Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 13 (15.4.1888)
- Date
- 1888-04-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Morgen verbrachten wirbei diesem entzückescheu Puett. Erst später -erfuhr tch,HM-ä:imW>WdÄe^Mr,' als''ein Duett, aus der Oper .״der Barbier von Sevilla"^ die er an diesem Abend gesehen. Ja, Gerschon besuchte streng geheim - die italienische Oper, ohne sich selbst mir gegenüber zn verrathen: Und. erst nach sechs Jahren - erfuhr ich es, wie alle Andern auch; dabei unterließ er nicht, bei den verschiedenen Gesangsmotiven zu bemerken, dass sie im Theater gesungen würden und nannte sogar die betreffenden Opern — am hausigsten /,T'raviata", ״Troubadour" und ״Norma". Und ohne den kleinfteii Begriff zu haben, was ein Theater eigentlich sei, kannte ich diese drei Opern fast ganz. Ich wusste noch, dass man.im Theater singe, dass man bei diesem Gesänge sterben könne, aber dass dahin -zu gehen, eine der schrecklichsten Sünden ist. Und darum habe ich nicht einmal geträumt, je ein Theater zu sehen. Und nach Alledem wird dem Leser das begreiflich erscheinen, was ich sogleich erzählen werde — denn meine Erzählung hebt erst an ..... II. , Ueber drei Jahre waren seit unserer Uebersiedlung nach N. per- ' flössen. Es war im Monat Ellnl, den ich in meiner Kindheit besonders liebte, trotz oder möglicherweise wegen seines ernsten Charakters, der an sich so viel Tiefes, Seriöses und Feierliches. hat. Während dieses Monats verbrachte ich gewöhnlch. die Vormittage fast ganz aus dem Friedhofe mit meiner Mutter; diese galt nämlich als Gelehrte. צ■ d. h. sie las schnell und gut die Gebete, welche sie zum Theil sogar übersetzen konnte, mit großer Empfindung und angenehmer Melodie trug sie die ״Techinoth" vor; sie kannte vortrefflich den religiösen . Codex der Frauen, so dass sie sich in dieser Hinsicht eines guten Rufes und großer Popularität erfreute, wie früher in unseren heimischen Städtchen so auch dann in der Großstadt N. — Nach dem Tode des Vaters suchte sie ihre Kenntniße zu utilisiren, allein diese Utilitat war im Jahre nur einmal am Platze — im Monat Ellul. Da verlas sie auf dem Friedhofe den des Lesens unkundigen, ja so- - gar den kundigen Frauen, die Grabgebete, ging mit ihnen mehrere Male um den Friedhof, ihn mit Fäden abmessend, die dann zu Dochten für Lichter zum gottesdienstlichen Gebrauche als ״Habdala" --u. dergl., verwendet wurden. Vor dem Versöhnungsfeste ״legte sie Dochte", machte Wachskerzen u. s. w. Außerdem mietete sie für die- ~fe§ Fest einen Tisch in der Synagoge, und diejenigen Frauen, welche an diesem Tische Platz nahmen, honorirten sie, so gut sie konnten, wofür sie ihnen die Gebete im Jargon laut vorsagte. Dies Alles -Summa Summarum trug ihr an zwanzig und mehr Rubeln ein. Die glücklichsten Tage ihres Lebens waren die, wo sie jedem ׳ ihrer unter den Verwandten zerstreuten Kinder zu den Feiertagen eine kleine Freude bereiten konnte. Ich half ihr auf dem Friedhof beim Lesen der Grabschriften, die! oft durch ihr hohes Alter sehr schwer zu entziffern waren. Neben dem. Umstände, dass diese Beschäftigung mich von dem Besuch des ״Cheder" entband, liebte ich sie an sich, weil ick den Friedhof liebte, wegen des riefen Geheimnißes, das ihn durchdringt. Der Friedhof in N. war riesig groß, und so oft die Mutter in 'Begleitung einiger Frauen ihn ringsum abging, setzte ich mich an , das Grab meines Vaters und gab mich allerhand Gedanken hin. Am meisten beschäftigte und quälte mich der Gedanke, dass zwei Ellen von mir entfernt mein Vater liege, den ich und der mich so sehr geliebt und welchen ich nicht sehen noch hören konnte, während er wie, ich zu jener Zeit überzeugt war. mich sah und hörte. Wie er das über sich '.bringen kann, nicht heranzutreten an mich oder an die Mutter und uns - einige Worte zu sagen! das konnte