Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 16 (9.5.1888)
- Date
- 1888-05-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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langen so eine Biegsamkeit ohne Verwischen, eine Weichheit ohneVerschwimmen. Die Mnskeln sind nun ganz dienstbar geworden unserem, Willen, unserem Geiste, und zwar nicht blos hinsichtlich einzelner Töne, die wir erzeugen wollen, sondern auch hinsichtlich der Art, wie wir sie Hervorrufen, ansetzen und zugleich mit den anderen Tönen zusammenhäugen lassen.wollen. Die verschiedenen Anforderangen der Musik in technischer Beziehung haben nun keine Schwierigkeit mehr für den Sänger, welcher die —wir möchten sagen — mechanische MuskelLewegung ganz in seine Macht bekommen hat; dieses Mechanische aber ist von allen Schülern in gleicher Weise zu verlangen, es richtet sich dieses nicht nach der Individualität; denn mag auch das Organ des einen leichter beweglich sein, als des. anderen, die rechte Art der Bewegung ist doch nur Eine auch in der Mannigfaltigkeit. Die Gesetze für die Handhabung jeder Stimme sind immer dieselben, es mag nun eine weibliche oder männliche Stimme, und unter diesen wieder eine Stimmgattung sein, welche es will. * Das rechte Organ, die Kehle, thätig zu machen bis gur; größten Fertigkeit, ist die Hauptaufgabe des Sängers, denn auf ihr; beruht nicht blos die leichte Ansprache, sondern auch die Kraft, und' besonders die. Ausdauer einer Stimme. Der Sänger muß vor allem Lurch mechanische Hebung Herr des rechten Organes werden ohne alle vermeintliche Beihilfe; hat er aber erst die Muskelthätigkeit fernem Geiste so unterworfen, dass sie gleichsam spielend dem inneren Musikalischen Sinne gehorcht, dann mag er auch auf die rechte Klangfarbe der Töne und auf die Tonbeseelung sein Augenmerrichten. Wir können jedoch hiezu noch nicht übergehen, bevor wir über die Eoleratur und die dazu dienenden Solfeggien noch einiges besprochen zu haben. Obwohl es sich nämlich fast von selbst versteht, dass zugleich mit der zunehmenden Coleratur-Fertigkeit eines Sängers auch dessen Selbstvertrauen wächst, so haben wir doch schon manchmal euren schon gehörig vorgerückten Schüler ermahnen müssen, dass er sich doch von vorn herein die gestellte Aufgabe nicht zu schwer denken solle, wenn der Schüler genan weiß, wie er sie auszuführen hat, so ist jeder weitere Gedanke, dass die Passage schwer zu machen sei, nicht blos überflüssig, sondern geradezu hemmend und erschwerend; nicht die Passage ist schwer, sondern jener Gedanke allein macht sie schwer. Der Schü'er darf, wenn er nur weiß, worauf es immer ankömmt, stets sorglos sein. Vor allem komuit es auf das gründliche Bewusstsein dessen an, was er in dem betreffenden Falle zu thun hat, dann aber ist ein gewisser leichter, sorgloser Sinn, eine gewisse Kühnheit ganz am Platze. Solches Selbstvertrauen ist also nicht zu tadeln, es ist nur zu loben. Wenn jedoch ein Schüler recht sicher werden soll auch in der schwierigsten Eoleratur, so muß natürlich bei den Uebungen selbst ein geordneter Fortschritt vom Einfacheren zum Zusammengesetzteren stattsinden, und vor Allem ^müssen die Solfeggien stets nach dem individuellen Bedürfnis des Schülers vom Lehrer ausgewählt sein. Was Hilst es denn wenn ein Schüler, welcher z. B. an Gaumen- oder Nasenton leidet, noch so viele Gesangschulen mit ihren gedruckten Solfeggien sich theuer kaufen und im Schweiß des Angesichtes hundertmal durchsingen muß? Der Gaumenton, Nasenklang Zahn- Ltang rc. alle die Fehler müssen erst kurirt, und dem Schüler , gesagt werden, woher der Fehler rührt und wie er ihn