Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 15 (1.5.1888)
- Date
- 1888-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Damen ans den guten Kreisen .der Stadt, Christen, und: . Juden, verkehrten da in schönster ' Einrracht. Da kam die antisemitische Bewegung, und Kunicke schloß sich ihr voll und ganz an. ~ Die Stellungeinnahme wurde bald bekannt und hatte den von Kunicke gewünschten Erfolg. Die Juden drängten sich ihm nicht ausi sondern -Reben fortan seinem ungastlichen Hause ferne. Der also erzielte urgermanische Charakter des Hotels wurde nicht mehr beeinträchtigt. Der ״König von Ungarn" bildete seithem unbestritten das Hauptquartier bet Antisemiten und Reacttonären, die hier jahraus, jahrein ihre Conventikel abhielten. Da musste dem Wirthe di-serStätte ein recht peinliches Unglück wiederfahren, das aber mit Rücksicht auf den chen bczeichneten Charakter eines komischen' Beigeschmackes nicht ent- -ehrte. Kunicke, der Wirth der Germanen, wurde der Bierpantscherei beschuldigt und deshalb wegen Betruges und Nahrungsmittelsälschung «njer Anklage gestellt. Die Verhandlung gegen Kunicke hat kürzlich vor der zweiten Strafkammer des hiesigen Landgerichtes (Vorsitzender Sandesgerichtsrath Deßmann) stattgefunden. Neben Kunicke wegen Beihilfe zuden genannten Vergeben war eine Anzahl Kellner angeklagt, weil sie das gepanschte Bier, um dessen Beschaffenheit sie gewusst, ausgetragen hatten. Seitens der Staatsanwaltschaft wurde gegen Kunicke, dem als Vertheidiger Rechtswatt Dr. Berkowitz zur Sette stand, Feisprechung von der Anklage des Betruges, aber Verurtheilung wegen Nahrungsmittelfälschung, und zwar zu drei Monaten Gefängnis und 500 Mark Geldstrafe, beantragt. Der Gerichtshof erkennte aus denselben rechtlichen Gesichtspunkten auf 2000 Mark Geldstrafe. Die Mitangeklagten Kellner kamen mit Geldstrafen von 30, beziehungsweise 15 Mark davon. ־.־ Merlin. Ein hiesiger, sehr bekannter Besitzer eines der Lltesten Hotels ersten Ranges zahlte sett 25 Jahren einen Beitrag von jährlich 24 Mark an die hiesige jüdische Gemeinde und that das hochkomischerweise aus einem doppelten Jrrthum, einem Jrrthum . nämlich auf Seiten der jüdische Gemeinde und einem wetteren Irr- ׳ thum auf seiner eigenen Seite. Die jüdische Gemeinde hatte ihm-.den .Betrag als eine an sie zu entrichtende Steuer auferlegt, weil sie!ihn irrigerweise für einen Israeliten und daher Mitglied der Gemeinde hielt; der Hotelbesitzer aoer -zahtte den Betrag, weil er sehr wohlhastend und sehr zum Wohtthuy geneigt, sich in dem Jrrthum befand, es handle sich bei der Gabe um einen ständigen . Beitrag zu einem von der jüdischen Gemeinde damit verfolgten wohtthättgen Zweck. Das ging nun ein geraumes Weilchen — nämlich 25 Jahre hindurch — ganz gut und wäre vermuthlich auch noch fernerhin so wetter gegangen, wenn nicht die jüdische Gemeinde eines Tages gestlnden hätte, dass ihr vermeintliches Mitglied, der Hotelbesitzer, doch wirklich ein recht reicher Mann sei und eigentlich viel zu wenig Steuer zahle; sie schätzte ihn neu ein und erhöhte seine Beitrags- Pflicht kurzweg auf das Doppelle, auf jährlich 48 Mark. Der Hotelöesitzer lehnte sich dagegen auf; die jüdische Gemeinde remonstrirte, cs kam zu Erörterungen, und nun erst stellte sich zur beiderseitigen höchsten Ueberraschung der beidersettige Jrrthums heraus! — So^ berichten die ״Neuesten Nachrichten." Der Baal-Tephilla. Von M. I. R a b b i n o w i t s ch. Aus dem Russischen von A. L e v in - S a g a n. lMtorifnte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) (3. Forschung.) Bist Du schon ״Bar Mizwa?" frug Reb Bärke. ״Ja sett vier Monaten",-antwortete ich. Nu, da können wir ״Mesuman benschen", fuhr er fort, und die Fingerspitzen in das vor ihm stehende Töpfchen tauchend, begann er: ״Rabboßai, wir wollen benschen". . Nach Beendigung des Gebetes schüttelte Reb Bärke die Kümmel von sich ab nnd e-tfernte sich rasch. — ״Reb Awner j" rief er dann, von außen den Kop durch die Thüre steckend, ״Reb Awuer, wenn Ihr fortgeht, so legt den Schlüssel unter die Schwellet" S — und so sprechend trippelte er von dannen mit seinen kurzen Bejnchen und war bald verschwunden. Reb Awner erhob sich, begann auf und ab zu gehen und sich zu räuspern; dann sing׳ et 'an, was man so .nennt, mit der Stimme׳ zu phantasiren, besonders Mitseiner Koloratur brillirend. Gegen meine Erwartung zeigte sich bei ihm ein ziemlich kräftiger.Teno r, weich und biegsam und selbst ans diesen Phantasienklang, etwas Angenehmes, Herzliches.; ״Was meinst Du, werden wir für den ersten ״S'lichos - Tag" noch etwas einühen können?" frug er mich. ״Gedenkt/Ihr viel ״Sachen" zu singen?" , •. ״Nein, drei — vier". 