Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 13 (15.4.1888)
- Date
- 1888-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Dtnme, eine Freude gefunden am Wege, als auch schon bald wieder der Ruf ertönt: Geh* und entsage! .-י»: h / :' ־ Die Welt ist anders als das.Vaterhaus. Im.elterlichem Hause, da ward für uns Kinder so manches Opfer gekrachte,- Die Eltern entsagten und gaben hin ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude, um unser Wohl zu begründen-und uns glücklich zu sehen.., ^Wir waren an Liebe gewöhnt, durch vielfache Beweise der zärtlichsten Sorgfalt auch verwöhnt; Ueberfluss mancherlei Art hatte uns so sorglos, so unbekümmert gemacht. Wir dachten auch wohl, das Vaterhaus sei überall anzutreffen in der Welt, und Ruhe und Bequemlichkeit, wohin wir nur kommen würden. Dachten.auch wohl, wer ein Opfer zu bringen nicht gewohnt ist, werde auch solches nicht bringen, dürfen; es werde nicht entsagen müssen, wer eine Entsagung geübt. Die Welt lehrte anders. Bald ertönte die Stimme des Schicksals: Geh' und entsage deiner Liebe zur Pracht, deiner Neigung , zum sorglosen Wohlleben, entsage der Ruhe und Bequemlichkeit und bringe ein Opfer aus dem Altar des Herrn. Wir hatten viele Jahre hindurch ertragen, was Gott zu tragen gab, geduldet, was Gott uns auserlegt. Wir hatten im Schweiße des Angesichtes unser Brot erworben, und durch Gottes Segen und Beistand mehrte sich Hab und Gut, und es füllte unser Haus sich mit Schätzen und Gütern aller Art. Es freute sich das Herz des Vaters, und es frohlockte die Mutter über den Segen, der einst aus die Kinder übergehen sollte. Da brach unvermuthet ein Unglück herein. Der Reichlhum machte sich Flügel und verschwand. Eine Stimme hatte gerufen: Geh* und entsage! Bringe dein Geld und dein Gut dem Herrn zum Opfer. Wer erkennt nicht in diesem Bilde das Geschick Israels, der Nachkommen Abrahams. Wie häufig erging an sie der Ruf: «lech lecho«, Geh* und entsage! Wie oft musste Israel den Wanderstab ergreifen, von Ort zu Ort, von Land zu Land ziehen ohne Ruh und ohne Rast. Dahin waren die mühsam erworbenen Schätze, dahin die Ruhe und der Frieden, die oft, aber nur für kürze Zeit, so theuer erkän t wurden. Wir hatten der Kunst und der Wissenschaft uns ergeben, wir hatten vermieden das Geräusch der Welt, das Gewühl des Lebens sollte uns nicht stören. Unsere Wissenschaft war unsere Welt, die Kunst unsere höchste Freude. Da riss Gott uns heraus aus unserem stillen, friedlichem Paradiese. Die Sorge um Leben und Erhaltung für uns- und die Unsrigen verdrängte die Lust und Freude, die wir sonst im reichem Maaße bei unserer Arbeit gefunden. Nur knapp zugemessen wurden fortan die Stunden, in denen wir ungestört glücklich sein sollten. Was früher unser Ein und Alles war, was Herz und Seele füllte, die Wissenschaft, der wir uns . ergaben, die Kunst, der wir oblagen, sie ward ein Werkzeug in des Arbeiters Hand, und das Göttliche und Heilige daran musste uns verloren gehen oder konnte doch nur in einzelnen, wenigen Stunden in seiner ungetrübten Reinheit vor die Seele treten. Es hatte die Stimme gerufen: Geh* und entsage! Bringe deine Neigung, deine Lieblingsidee als ein Opfer dem Herrn. So war es zur Zeit als der römische Kaiser Hadrian den Rabbinen verboten hatte, das Wort Gottes zu lehren. Es gibt der Opfer viele, die Gott von uns verlangt. Woran das Menschenherz mit Liebe hängt, das wird ein Opfer, sobald der Herr von uns fordert, dass wir entsagen sollen. Sei es