Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 31 (25.9.1888)
- Date
- 1888-09-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Sie sind ein alter, eigensinniger Pedant!" ״So enden jedesmal unsere Gespräche", versetzte Benda unmutig. ״Sie dulden keinen Widerspruch". Nun beide Männer schwiegen, sagte der junge Möser bescheidm: _ ' ' ״<L>ie erwähnten eben den Herrn Fasch, Herr Kapellmeister. Ich war vor einigen Tagen bei ihm, wo, er mit dem Ordnen sämmtlicher Werke der königlichen Bibliothek beschäftigt war. Unter anderem zeigte er mir auch sechs Sonaten für. eine Violine.vom alten Bach. Aber unpraktischer, unspielbarer und ungenießbarer ist wohl nie für die Violine geschrieben. Der ,alte Herr hätte besser gethan — Fugen zu schreiben". - Beide Herren hatten bei ihrem Streit nicht bemerkt, dass׳ der alte Musikant näher getreten war, um einzusammeln. Das'Gespräch schien ihn zu interessieren er — horchte. Auch den Ausspruch des jungen Moser hatte er gehört. Einen gewaltigen Eindruck musste derselbe auf ihn machen, er war bleich vor Zorn geworden, die Augen glühten, seine gebeugte Gestalt erhob sich. Schnell war das Notenblatt in die Seitentasche, verschwunden, und mit bebender Stimme versetzte er: - - ״Ich hör-. Sie sind Fachmänner. Wie ist es möglich, dass Sie solche Redensarten eines dummen Jungen ruhig mit änhören können!" Verwundert sah Reichhardt den Sprecher an. Der ängstliche Benda jedoch hielt den jungen Möser zurück,׳ der aufgesprungen war, d®:• sin.׳.:fernerkecken ׳ 'Weise!'d«n׳. alten Musikanten eine derbe Entgegnung ins Gesicht zu schleudern. Dennoch war das Wort ״elender Musikant" schon aus seinem Munde. ‘ ‘ ־ . »Nul scandal — silence mon eher Charles!« versetzte Benda. »Cet homrae est enivre ou alien6.« . sVous avez peut-etre raison,« gab der alte Musikant schlagfertig zurück,, ״aber ich bin auch einer, der sein Metiev kennt. Wahrhaftig!" fuhr er fort. ״Eine köstliche Zeit, wo jeder glaubt, etwas Großes zu sein, wenn er ein bischen Klavier hämmert und die Geige kratzen׳ kann. - Sie scheinen derselben Meinung' über einen großen Mann zu sein, wie dieser Bursche da. Sie werden über den verhöhnten Meister und mich bald anderer Meinung sein. Warten Sie einen Augenblick!" Mit raschen Schritten gieng er nach dem Tische seiner Köllegen und griff nach der Violine und dem Bogen des jungen Sußmann, indem er sagte: . _ ״Geben Sie mir Ihre Violine. Sie ist gut und sauber bezo- -gw, mein Kasten taugt nichts!" ~ ״Um Gottcswillen!. Bleiben Sie ruhig, Herr Friedemann!" sagte ängstlich sein Kollege.' ״Was wollen Sie machen?". ■ ׳ ״Ich will Ihre Violine. Können Sie nicht verstehen?" rief dieser au׳', ergriff Violine und Bogen des ersten Geigers und "eilte' zu den beiden Herren wieder hin, indem er leise flüsterte: ״Ihr Gedächtnis!־ ״ '5 ’4BP * י Jktzt stand er vor dm beiden Männern und legte die Violine 1! •i'fit י־-*נ an die Schulter. - 7 7 7! Das Publikum war aufmerksam geworden, es sah neugierig . ־;1! זי1. ' nach dem alten Musikanten und den beiden Herre! l/-?7?77?■/'?'■/' Kfl י ־ ׳- י-,.: ^►4-^- rv VVa k? Benda senkte verlegen d n Kopf, Reichhardt? 06 er sich entfernen oder sitzen bleiben solle, doch war!unschlüssig, der kecke Möser? 'sagte lachend: 4Lasten?׳-Sie doch /den׳ Münu kratze^ i Äas - kümmert■ s Kaum hatte er einige Takte gespielt, und schon sahen beide- Herren und - bjpr junge Möser mit Verwunderung' und-Erstuünem nach dem Spieler. Das war ein edles Spiel, eine meisterhafte-Bo- Eine kleine Pause, sich zu besinnen, hatte der alte Mann׳ gemacht, dann begann er mit' sicherem und reinem Tön das Grave, der Mnoll-Sonate. ■ •! -" - -5 7'5- •.׳~ ׳׳-׳' ׳ '■■ -- ■-v7-■45• ׳י,!" ■-' 4' ־-'::7,.