1 ״Da könnt' es noch gehen; denn wir haben noch den heutigen und morgigen Tag vor uns". ״So wollen wir denn anfangen", sagte er. entschlossen. Er sang mir ein Gebet vor, dessen erste Hälfte ich mit ihm zusammen, die zweite aber allein zu singen hatte, und nachdem ich es zwei Mal gehört, trug ich die erste Hälfte gut, die zweite mit einigen Jncorrectheiten ihm vor. Er sang es mir noch einmal vor, worauf mein Solo vortrefflich ging. Reb Awner war entzückt. Und nach , dem wir zwei — drei Stunden repetirt hatten, trennten wir uns, um nach einer Stunde an dmeselben Orte wieder zusammen zu treffen. Es wurde mir nicht leicht, vom Hause abzukommen, da ich an Freitagen von der Tante zu allerhand Laufgängen benutzt wurde; trotzdem riss ich mich durch eine schnell erdachte Nothlüge los uno ttat zur verabredetem Zeit׳ in die Synagoge ein. Wir nahmen , wieder die Festgesänge vor und beschäftigten uns damit wohl so an vier Stunden, hierauf unterhielten wir uns freundschaftlich, wie alte Bekante. ׳־״*■-._ Mein Baal-Tephilla erzählte mir, dass er aus einem kleinen Städtchen sei, wo er eine Frau mit vier Kindern habe, unter, denen ein siebenjähriger Knabe eine schöne Stimme und ein treffliches Gehör dokumentire; dass er während des ganzen Jahres keine bestimmte Beschäftigung habe und nur über die hohen Feiertage auf die Wanderschaft ginge; dass er sehnlichst wünsche, endlich feste Anstellung als Kantor an einer respektablen:Synagoge zu finden, was indes ein 7 schwierig Ding sei, da nur selten./eine Synagoge einen - Jestangestell- . ten Kantor habe. Im verflossenen Jahre habe er in einer Großgemeinde vorgebetet und vielen Beifall gesunden, jedoch der ״Baal- Schach'riß" intriguirte gegen ihn, und so musste er wieder fort. Er erzählte mir sogar, dass ihm das Reisegeld nicht ausgereicht und er seine Gebetutensilien beim Fuhrmann habe lassen lassen müssen, da er den Fuhrlohn nid)t entrichten konnte, und nur durch die Güte Reb Bärkes habe er gestern die Sachen einlösen können, anderfalls würde er zu den Feiertagen keinen Tallis gehabt haben; ferner dass er auf Anrathen eben dieses Reb Bärke auf den Friedhof gegangen sei, in der Hoffnung mit ״El mole rach amim" etwas zu verdienen, am ersten Tage habe er wol den Gang umsonst gemacht, jedoch am zweiten und dritten Tage gegen einen Rubel verdient. Die überigen Details handelten davon, wie er in diese Synagoge gerathen sei, an welcher er im Ganzen zwanzig Rubel für alle Feiertage erhalte, wobei man ihm aber eine Zulage von fünf Rubeln verheißen habe — wenn er gefiele. Er rechnete mir dann vor, wieviel die Heimreise kosten müsse, und kam zu dem Resultate, dass ihm kaum acht bis zehn Rubel bleiben würden. ״Es bleibt mir nur noch die Hoffnung auf die ״Kaire" *) —. schloß er dann. Aus Alledem habe ich entnommen, dass er eine Honorirung meiirer Wenigkeit so gut wie gar nicht in Betracht zog, was mir schließlich nicht gefallen konnte.. Reb Awner schien meine Gedanken zu errathen und beeilte sich daher h nzuzufügen : — ״Und was dich betrifft, Kleiner, so werde ich auch für dich einen ״Teller" stellen, und Du kannstbestimmt rechnen, einen Rubel, vielleicht gar noch mehr, einzunehmen. Und legt man wir noch fünf Rubel zu, dann sollst Du auch von mir eine:: Rubel erhalten". *) Es ist dies eine Sitte.׳ die fast in allen Synagogen noch beibehalten ist, dass zu ״Miacha" am ״Erew Jom-Kippur" auf einem Tische in der Ftzrr. der Synagoge Teller aufgestellt werden, .in die jeder Äesucher sein Scharflein wirft zu Gunsten des Cantors, der Sänger, wenn solche vorhanden, des Gelneindedieners 2c. Hierin liegt aber keinerlei Demllthigung für die Einpfänger, sondern es wird dies als ciue ehrenvolle Aufmerksamkeit angesetzn. Und diese Sitte lässt unter ״Kaire" - oder ״Teller" den genannten Fall verstehen.