Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 17 (20.5.1888)
- Date
- 1888-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichiseh - ungarische Cantoren - Zeitun MSrmmerationspreis Für Drreinsmitglirder. , Ganzjährig fl. 5.— Halbjährig fl. 2.50 Wikrtrljährig fl. 1.25 Für SNchtn «glleder Ganzjährig fl. k.— Halbjährig fl. 3.— vierteljährig fl. 1.50 - Für da- Ausland Shrig fl. Mark oder 5 Rubel. Organ De üntereffen Wscher Kantoren M ^-ultnsbegmten. Erscheint jeden achten Gag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Htedaction und Administration Wien. II., Novaragaffe Nr. 27- Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retour« irr. r. 17. &£/ /V * . ^rr־L. I Wien, 20. Mai 1888. 8. Jahrgang. Gi« Beitrag jur Klärung der Frage über die traditionellen Tonarten. Bekanntlich hat die Broschüre Obercantor Singers in Wien, ״die Tonarten der traditionellen Synagogengesanges 2c." seinerzeit vihl Staub aufgewirbelt und wegen der Neuheit des Themas, wie Kr Seltsamkeit der darüber׳ MwiÄekM^1M-׳M׳׳Hishe^Mdläufig^׳tzS-' wesenen Ansichten abweichenden Ideen einen wahren Sturm von verschiedenen Beurtheilungen und entgegengesetzten Meinungen unter den Collegen aller Grade hervorgerufen. Seit jener so anregenden, unser volles Interesse in Anspruch nehmenden und unsere ganze Aufmerksamkeit wächhaltenden Zeit sind viele. Tage verflossen, und an Stelle der früheren, hoffnungerweckenden Rührigkeit und Arbeitsfreudigkeit ist jetzt eine tiefe Stille und abschreckende Mattigkeit wieder eingetreten. Die muthigen Kämpfer haben plötzlich in voller Rüstung und bei noch unentschiedenem Siege den Kampfplatz verlassen, und völlige Nachtruhe herrscht nun in beiden Lagern. Schon fangen an — wie das Dunkel die Unholde der Nacht ans ihren Schlupflöchern lockt — die Feinde der jüdischen Wissenschaft und die Ableugner jedes jüdischnationalen Eigenthums sich sicher zu fühlen und versuchen es dreist, sich zu den Herren der Situation zu machen. Schon hält sich einer derselben für competent, um über den uralten und deshalb jedenfalls ehrwürdigen Synagogengesang wegwerfend zu urtheilen und ihn, nach seiner Meinung als Abkömmling des Slaventhums, in die Länder, welche die Welt mit Mausefallen versorgen, zu verweisen. Da dieser Herr das herrliche Böhmen sein Vaterland nennt, welches doch auch zu den Slavenländern gehört, so könnte er vielleicht aus seiner heimatlichen Musik selbst ein Exempel für seine Meinung anführen und aus derselben wenn auch nur Anklänge an unsere Tonarten aufweisen. An anderer Stelle nimmt derselbe Autor nicht Anstand — als jüdis cher Beamter — gleich beim Beginn einer seinsollenden ״Beleuchtung der jüdischen Musiklitteratur" die zum Ueberfluß abgedroschenen Phrasen von der christlichen Religion und ihren allein seligmachenden Errungenschaften auf dem Gebiete der Musikveredlung in großer Breite uns vorzuführen und diese Religion, als einen ״unversiegbaren Quell" dieser edlen Kunst darzustellen, wogegen unser armer Synagogengesang und mit ihm alle unsere Wissenschaft in ein wesenloses Nichts zerfließen. — Solchen servilen Lobhudlern wäre Wilhelm Schreckenberger's ״Geschichte der Musikkunst", besonders Capitel 8 derselben, zum fleißigen Studium dringend zu empfehlen. Sie würden daraus dann das wahre Verhältnis der sogenannten ״Kirche" zur Musikpflege erfahren und hierüber .gründliche Belehrung finden. Em Anderer wieder kann es nicht einmal über sich bringen, uns die Originalität der hübschen Ato eehod-Melodie zu gönnen, und weist Schwarz auf Weiß, in Buchstaben-Notationen deutlich nach: dass dieselbe ״höherer Abkunft" ist, und zwar dass sie direct von einer Bach'schen Fuge abstammt. Es wäre sehr interessant, wenn die geehrten Fachgelehrten sich die Mühe geben wollten, zu erforschen, wer wohl von den beiden älter ist, ob Bach oder das Judenthum, und folglich auch zu ergründen, ob das Ato echod oder die Bach'sche Fuge zuerst existirt hat? Denn ohne Weiteres anzunehmen, dass Bach hakodosch diese Melodie irgendwo aufgegriffen, und somit an ihr ein Plagiat begangen haben sollte, das muß jedem modernen Chasan ganz fern liegen. So sehen wir hiermit, wie weit es leider in unserer humanistischen, d. h. nachäffnungssüchtigen Zeit mit dem wajisarwu bagojim wajlamdu maassehem gekommen ist. Es ist nicht genug, dass wir bei der Vermischung mit den andern Völkern uns ihre Sitten und Eigenheiten, und zwar nicht einmal die besseren, aneignen, sondern wir gehen in der rühmenswerthen Selbstlosigkeit — oder sollte es vielleicht nur geistige Niedrigkeit sein? — sogar so weit, selbst das, war wir mit vollem Recht Unser nennen dürfen, nur als ihr Eigenthum ansehen. Wajlamdu maassehem würde somit dahin zu verstehen sein: Sie schließen, das müssen nur ihre Thaten sein, indem sie richtig zu folgern glauben, dass durch die so lange Zeit der Zerstreuung und durch die Einflußnahme der Völker auf unser Geschick wir nothwendig von allem geistigen Eigenthum entblößt worden sein müssen, und daher kann das, was wir vermeintlich noch davon besitzen, nur von ihnen abstammen. Aber noch gilt das Prophetenwort: ki lo almon jisroel; noch ist Israel weder verwitwet noch verwaist; noch hat es Männer, die sich seiner annehmen, und noch hat es Wissenschaften, die sein eigen sind und