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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-09-04 · Heft 29 (4.9.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 29 (4.9.1888)
Date
1888-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Meinungsverschiedenheit gereift hat, die sich in zwei Versionen, zwei diametralen Gegensätzen ausdrückt. Nicht den Streit selbst,'der so alt ist wie der Traditionsgesaug, wohl aber die Quintessenz dessen, was diesen Wettstreit hervorgerufen, wollen wir hier kürzgedrängt reassumiren. Nach einer Version ist der Traditionsgesang ein Nachhall unserer entschwundenen Zionsweisen, vom Judenthume mit in die Diaspora herübergerettet. In Ermangelung musiktechnischer Schriftzeichen, durch fahrende Sänger (Menagnim) im zerstreut wohnen- Len Judenthum weiter verbrettet, somit mangelhaft tradirt, hat er seine Originalität einbüßend, verschiedene Formen, und je nach der Verschiedenheit der Länder, Sprachen und Volksweisen, sein eigenes Gepräge angenommen. Motiv und Skala — dieser Hauptmerkmale! jedes Volksgesanges, hat ihm selbst seine unstete Weltwanderung nichl zu entäußern vermocht; und auch dem musikunkundigen Ohre Mt der Einklang und Schwerpunkt dieser antiken Klänge als besondere Tongattung auf. Nach der zweiten Version ist das Vorhattdensein des Traditionsgesanges eine bedingte Coexistenz, herüorgerufen durch die breite Fluth unserer Piutim in der Rangordnung von Pismonim, Ahavos, Reschijos, Silükim, Sulos, Jozros Tefilos und Selichos, mit welchen er in eine Entstehungsperiyde fällt, somit nichts anderes als eine triviale Melodiensammlung, in verschiedenen Landern und Zeitläuften angehäuft, von verschiedenen Verfassern -und höchst wahrscheinlich von. jenen der Piutim selbst in der Doppelstellung von Paitanim und Chasanim componirt, und beliebten Volksweisen nachempfunden. Sein Stamm und Entwicklungsgang ist nur theilweise aus classisch-occidentalem, zumeist aber aus euro- Mischern Boden, und zwar im Osten und Westen zu suchen. Zudem ist der Grundzug seines Gesammtbaues, in Scalenfluss und Melo- Lienschwung ein Pendant der neueren DülMheorie, reich an exclüsiM? jüdischer Verschnörkelung, aber nichtsdestoweniger für diejenigen erkennbar, welche den Kern aus dem Spreu zu sondern verstehen. Bei'dem gänzlichen Mangel eines Grundrisses׳ der jüdischen Musikgeschichte müssen wir uns jedes Urtheiles über die Richtigkeit und Verlässlichkeit dieser gegensätzlichen Versionen entschlagen. Dem Zudenthume, welchem der Traditionsgesang als heiliges Vermächtnis gilt, werden die tendenziösen Leitmotive selbst der herbsten Kritik ebenso wenig etwas anhaben können, wie die Noth und Pein des sturm- und drangvollen Mittelalters es in seiner glaubensstarken Ueberzeugung zu erschüttern vermochte. Mm an Alter und geheimnisvoller Abkunft nur wenig nachstehend ist der slavo-orientalische (polnische) Typus. Wie eine fremdartige Erscheinung kam er wundergleich herangeschyeit, liebensrverch, schmiegsam, breitspurig, ronreich und sansttönend, und dennoch voller Ecken und Schrullen. Wer ist dieser begehrenswerthe und bestgehasste Eindringling? Wo stand seine Wiege? Wie kam er zu seinem Weltbürgerthum, zu seiner internationalen Bedeutung, zu sttner, allgewaltigen Herrschaft im Reiche der All-und Festtagsgebete eines Esra und Consorten? Auch ihm ist es, gleich allen Schöpfungen, welche Menschenwitz zu Menschenzwecken ersonnen, beschieden, ein Gegenstand der Anpreisung und Anfeindung zu sein, an dem Freund und Widerpart ihre Geisteswaffen erproben. Viel Tinte und Galle ist seinethalben verschrieen worden, doch Alles, was für und gegen seine Originalität gesagt wurde, ist nichts als Vermuthung und Fabel. Mit