wegbringen kann. Die hiezu dienenden Uebungen sind individuelle Solfeggien, aber im Druck erscheinen lassen kann man sie nicht, sonst müsste für jedes Individuum ein eigenes Polfeggienbuch gedruckt werden. Za! die gedruckten Solfeggien können erst dann Werth für einn Sänger haben, wenn er bereits - zu singen versteht, d. h. wenn er bereits nicht blos jene Fehler überwunden hat, sondern die echte Muskelthätigkeit und die Bedeutung des Tonsinns und des rhythmischen Gefühls kennen gelernt hat. Von diesem Allem aber, worauf es gerade ankömmt, von der inneren, unsichtbaren und stillen Thätigkeit, deren Probe nur der hörbare Ton ist, hat bisher keine einzige Gesangschule Aufschluss gegeben.. Ja verschiedene Arten von Läufen rc., selbst Lieder für die menschliche Stimme oder Sprache,- sind in Unmasse geschrieben worden, und oft recht schöne, aber wie sie naturgemäß zu erlernen sind, davon hat auch der beigegcbene Text stets geschwiegen, und wenn er auch noch so viele Seiten umfasste. Für einen Vogel allerdings, wenn er eine Melodie singen lernen soll, genügt dies, wenn er nur oft genug sie hört; aber der denkende Mensch kann mit solcher Abrichtungs-Methode nicht zufrieden fein: denn, wenn auch bei diesem bisherigen empirischen Verfahren manchmal gute Resultate erzielt wurden, so dankten solche Sänger es sicherlich nur der gütigen Natur, nicht dem Geisteihrer Schule; und auch in der Gesangkunst muß ja der Satz gelten, dass der Mensch in allen Zweigen nur mit Hülfe des klarsten Bewusstseins das Höchste erwerben und erringen kann. Der Lehrer wird also gut daran thun, wenn er dem Schüler für's Erste gar keine gedruckten Solfeggien vorlegt, sondern ihm jene innere Thätigkeit beim Singen an seiner eigenen Stimme recht klar macht. Dazu gehört oder freilich, dass der Schüler sehr achtsam auf sich selbst ist und gleichsam in sein Inneres schaut. Der Blick auf die geschriebenen Noten hindert aber nur zu leicht daran, indem er den Schüler nicht mehr nur den Ton innerlich denken (Tonsinn), sondern auch schon äußerlich geschrieben sehen lässt. Das Notenlesen gehört in das Gebiet der musikalischen' Fertigkeit (wovon wir später noch reden werden); die reine Stimm- Lildung dagegen hat es nur mit dem inneren Tonsinn, mit der -Betrachtung der inneren materiellen Thätigkeit und mit dem Belauschen des durch diese beide! entstandenen Tones zu thun. — Wir legen also dem Schüler keine geschriebenen Solfeggien vor, sondern richten dieselben ganz nach des Schülers 'individuellem Bedürfnis ein, und singen jede Uebung selbst vor, damit der Schüler nach vorausgegangener Erklärung sogleich auch höre, worauf es bei der betreffenden Uebung ankömmt. Nur, wenn ein Schüler schon ׳ sehr vorgerückt ist, so zeigen wir ihm oft eine complicirtere Uebung auch gedruckt, damit er sie erst ansehe, in allen ihren Theilen klar mache und einpräge: dann nehmen wir das Gedruckte weg, und der Schüler muß es aus dem Kopfe singen. Vor Allem aber muß der Schüler wissen, was er im betreffenden Falle innerlich zu thun hat; bisher wurde dies aber nicht gelehrt, weil die Gesanglehrer selbst trotz ihrer vielen Solfeggien jene innere Thätigkeit nicht mit Bewusstsein erfasst hatten; die richtige materielle Muskelthätigkeit und der geistige Träger derselben waren bis jetzt unerforscht und ungekannt. (Fortsetzung folgt.) Gedenket -er Tage -er Vorzeit — erwäget -re Äen-ermrg -er Zeitalter. (V. B. M. 32.7.) vm. Unser dritter Moses Mendelssohn ist der Gegenwart noch nicht zu weit entrückt, sein Leben und Wirken ist genügend aus Biographien und seinen unsterblichen Werken, die er der Menschheit hiuterlasseu,