ich nicht verwinden. Oft rief mich irgend eine arme Fran an: ״Züngele, Herzelek Komm, mein Lieber und lies mir diese ׳Gradschrift!" Und stellte sich heraus, dass es nicht das gesuchte Grad war, so ging ich mit ihr weiter und suchte eine Menge Grabstätte»! ab. Einst — ich. erinnere-mich vortrefflich, dass es an einem Donnerstage war, denn meine Mutter sirstetete an diesem Tage, und auch daher weiß ich es, da wir am folgenden Tage auf den Friedhof nicht gingen, da inan am Freitag und Sonnabend nicht hingehn darf, da verweilte meine Mutter so schrecklich lange bei dem Rundgang um den Friedhof. Anfangs siel es mir »acht auf und ich saß wie gewöhnlich am Grabe meines Vaters. Der Tag war schön, obschon ungeheuer heiß: aber hier wehte ein frisches Lüftchen, so dass das dichte Gras um mich wogte, wie das Meer: Von Zeit zn Zeit gingen Männer und Frauen vorbei, Gräber suchend oder im ״Maane Loschon"- lesend; nach und nach ließ der Verkehr nach und blieb schließlich ganz-: ans. Ringsum herrschte Grabesstille und nu.־ selten drang zu mir der erschütternde Schrei vereinzelter Beterinnen am Grabe des Gatten oder des Kindes, oder das Pochen und Hämmern arbeitender Dteinmetze, die ein Piedestal für einen Denkstein herrichteten. Zuletzt war auch dies verstummt. Mir wurde es unsäglich schwer ums Herz, fortgehen mochte ich nicht, in der Befürchtung, meine Mutter zu si hlen. Um aber diese fürchterliche Grabesstille etwas zu belebe», begann ich zu singen; doch selbst der Klang meiner eigenen Stimme hallte unheimlich wieder in dieser starren Oede. Nichtsdestoweniger fuhr ich fort zu singen, in der Hoffnung, dadurch die Aufmerksamkeit meiner Mrrtter aus mich zu lenken. Da vernahm ich plötzlich Tritte und Räuspern — zusammenschauernd blickte ich mich um. Zwischen den eng aneinander liegenden Denksteinen zwängte sich mit Mühe durch eine unbekannte Gestalt, die ich von Weiten schwer unterscheiden konnte, da die Strahlen der Sonne mir umnit elbar ins Gesicht schienen. Die Gestalt näherte sich und trat schließlich an mich heran. Hinderte die Tracht nicht an der Annähme, so hätte man die Gestalt obne Bedenken für einen der ewigen Bewohner dieser Stätte des Todes halten können — so todtengeld war das Gesicht des Ankömmlings. Nach seinem Aeußern mochte er fünfundzwanzig Jahre zählen; eingefallene Wangen, ein schütterer, ,,spitzer Bart, große, krankhaft glänzende, schwarze Augen, etwas verwachsene Schultern. — Dies Alles siel mir bald im ersten Moment ins Auge. An seiner Garderobe siel mir nur sein sehr schäbiger, ganz grün gewordener Lastingrock aus, sowie ein hellgrünes wollenes Tuch um seinen Hals An diesem Tuche habe ich ihn sogleich erkannt für einen ״Baal-Tephilla" aus der Provinz, der gekommen war, an den ״Jomim noroim" in N. sein Heil zu versuchen, und meine Annahme hatte mich, wie es sich später herausstellte, nicht getäuscht. _(Fortsetzung folgt.)_ ßorrefpondenA der Uedaction. B. M G> 3hr an Fra» Cantor Fischer gesandtes Beileidsschreiben ist nach Fertigstellung uns eres Gerichtes eingelangt. konnte daher daselbst nicht e.wähnt werden. R. in N. Nach emgeholter genauer Jnformrtian werden wir Ihnen betreffs der österr. Stauts bürgerschaft der Religionsdiener Mittheilung machen. Pie geehrten «Herren Abonnenten, welche trotz der letzten Abonnements-Dinladung «och nicht den Wetrag für das laufendeHuartateingefendet haben,werde» dringend ersucht, dies mit nm gehender oft zn thuu, da wir sonst gezwungen waren, die Zusendung des Wkattes zn ststiren. Pie Wedactiou. Heiluml Hfege-Amtalt. Hülom. in Dann »ly Mehr. für Nerven- und Gemüthskranke. Prachtvolle Lage inmitten des Siebengebirges und Rheinpanoramas. Asrzügtiche Fstege, hochelegante tzmrichtung, naturgemäßes, dietätisches Heilverfahren. Nähere Auskunft und ProspecLe gratis und franko. Ar. A. Kahn, Billa Viktoria.