Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 23 (7.7.1888)
- Date
- 1888-07-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dem schweren Verluste, -welcher Ihre Majestät durch das Hinscheiden Allerhöchst Ihres unvergesslichen Gemahls, des Kaisers und Königs Friedrich Majestät betroffen ׳ hat, hiedurch ergebenst auszusprechen." Graf Seckendorfs, Oberhofmeister Ihrer Majestät der Kaiserin und Kömgin. Der Baäi-Tephiüa.1 Von 31מ I. R a b b i n .o witsch. Aus dem Rüffischen von A. Levin-Sagan. (Autorifirte Uebersetzuug.) . (Nachdruck verboten.) (10. Forschung.) . Aus der uiedern Thür/ die sich in der rechten Ecke der Bühne 'befand, kamen inzwischen wie aus der Erde, einzeln die Musikanten mit den Futteralen unter den Armen und füllten allmählig das Orchester. Da ertönt der Triller einer Klarinette oder Flöte, dort lasten sich die Töne der gestimmten Geigen vernehmen; diese Töne werden immer häufiger, anfangs treten sie einzeln, getrennt auf, und macht es denn Eindruck, als äfften sie einander nach, dann aber fangen sie an, stch ein wenig zu verschmelzen und werden immer lauter, leghafter. Jetzt sind sie auf einige Augenblicke verstummt; nur eine einzige Geige, der!sich von Zeit zu Zeit eine Violoncello anschließt, spielt fort, und etwas unsäglich Süßes klingt aus Liesen vereinzelten, melancholischen Tönen, die wie leise Seufzer in allge- Stille wiederhallen. Alle drückenden Gefühle entschwinden, verflüch- Ligen stch; die Seele wird von einer stillen,. wonn athmenden Trauer befallen, zu der sich die süße Erwartung von etwas Erhabenem, grenzenlos Schönem gesellt. Aus der großen, runden Otffnung. in der - Mitte der Decke kommt plötzlich, wie aus den Wolken gefallen, ein riesiger Krönleuchter Hervor und ergießt sein Licht über den ganzen Saal. Die Bewegungen und bas Geräusch werden lebhafter, hastiger, -das Publikum füllt immer mehr das Parterre und die-'Logen; im Drchester ertönen n bunten Durcheinander wieder die Klange, aller Instrumente, denen wir, ich und Reb Awner, gespannt zuhören. Plötzlich ist Alles still, und so verstreichen einige Sekunden, voll eines gewiffen Fiebers und zugleich , feierlicher Erwartung. Da klopft es drei Mal, im Orchester erhebt sich eine weiß behandschnhte Hand und bewegt mäßig ein Stückchen —- einige leise Paukenschläge, dann füllt sich. das Theater jäh mit wunserbaren erhabenen, grandiosen Klängen, die mich erbeben machen, und etwas, wofür ich keine Bezeichnung habe, ergießt sich in mein Inneres. Nicht nur die Haare sondern sogar die Haut scheint sich ׳am Kopfe zu Heben; mir ist, als sei der jüngste Tag gekommen und als höre ich das Stöhnen der gesammten Menschheit. . Reb Awner ergreift krampfhaft meine Hand, und sie mit aller Kraft schüttelnd, stüstert er in fieberhafter Extase: ״Horch, Horch U" . Aergerlich entreiße ich ihm meine Hand und bitte ihn durch Zeichen, zu schweigen und mich im Zuhören nicht zu stören, was er. mit dem Gehorsam eines Kindes auch thut. Doch als nach einigen Sekunden die Klänge sich wiederholten, gerieth ich selber in solche Extase, dass ich nun meinerseits anstng, ihn zu stoßen und zu zupfen, während er ganz versunken war in. diesen unbekannten Genuss, seine Augen sich weit auffperrten, die Stirne sich furchte, der Mund stch krampfhaft zusammenpresste und das. ganze Gesicht einen feierlichen und zugleich leidenden Ausdruck annahm. Die Ouvertüre war zu Ende; der Vorhang gieng in die Höhe. . ' Es versteht stch von selbst, dass wir von. Alldem, was auf der Bühne vorgieng, nichts verstanden. Aber unsere Neugiede wurde auf's Aeußerste erngt beim Anblick der sonderbaren Umgebung, die das weit ausgedehnte Lager darstellte; weiter hinter diesem Lager zogen sich malerische Gebirgsketten, und ein Meerbusen war sichtbar. Noch mehr erregten die Personen unsere Neugierde, die in so eigenartiger Tracht auf der Bühne sich bewegten. Aber bald nahm uns die Musik so sehr gefangen, dass wir alles Aeußere vergaßen und aufhörten, uns dafür zu interessiren. Wir sahen die Oper ״Robert den Teufel" — was, ich erst später erfuhr. Der Chor, mit! dem der erste Act beginnt, ließ uns ziemlich kalt,, da wir die ganze Harmonie mit Einem Mal nicht fassen konnten, und es schien uns sogar, dass das Ochester die Sänger störe. ־ Da trat aber, von ׳Soldaten umgeben/ein schönes Weib in. bäuerischer T acht - auf die Scene. An den ersten Tönen der klang- und metallreichen Stimme erkannten wir in der Sängerin sogleich unsere nie gesehene Unbekannte, die zu hören uns zwei Tage vorher zufällig gelungen war. Lauter Applaus erdröhnte nach ihrem ersten, prächtigen.Recitativ. Ich sah Reb Awner: er hatte sofort einen andern Gesichtsausdruck angenommen, und auf seinen todten gelben Wangen e schienen zwei rothe Flecken. Mit unbeschreiblicher Wol-. 