breiter Behaglichkeit und verblüffender Wechselwirkung des Tonmateriales hat er sich das Geltungsgebiet der Jiscktabach־, Ahawo-rabbo-, Nekadesch-, Mi-scbeberacb-j Aw410rad1amim-, Tikanto-schabbos- und Attoniglesso-<5tei(jer erkiesen, von dem er, zumal mtt den Gewohnheiten des Volkes und dem Sangesbrauch der Synagoge auf das Engste verflochten, durch den Sturmlauf des modernen Synagogengesanges, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu verdrängen sein wird. Wollte .man - der Annahme Berechtigung zuerkennen, welche dem Judenthume alles Originelle mißgönnt, so wäre dieser Typus ein Abklatsch diverser Volksweisen, ein Zerrbild morgenländischer, slavifcher und mauro-spanischer Gesänge: ruhelose Energie, zartschmachtendes Tongeflirr, schnörkelreiche Cadenzen, himmelstürmendes, Hinsterbeudes Durcheinander und auch die schwermüthigen Molltöne dieses hin- und herschwaukende Umhersuchen, ohne sichtbaren. Vordergrund, ohne ziel- und satzsicheren Ausklang, unharmonisch und harmoniearm, ist. für den polnischen Chasan und seine Bewun- Meiner eine - meertiefe Bildfläche, ein unabsehbares Feld der freien: ׳.Phantasie, zum Melodiemachen und Extemporiren wie geschaffen. Mag sein. Aber ebenso berechtigt ist die Annahme, dass dieser Typus ein ausschließlich jüdisches Product sei, wenn auch den An-: klängen dieser oder jener Volksweise abgelauscht, wie dies auch an den Originalweisen zahlreicher Nationen mit Leichtigkeit. nachzuweisen ist. Entschieden falsch ist die Weintraub'sche Steigerkennzeichnung - mit d; (dorisch), e (phrygisch), f (lydisch), g ^(mixolydisch) 1ml c (ionjsch), welche der diatonischen Our-Tonleiter des fünfzehnten und stebzchnten Jahrhunderts und lediglich den zur selben. Zeit üblichen Kirchentonärten entspricht. Können wir auch nicht, mangels zuverlässiger Anhaltspunkte, den Phasen unserer Tonarten auf Schritt und Tritt folgen, so ist schon der Hinweis aus die vorwiegend dem Moll hinneigenden Tonarten des slavo-orientalischen Gesangtypus vollauf genügend, diese Bezeichnung: als musikalische; Caprice erscheinen zu lassen. Ein psychologisches, Räthsel ist es vollends, wie. dieses söge- -nannte; Poluischsingen einen untrüglichen Maßstab für die Reli-;^ionsansch^uuM ^esEpthodoM./Und.fortschrittlichen. Judenthum abgeben konnte. Während die Oratorien und.Messgesänge eines Händel, Bach, Palestrina, Pirgolese, Beethoven, Schubert -und Mendelsohn in der röm.-kath., anglicanischen, protestantischen und morgenländischen Kirche beider Riten mit freudigem Entzücken angehört, ttotzdem diese Glaubens bekenner in Schisma und Kirchendogmatikein Himmelreich von einander trennt, würde es ein dem Fortschritt huldigendes Betpublikum höchst tactlos, ja einer Blasphemie gleich erachten, wenn es dem Cantor beifiele, einen echt polnischen Vortrag in der modernen Synagoge zu; halten. Dieses Verhältnis in umge- Lhrter Folge würde dort eintreten, wo eine Orthodoxenschaar das Regiment führt.;Und doch.kennt das Judenthum keine Synagoge ohne die Benediction des Schma Isroel, Kodosch uworueh und keine - trennenden Dogmen als jene, welche Talmud und Acharouim zur Wahrung, altjüdischer Bräuche festgesetzt haben. M.-Weißkirchen, 24. August 1888. I. Schwarz. (Fortsetzung folgt.) .Methodik Ser Gesangskunst. XXXVII. . Dass die Sprachbildung an sich unabhängig ist von der Tonbildung, sehen wir sogleich an dem Wesen der Vokale, ihrer Umlaute und Zusammensetzungen (.Diphthonge). Denn auch die Pokale 2c. können stumm, angegeben werden in der heimlichen Stimme, als bloße Geräusche, und sind doch deutlich unterscheidbar. Da sie; aber auch stumm, d. h. lautlos, ohne einen im 'Kehlkopf durch

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