Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 20 (13.6.1888)
- Date
- 1888-06-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— S — Muhe sehr intereffirte und mich Lat, Jemanden unter den Passanten zu fragen, ob das wirklich das Theater sei. Zum Unglück gingen hier ' nur vornehme Herrschaften vorbei, an die ich nicht heranzutreten wagte. Endlich sah ich von Weitem einen Juden, der eilig über den Platz dahinfchritt und an diesen richtete ich meine Frage. ״Ei, Du Rotznase! Musst Du das auch wissen?!" antwortete er, und mich geringschätzig anblickend, schritt er weiter. Immer mehr vor Neugierde brennend, ermannte sich Reb Awner und trat an einen reich gekleideten Herrn von sehr sympathischem Aeußern heran: — ״Ist das das Theater, Pan?" frug er, die Mütze abnehmend. Der Herr zog auch seinerseits den Hut. und erwiderte etwas in höflichem Ton, aber in einer Sprache, die uns noch weniger verständlich war, als die russische; und nachdem er uns so aufgeklärt hatte, trat der Herr eben in dieses Gebäude. Wir blickten durch die große Glasthüre, hinter welcher er verschwunden, und sahen, einen großen, Halbdunkeln Corridor, ebenfalls ganz mit Affichen beklebt. Wahruehmend, dass dort Viele aus und ein gingen, wurden wir dreister und traten gleichfalls ein. Nachdem wir den recht langen Corridor durchsctritten, befanden wir uns an einer breiten, angelweit geöffneten Thüre, durch die wir in einen großen Raum hineinblickten. Allein dort herrschte eine so dichte Finsternis, dass wir unmöglich etwas erkennen konnten. Nicht wagend weiter zu gehen, blieben wir hier unentschlossen stehen, da wir auch unseren Platz nicht verlassen mochten, der imn!er mehr unsere Neugierde erregte. So verharrten wir etwa drei Minuten in der Dunkelheit, wobei wir kaum einander sehen konnten. Plötzlich drangen zu uns aus dieser Dunkelheit wunderbare Klänge einer kräftigen Frauenstimme, die stch immer mehr verstärkte und mit einem gewissen zanberhasten Schmelz über das ganze Gebäude ergoß. ״Horch, horch l" rief Reb Awner, mich krampfhaft zupfend und bei der Hand fassend. Wir hielten den Athem an und strengten auf's äußerste das Gehör an. Die Stimme tönte fort und schloß mit einem anhaltenden Triller, der allmälig abnahm und dann, wie in eine überirdische Ferne,' entschwand. Darauf vernahmen wir Flüstern und Unterhaltung einige Sekunden lang, dann wieder dieselbe Stimme, dieselben Töne, denselben Finale-Triller. Und als dieser Triller in der Tiefe der Finsternis sich verlor, ließen sich eilfertige Tritte vernehmen, die pch uns immer mehr näherten. Es zeigte sich ein schmaler Lichtstreifen und wir konnten eine endlose Reihe von Stühlen bemerken^ Die Tritte näherten stch immer mehr, und in der Befürchtung, entdeckt zu werden, eilten wir an die Thüre und hinaus auf die Straße. ״Was sagst Du dazu?" rief Reb Awner, sich mit der Hand an den Kopf fassend und ihn erstaunt schüttelnd. ״Das ist eine Stimme! Das nenn' ich Gesang! Sterben kann man bei einen! solchen Gesang. Gott, Gott! Was giebt es doch für Dinge auf der Welt!״ Und in großer Erregung schritt er weiter. Inzwischen brach schon der Abend herein und wir traten in die nächste Synagoge ein, um das Abendgebet zu verrichten. Nachdem dies geschehen, traten wir den Heimweg an, da Reb Awner, geschwächt durch das Fasten, sich kaum auf den Füßen halten konnte. Um stch wenigstens etwas zu stärken, kehrte er in einer finsteren Schänke ein, trank ein Gläschen Schnaps und aß ein ״Beigel", nachdem er das hinter dem Schenktifch stehende jüdische Mädchen eindringlich gefragt hatte, ob das Gebäck wirklich ״auf Eier" sei und ob man es ״ungewaschen" genießen dürfe So gestärkt, sprach Neb Awner wiederum mit einer gewissen' nervösen Begeisterung von dem eben vernommenen Gesänge: ״Gott, Gott! Was für Töne, was für Klänge!" rief er, immer sich mit der Rechten an der Stirne fassend. ״Wenn sie Deine Custi- Hedavy, oder wie das Ding sonst heißt, gesungen hätte — ichglaube, ich wäre auf der Stelle gestorben. Was gäbe ich nicht darum, um das Stück von ihr zu hören! Wohl ist es eine große Sünde, die Stimme eines Weibes zn hören; aber mag dort, ans jener Welt, daraus werden, was da wolle, wenn ich diese Stimme nur noch einmal hören kann! Ich höre sie noch immer, als thäte sie