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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1887-07-08 · Heft 23 (8.7.1887) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 23 (8.7.1887)
Date
1887-07-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Niemand wird auf spanischem Beden wegen seines religiösen Glaubens, noch wegen der Ausübung seines Cultus beunruhigt werden, söbaL» die christliche Moral respeetirt wird." Dennoch sind keine anderen öffentlichen Ceremonien und Manifestationen gestattet, als diejenigen der Staatsreligion Dennoch wurde, kraft dieses Artikels, ein protestantsscher Gottesdienst Ln Madrid von der Polizei unterbrochen, weil man auf der Straße den Gesang der Psalmen gehört hatte. Dieser Eifer scheint sich jedoch seit lange gelegt zu haben Die Protestanten haben heute in Spanien etliche Kapellen (5 in Madrid, 3 in. Sevilla, 2 in Barcelona, Cadix, Saragossa, Lagrono, Huelva rc) 22 Missionen, 5 bis 6. Zeitungen; sie haben am 10. November 1888 das Lutherfest, unter Mitwissen eines jeden, gefeiert, und alle Zeitungen haben davon gesprochen. Es ist selbstverständlich, dass sie in den Straßen keine Prozessionen oder Ceremonien veranstalten dürfen; ihre Kirchen oder Kapellen dürfen nicht nach der Straße gehen, oder sie müssen Wenigstens dafür sorgen, dass man von der Straße aus nicht die Cerenwnien des Innern sehen kannauch dürfen die Anzeigen bezüg-- lich des Gottesdienstes, des. Datums und der Stunde desselben rc., nicht direkt an der Straße angebracht sein jedoch werden sie geduldet, wenn sie sich unter einer Galerie, einem Porticus oder selbst unter den Eingongschoren befinden. So wird den Protestanten gegenüber der Arttkel 11 der Verfassung ausgelegt. Wenn diese Auslegung in Zukunft beibehalten wird, so steht der Errichtung von Synagogen, der Abhaltung des Gottesdienstes und wahrscheinlich auch der Gründung .der nöthigeu Hauptorgane zum Bestand der Gemeinden . (Gesellschaften, Comites, Zeitungen, Berichte, Schulen, Hospitäler) kein Hindernis im Wege. Wahrschein-' lich wird den Gemeinden alsdann auch das Recht des Besitzes zuerkannt werden, Geschenke und Vermächtnisse zu erhalten, sowie vor Gericht zu erscheinen. Jedoch liegen diese Fragen noch im'Unklaren, und es könnten große Schwierigkeiten darob entstehen. Das Recht, nichtkatholische Begräbnisplätze zu eröffnen, ist durch em besonderes Gesetz, garantirt. . Im Ganzen genommen bietet also die heutige Gesetzgebung einer jüdischen Einwanderung kein ernstes Hindernis, aber auch keine absolute sichere Gewähr. Die Lösung vieler Fragen, welche die Existenz der Israeliten oder ihrer Gemeinden im höchsten Grade interessirt, hängt zum größten Theil von dem Urtheil der Verwaltungs- und Gerichtsbehörden ab, und könnte wechseln je nach dem Regime. Der Text Derselben lässt der Auslegung und Willkür einen großen Spielraum. (Schluss folgt.) Meine Chronik. Gottbus, 1. Juli (Orig.-Corresp.) Ueber einen Akt echt jüdischer Barmherzigkeit und religiöser Toleranz kann ich Ihnen heute von hier berichten, um von neuem zu beweisen, dass unsere Glaubensgenossen keinen konfessionellen Unterschied kennen, wenn es sich darum handelt, Thränen zu trocknen und Trost und Hilfe zu spenden: Vor einigen Tagen ertrank hier nämlich beim Baden ein junger Mann, namens Herrsche! (evangelisch), der seit längerer Zeit im Geschäfte des Herrn W. Löwenstein Hierselbst als Commis angestellt war. Da die Eltern des verunglückten