Geld, Gut, Ehre, * 'Glanz, Pracht und Bequemlichkeit, Neigung zur Kunst und Wissenschaft, oder sei es ein Wesen, das Gott von unserem Herzen reißt und zu sich nimmt in sein himmlisches Reich. Solch ein Opfer, wobei unser Herz wohl blutete und unser Auge weinte, haben wir bringen müssen, nachdem der ewige seinen Todeseugel gesandt und von unserer Seite nehmen ließ, einen Freund 1 unseres Herzens, den wir so heiß geliebt, oder einen Bruder, eine Schwester, mit denen wir so gerne noch länger beisammen geblieben wären, jm Lande der Lebendigen. Oder die theuern guten Eltern, die wir mit kindliches Liebe so fest umschlungen hielten, und welche Gottes Vorsehung dennoch' von der Erde rief, so dass wir trauernd- und klagend dem Sarge folgten, darinnen der sorgende Vater und die liebende Mutter lag. Und wenn Ellern sich haben trennen müssen voll ihrem Kinde, woran ihr Glück und ihre Freude gehangen, worauf sie gebaut ihre Hoffnung, wofür sie gearbeitet vonr frühen Morgen bis zum späten Abend;.dann war es Gott, der Herr über Leben und Tod, welcher, gerufen: »lech lecho«, ״Geh* und entsage!" Gib her dein Kind, dein einziges, welches du lieb hast, weine nicht und trauere nicht, bringe es mir ergeben und ohne Murren als ein Opfer dar. Es ist eine Prüfung, die dir anferlegt wird, gleich dem Abraham, als der Herr den einzigen, vielgeliebten Sohn forderte und zlnn Opfer verlangte. W.r. (Fortsetzung folgt.) Gedenket -er Tage -er Vorzeit — erwäget -ie Äen-erung -er Zeitalter. (V. B. M. 32.7.) VI. Auch das innere Wesen der Inden, so stätig es auch geworden, erlitt aber dadurch manche Veränderung. Schon die Zusammenschüttung der westlichen mit der inländischen Litteratur und die daraus entstandenen Reibungen gaben dem Geiste um so reichlicher Nahrung, als die Druckereien die bisher seltenen Handschriften zum Gemeingnte aller Denkenden machten. Desto kräftiger wirkten die allmäligen größeren Umgestaltungen der politischen Verhältniße, um einzelne Geister zu wecken und ihnen das Bewusstsein einer inneren Kraft zu leihen, um ihre Brüder zum Bessern vorzubereiten. Es ist schwer, den Juden in allen den bezeichnetell Gebieten einen gemeinsamen Charakter beizumessen. Ungeachtet sie bei aller Verschiedenheit der Sitten, der Sprache und der Familien-Gemohnheiten, wodurch sie sogar untereinander sich sehr bestimmt unterscheiden und als Fränkische, Schwäbische, Italienische, Polnische u. s. w. vielfach von einander abweichen, haben sie dennoch, gegen die übrigen Volksnrassen gehalten, einen ganz besonderen, sie kennbar machenden Charakter. Worin das Wesen desselben bestehe, ist von jeher streitig und eine Frage, die oft von den Unkundigsten mit allzugroßer Dreistigkcit behandelt ward, während die Geschichtsforscher davor verzweifelten. Der wichtigste Punkt ist die Gleichgiltigkeit, in welche die Juden, betreffend die politischen Bewegungen der von ihnen bewohnten Gegenden, versetzt waren. Während man in Europa um die höchsten Interessen kämpfte, die Kräfte sich übten, die Geister sich entwickelten, ruhten sie. Sie betrachteten Alles als ein müssiges Spiel roher Begierden, und es war ihnen nicht vergönnt, auch nur die Interessen selbst zu erkennen. Dies bewirkte eine eben so entschiedene Abgestumpftheit, wie anderseits eine innere Selbstständigkeit, die leicht in Dünkel ausartet, sobald sich eine eigene Thätigkeit bildet, welche die übrige Welt als gleichgiltig ausschließt. Das war nun das Studium der starr gebliebenen jüdischen Religionsquellen,