noch jetzt singen . . Daun wurde er still, nachdenklich und sprach kein Wort mehr. Co gelangten wir zu unserem Viertel. Dort trennten wir uns. Er ging zum Gabbaj zum Abendessen, ich — nach Hause. An! folgenden Morgen, als ich nach der ״Stüpper-Schul" (״Stüp-. per" werden in N. diejenigen genannt, welche Lasten auf kleine Handwägelchen befördern) kam , traf ich Reb Awnern in tiefem Nachdenken auf und ab gehen. Er sah mich mit einer gewissen Melancholie an, und wie ungern ging er an die Repetition, , allein später wurde er er wärmer und alles ging schnell vorwärts, so dass wir nach drei Stunden einen beträchtlichen Theil des Re- 7 pertoirs hinter uns hatten. Unter Anderem gefiel mir eine Piece ganz besonders, und ich frug Reb Awnern nach dem Componisten. Er wurde verlegen und gestand mir dann erröthend und unentschlossen, dass es seine eigene Composttion sei, die er vor etwa zwei Jahren, als er sehr krank war, gemacht, er habe es aber bisher nicht gewagt, sie zu singen. ״Ich hatte sie schon ganz vergessen," schloß er sein Bekenntnis. ״Aber heule Nacht, als ich so schlecht schlief, fiel sie mir, ich weiß selbst nicht mehr warum, plötzlich ein, und da habe ich sie ein wenig umgearbeitet." (Fortsetzung folgt). Litteratur. Wolkslhümliche Geschichte der Äuden in drei Bänden von Dr. H. Grätz, Professor an der Universität in Breslau. (Ladenpreis Mk. 7*70). Der erste Band dieses Werkes, behandelnd die Geschichte des jüdischen Volkes von dessen Entstehung bis zur zweiten Zerstörung Jerusalems unter Kaiser Vespasian, ist bereits im Verlage von Oskar Leiner in Leipzig erschienen und repräsentirt sich als ein Geschichtswerk allerersten Ranges. Classicität des Ausdruckes, Gründlichkeit der Quellenstudien und Klarheit der Darstellung sind die Eigenschaften, die sämmtlichen Geschichtswerken. Meister Grätz' zukommen und die auch seine jüngste Arbeit in hervorragendem Maße zieren. Der Zweck, den Professor Grätz mit der Herausgabe der ״volksthümlichen Geschichte" verfolgt, ist der,., ein kurzgefasstes, auch Laien zugängliches, die jüdische Gesammtgeschichte umfassendes Werk zu liefern, da das große, elfbändige Geschichtswerk für solche Leser zu weitläufig behandelt ist. Die Arbeit ist dem Verfasser, wie er im Vorworte selbst gesteht, nicht leicht geworden, weil er, ohne von den wichtigen historischen Thatsachen, von ihrer Verknüpfung und Beleuchtung etwas wegzulassen, diese in einen engen Rahmen einspannen musste; aber mit gewöhnter Meisterschaft sind alle diese Hinderniße hinweggeräumt worden, und wir sehen hier ein Geschichtsbild entwickelt, das, je länger wir uns mii demselben beschäftigen, ein immer größeres Interesse in uns wachrnft. Auch der Verleger hat, trotz des mäßigen Preises, in der Ausstattung des Werkes Vortreffliches geleistet, und wir können darum dasselbe allen unseren Lesern auf's Wärmste empfehlen. Eine eingehendere Besprechung einzelner, besonders gelungener Capitel behalten wir uns für ein andermal vor. Aus der Zeit der Kaiserin Maria Meresta von G. Wolf. (Verlag von Alfred Hölder, k. k. Hof- und Universitäts- Buchhändler, Wien. Preis fl. 1.20.) Der Name der großen Kaiserin ist in der letzten Zeit häufiger denn je genannt worden, und der Verfasser hat ein zeitgemäßes Werk geliefert, indem er, wenn auch nicht ein zusammenhängendes Geschichtsbild — so doch einzelne Momente aus Leben und Wirken der Kaiserin Maria Theresia uns vorführt, die bisher der Oeffentlichkeit vorenthalten waren. Ein besonderes Interesse werden unsere Leser dem Capitel VH (Verhältniße der Juden) entgegenbringen. Kaeschkot. Das zweite Heft dieser allgemeinen Encyclopädie von Dr. H. G o l d m a n n, Warschau, ist soeben erschienen und umfasst die Worte Abraham —- Ewen. Allen Freunden der hebrätschen Litteratur ist dieses Merkchen bestens zu empfehlen. — Sefer bereschis lefi olelim. Erstes Buch Moses für die isr. Jugend, bearbeitet von H. Goldstein, em. Lehrer in Gleiwitz. In Ermangelung einer Central-Behörde, die vorliegendes Schulbuch, wie sonst üblich, den betreffenden Herren Lehrern und Hochw. Herren Rabbinern zur Einführung empfehlen könnte, sind!vir in der Lage, die günstigen Urtheite, die dem in 3 Theilen vollständig erschienenen Spach- und Religkons-Schulbuche gelten, und nur dem geübten