■:7ז־. Nach, der Cantilene rollten die Zweiunddreißigstelfiguren wie׳- Perlen unter seinen. Fingern. Jetzt kam das Allegro, die sehr schwere- Füge.- Aber fest und sicher überwand er alle Schwierigkeiten; doch kaum bis zur Mitte des Allegro gekommen, riß er plötzlich über alle Saiten und schloß mit-einem schneidenden verminderten Septimenakkord. — 4 ־. :׳ ׳:-■ ' Die Violine absetzend,. sagte er trocken: ״Es ist genügend!7 Ich glaube Ihnen gezeigt zu Haben, dass diese Sonate sehr schön und׳ auch spielbar ist". Bitter lachend fügte er hinzu: ״Was hatte cs für einen Zweck? Ich habe wieder eine Dummheit begangen. Leider besteht mein ganzes Leben aus lauter Dummheiten". . Noch stand das Publikum lautlos da und die drei Musiker blickten erstaunt auf den alten Musikanten..! Der feurige. Reichhardt nahm zuerst das Wort und sagte :-. Wer sind Sie? Ein Phantom, oder ein gefallener Engel? Wie wäre es sonst möglich, dass Sie auf diese Weise ■Ihr Brot verdienen-müßten!" Die-künstlerische Begeisterung war von dem alten Manne gewichen, nur das Hönische. Lächeln war geblieben. Er neigte sich zu. Reichhardt hin und versetzte halblaut : ״Früher hieß ich Friedemann Bach, jetzt nennen mich die Musikanten ״den tollen Friedel". Er nahm die Violine unter den Arm, zog das Notenblatt wieder-aus der Tasche und hielt es den beiden Herren hin, indem, er.sagte: ״Fast..hätte ich's vergessen! Meine Kollegen dürfen durch, meine Narrheiten keinen Schaden leiden". Reichhardt und Benda legten mehrere Silbermünzen auf das- Notenblatt. . Ausnahmsweise gieng Friedemann auch nach dem Sammeln wieder zur' Schenke, um — ein großes Glas Schnaps mit einem. Zuge zu leeren, — Als' nach, einiger Zeit die drei jungen Musiker abermals gekommen waren, um zu musizieren, erschien der vierte Mann nicht. Friedemann Bach, der Sohn des großen Sebastian- 'war indessen gestorben.' .! 7 " - ,7 -־ ־־;•-;!׳: Kleine Ehronik. Wien. Aus Anlass .des vierzigjährigen Negierungs-Jubiläums- Sr. Majestät unseres Kaisers beschloss der Gemeinde-Ausschuss der isr. Cultusgemeinde Währing in seiner am 28. August a. c. statt- .gl habten Sitzung einen neuen Tempel zu bauen und dessen'Grundsteinlegung noch' im׳ heurigen Herbste vorzunehmen. Demgemäß wurden zu diesem Zwecke ein entsprechender Baugrund angekaüft und der Betrag von '60,000 fl in's Jahresbudget eingestellt. - Wien. Tie Antisemiten höben dieser Tage von,hoher Stelle'׳ eine wolverdiente Zurechtweisung und Abfertigung erhalten. Samstag den 22.. d, M. 1 überreichten die antisemitischen Abgeordne'.eu. Vergani und -Genossen im niederösterreichischen'Landtage eine Interpellation an den Statthalter, in welcher in sehr ausführlicher Weise auf die angeblichen׳ Uebergriffe der politischen Behörden im Zwettler Wahlbezirke und seitens der Polizeiorgane? un Wien' ׳anläßlich der am!19. August erfolgten.Reise des 'Herrn Schönerer zum. Strafantritte4Nach Wien hingewiesen ivi'rd. - Der Stätthalter Baron -Possinger erhob .sich? sofort׳ zu seiner Erwidetung, -der wir Folgendes - entnehmen: Das Einschreiten der politischen Behörden? wie der! Sich^rhestsbehörden^4n?We1r7war7deMiesem;Alfloffe?nnverMeidlich,. Mil?Man-?7We ja 7den Herren! JlMpellaNten,7 -von? welchen Eilier den!betreffenden Aufruf! ״an die Gesinnuiigsgenösseii der! Deutschen Ostmark zum. recht, zahlreichen Erscheinen in Wien am 19. August" erlassen hat, bekannt sein dürfte, es versucht hat, die Verherrlichung! einer, wegen eines- Verbrechens dem strafenden Arme .der Gerechtigteih'verfallenen Persönlichkeit'mittelst MrüMldernmtstratiön׳ in? Szene! zu setzen. Und solchen! Exzessen gegenüber kann sich überhaupt keine . staatliche ׳ Gewalt ^leichgiltig verhalten (Zustimmung); am allerwenigsten können solche Exzesse in unserem Staate geduldet werden^