'lust versenkte er sich mit Augen und Ohren — wenn man sich so. ausdrücken darf — in die Sängerin und aus seiner Brust kamen die enthusiastischsten Ausrufe. - . . _ ' ־ ' Nach einigen Recitativen und einem Chore blieb die Sängerin mit Robert auf der Bühne allein. Ein sanftes. Präludium im Orchester, und unter ׳Todtenstille und stark gespannter Aufmerksamkeit begann sie ihre Romancederen Eindruck auf uns ich wiederzu- -geben außer Stande bin. Bei Reb Awnern sch׳enen die Augen Mehrfach vergrößert; ihr Glanz wechselte immer, bald hell, feurig aufleuchtend,, bald, verlöschend und mit feuchten Wolken sich bedeckend, um daun wieder von Neuem zu entflammen in einem gewissen trüben Metallglänz. ' Und so oft ich ihn ansah, glaubte ich wahrzuuehmen, dass er physisch unglaublich litt, sich aber bemühte, dieses Leiden zu bewältigen-. . .' . * - Mit jener Romance beginnend, wuchs unser Enthusiasmus immer mehr. Mir' entlockte das erste Recitativ des Basses, d. h. Bertrams, mit seiner düstern, tragischen Majestät, besondere Bewunderung, und seither-ist er .mir die liebste musikalische Figur gew.or- 'den und ist es selbst dann geblieben,"als ich d e zweite hehre Figur. Meyerbeers kennen 'ernte — Marcell. ־ Ich werde nicht versuchen, die an diesem denkwürdigen Abend empfangenen Eindrücke zu 'schildern, denn es ist unmöglich. Als im dritten Akte, 'inmitten der Ruinen des al'ten Klosters, umgeben von Gräbern, im geheimnißvollew Dunkel der Nacht, der Bass mit mächtiger Stimme die Geisterbeschwörung sang worin ich die ersten Motive der Ouvertüre 'wiedererkannte — war ich so tief erschüttert, dass, meine ganze Umg׳bung um mir schwand und vor meinen umwölkten Blicken das Bild'der Auferstehung sich entwickelte. In diesem Moment grenzte mein Enthusiasmus schon mehr an Raserei!. Um mich wurde Alles - dunkel und meiner. Seele bemächtigte. sich eine unbestimmte, mächtige Leidenschaft; ich klatschte, stampfte, kürzl ich . wusste . selbst nicht, 'was sich mit mir. that; jeder Ton hallte in meinem Innern'wieder wie ein hehrer Ruf; dann das Ballet — nicht der Tanz, nicht dieses unsinnige äbsurte Hopsen, in dem ich nicht nur nichts Schönes sondern selbst nichts. Erträgliches jemals zu erblicken vermochte: nein, nicht von diesem rede ich, sondern von der Musik in diesem Ballet, von diesen׳ Zauberklängen des Violoncellos, die wie ׳ergreifende Seufzer eines Menschen mir ins Herz drangen. Was'empfand ich bei diesen Tönen! Und erst Reb Awner!. . Doch dies Alles kann man nur empfinden . .׳. So vergieng für uns die erste Oper . .. - ' - VII . - Krampfhaft presste sich mein Herz zusammen, als der Vor- Hang zum letzten Mal siel und -das Publikum auseinanderzugeben begann. Reb Awner hieß mich nochdableibenin der Hoffnung, bafä der Vorhang noch einmal in die Höhe gehen werde, und mit dem Ausdruck einer gewissen ergreifenden. Trauer richtete er seine, in einem krampfhaften Feuer brennenden Augen in der Richtung dev Bühne, und erst als. er sah, dass man die Lampen' cmszulöscheu anfing, eutschloss er sich, von seinem Platze aufzustehcn. Langsam und zögernd stiegen wir d!e Treppe hinunter. Reb Awner hielt jeden Augenblick-an, als fiele ihm gerade etwas ein. Während des ganzen'׳ Wegesnach Hause — und er war lang — giengen wir schweigend, vertieft in׳ die innere Betrachtung ׳der neuen Welt,, die sich vor uns aufgethan hat. Mein Kopf war übervoll der göttlichen Musik, der ich mit gespanntester Aufmerksamkeit-gelauscht; die Oper wiederholte sich vor meinem geistigen Auge^ Jndeßdies Alles erschien mir als ein eigenartiges, grenzenloses