufs Erklärung der Wichtigkeit der zum Gottesdienste gehörendcn Gegen« stände und Paramente. Ilng.-Kradisch. Unter zahlreicher Betheillgung der Wähler und am J5. v. Min unserem jungen, lebenskräftigen nur den -Namen einer Cultusgemeinde entbehrenden, aber mit den vorzüglichsten Institutionen versehenen Cnltusvereine die ordentliche Generalver- -sammlung und die Neuwahl der Vereinsleitung statt. Zum Vorsteher wurde gewählt der hochachtbare, energisch׳, das Wohl des Vereines fürstrebende Herr Emanuel Fürst, Malzfabrikant hier, der bereits se it S Jahren unser Gemeinwesen leitet, und als Beisitzer 8 süchtige, das Interesse des Judenthums stets hochhaltende und das Vereinswesen fördernde Männer. — Am 22. d. M. würde in unserer hohenortlich concessionirten Vereinsschule in Gegenwart des Gesammtvorftandes mnd eines recht zahlreichen distinguirten Publikums eine Prüfung in den Neligionsgegenständen abgehalten, welche uns den Beweis lieferte, wie gewissenhaft der Cantor und Neligionslehrer, Herr I. Schulhof, -die Erziehung und den Unterricht der ihm anvertrauten Schuljugend leitete, denn die Erfolge, welche derselbe während feiner kurzen Wirksamkeit hier mit seinen Schülern erzielte, fanden allgemeine Anerkennung und Zufriedenheit. Wahrhaft erhebend und feierlich war auch die darauf folgende Chanukafeier. Nach einem von dem Religionslehrer schwung« voll gehaltenen Vortrag über die Geschichte des Chauukafesies, der in einer zeitgemäßen Ermahnung an die Schüler ausklaug, wurden die -Chanukalichter von einem Schüler angezündet und von demselben auch die darauf bezüglichen Benedeinngen gesprochen. Hierauf wurde von der Schuljugend ein Chanukalied ans dem Gesangswerkc von M. Tintner in exakter Weise vorgetragen. Zum Schlüsse wurden 10 arme Kinder mit Winterkleidern, die andern Schulkinder jedes mit einem sinnigen Geschenke und Backwerk betheilt. Mit dem Arrangement dieses Festes und dem oberwähnten Humanitätsakte haben sich die Damen Frau Moritz Schön, und Fran Heinrich Gansel besondere Verdienste erworben und wird Ihnen an dieser Stelle der wärmste Dank ausgesprochen. — Zu erwähnen ist noch, dass unser ehrw. Herr Rabbiner, der schon seit einiger Zeit bettlägerig ist, zu unserem größten Leidwesen diesem Akte nicht beiwohnen konnte. S. Mokna. In unserer Nachbargemeinde Jglau besteht in der israelitiicheu Cultusgemeinde ein Tempel-Gesangsvereiu, über dessen Leistungen allgemeine Anerkennung und ungelheiltes Lob herrscht. Besonders in letzter Zeit gewann der Verein in der Person des Herrn Rudolf Stern einen neuen Chormeister; derselbe ist ein ganz junger Mann, der eine gründliche musikalische Bildung besitzt und seinem Amte nach jeder Richtung hin vollkommen gewachsen ist. Sein Streben ist darauf gerichtet, die Leistungen des Chores auf jene Stufe der Vollendung zu bringen, wie sie die Weihe des Gottesdienstes erfordert. Möge es dem Vereine nnd dem wackeren Chormeister vergönnt sein, sich auch ferner der allgemeinen Sympalhie zu erfreuen! Hierein, 18. December. (Ein anrisemilischer Staatsanwalt.) Aufsehen erregt eine antisemitische Rede, welche Staatsanwalt Kobligk in Breslau gelegentlich einer Verhandlung gegen einen wegen Betruges angeklagten Kaufmann Ehrenfried gehalten halte. Der Staatsanwalt versuchte einen besonderen Typus ״jüdischer Betrüger" zu construireu und stellte die Behauptung auf. Lass in Verhandlungen gegen ,.jüdische Betrüger" fünfzig Percent Freisprechungen erfolgen. Der Vorsitzende des Gerichtshofes äußerte nichts über diese Bemerkungen. Der Vertheidiger dagegen drückte sein Erstaunen ans, dass im Gerichtssaale Aeußerungeu sielen, welche in antisemitische Volksversammlungen gehörten. Der Gerichtshof sprach Len Angeklagten frei. Mehrere liberale Blätter fordern eine Zurechtweisung des Staatsanwalts Lurch den Justizminister. Die ״National-Zeitung" schreibt: Wenn jener Bericht correct sei, habe der Staatsanwalt seine amtliche Lrtellung zu Aeußerungeu mißbraucht, welche, für die Beurtheilung eines speciellen Streitfalles gleichgiltig. einen Theil der Bevölkerung schw er verletzen konnten. Ein derartiges Auftreten sei nicht zu dulden. Merkin. Der kaiserliche Gnadenact, mit welchem dem Nedacteur der in Berlin erscheinenden antisemitischen Staatsbürger-Zeitung. Dr.Bachler, eine vom Gericht wegen Beleidigung des social-demokratischen Reichstags-Abgeordueten Paul Singer zuerkannte und bereits im August dieses Jahres erlegte Geldstrafe von 400 Mark nachgelassen wurde, hat ein gewisses Aufsehen erregt, da der Verurtheilte um den Straf- Nachlass nicht eingekommen und überhaupt kein Schritt g'than worden ist, den Gnadenact herbeizuführen. Dr. Bachler ist bei den letzten Stadtverordnetenwahlen, weiche bekanntlich den Social-Demokraten günstig waren, der Gegen-Candidat Virchow's gewesen. Wenn auch diese für den genannten Pnblicisten selbst eingestandenermaßen ,ganz unerwartete Weihnachtsfreude" eine unmittelbare praktische Bedeutung nicht mehr hat, da das eingezogene Geld nicht wieder znrückerstattet werden kann, so behälr der Gnadenact darum doch seine Bedeutung. Maris. Am 18. December starb in Paris Obercantor Ketten, welcher — seit 1858 in Paris im israelitischen Tempel der Straße Noire-Dame de Nazareth wirkend — ein Alter von 75 Jahren erreicht hat. Obercantor Ketten, ein Oesterreicher, war der Vater des seinerzeit zur Berühmtheit gelangten Pianisten Henri Ketten. Dieser ein Lieblings« schüler Liszt's, starb bald, nachdem er sich in der musikalischen Welt einen Namen gemacht hatte, in Paris. In Wien hat Henri Ketten während des Ausstellungsjahres 1873 mehrere Concerto aus Pteiel'schen Flügeln in der Rotunde veranstaltet. — Einen ausführlichen Bericht über das Leben Obercantor Kettens haben wir für nächstens in Aussicht. Auflösung des Fachräthsels in Nr. 30 חזן. Die richtige Lösung haben eingesendet: Blau, Horn; Klein. Djakovar; Löivinger, Gänserndorf; Müller, Wien; Rosenfeld, Pisek; Nicbtmann, Ruma.__ Nach Schluss des Blattes. Obercantor Leon Kartschmaross in Groß-Kanizsa feiert am 11. Jänner 1890 פרשת ש1£ת sein füilsuildzwanzigjähriHes Amtsjnbilänm.