jungen Mannes mit vielen Kindern,. aber mit keinen irdischen Gütern gesegnet sind, so übernahm Hr. Löwenstein in hochherziger Weise die Sorge für ein höchst anständrges und würdevolles Begräbnis, und zwar geschah Alles auf eigene Kosten des Hr. L. Unter den ergreifenden Klängen von Trauermärschen, ausgcführt von der hies. Regim. - Musik-Capelle, bewegte sich der ernste Leichenzug, welchem u. A. Hr. Löwenst. nebst seinem Geschäfts-Personal, sowie zahlreiche jüdische Collegen und Freunde' des Hingeschiedenen, .Palmenzweige und Kränze tragend/folgten, nach, dem Friedhofe, woselbst Hr. Pastor Vierkor.n tief empfundene Worte an dem reich.mit Blumen geschmückten Sarge sprach, wobei derselbe besonders hervorhob, dass dieser Akt wahrhafter ü. reiner Menschenliebe und konfessioneller Eintracht den schwerheimgesuchten Eltern den süßesten Trost und die wohlthuendste Linderung gewähren müsse in ihrem unermesslichen Schmerz -nur den jähen Verlust ihres-, ältesten, blühenden'und hoffnungsvollen Sohnes.— Am verflossenen Sonntag feierte der hiesige Volksbildungs - Verein sein diesjähriges Sommerfest, bei welchem eine sogenannte ״Antike Ausstellung'biblischer Fragmente" ungeheuere Heiterkeit erregte. Als Cüriosum will ich Ihnen hier einige Namen von den merklvürdigsten, höchst seltenen , Gegenständen mittheilen, die Ihre geschätzten Leser vielleicht interessiren; werden. Da war-z. B. in:einer Bude n. A. zu sehen: 1. Ein halher Aermel von Josefs Leibrock, den dieser -bei der treulosen Potifera zurückließ, als dieselbe ihn zu einer Sünde verleiten wollte. 2 Eine Sprosse, von der Leiter, die unser Erzvater Jacob im Traume geschaut. 3.׳ Ansicht der großen Finsternis. 4. Ein. Ohr-. von Bileams Eselin, 0. Ein Stück vom Zahn der. Zeitz 6. Eine Rippe vom Haifisch, der den Profeten Jona verschluckt u. s.. w. — Sechs jüdische Kaufleute nebst ihren Familien, welche bisher in Warschau wohnten und daselbst blühende Geschäfte besaßen Undjetzt ׳. aus Rußland in Folge ihrer deutschen Abstammung gänzlich ausge-! wiesen wurden, reisten gestern hier durch und hielten sich in unserer Stadt längere Zeit auf, um sich von den Anstrengungen der Reise und der furchtbaren Aufregung zu erholen. Unter ihnen befand sich ein Bankier Namens Cohn, der, wie er uns erzählte, ganz besonders empfindliche und sehr schwere Verluste an Hab und Gut erlitt. Mit ihnen zusammen reisten noch 12 änsgcwiesene Deutsche, junge unverheiratete Kanfleute und noch einzelne hartbetrüffene jüdische Frauen, um in dem Laade ihrer Geburt, von neuem ihr Glück, zu versuchen, resp. bei Eltern, Verwandten oder Bekannten einstweilen ein Asyl zu suchen. Es kamen bedeutende Geldsummen unter ihnen zur Vertheilung, -welche ihnen von dem zu diesem edlen Zweck gebildeten Comitk in Warschau hierher gesandt wurden. A. Z. Krallau, 30. Juni. Gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes besuchte Kronprinz Rudolph die alte, man sagt achthundertjährige Syna'gogeKrakaus, wie auch die israelitischen Schulen. Vor der ersteren wurde er vom Cultusvorstand Mendelsburg,, dem Gemeinde-Secretär Pelikan und dreißig Beiräthen, sowie einer Schaar in faltige Talar'e gehüllten Rabbinen empfangen und ehrfurchtsvoll begrüßt. Die Synagoge ist, wie schonerwähnt, eine der ältesten, wenn nicht gar das. älteste Bauwerk der an ehrwürdigen Alterthümern so reichen Stadt. Inmitten der Vorstadt Kaziemirsz gelegen, in einer unansehnlichen,, aus winkeligen Häusern bestehenden Gasse, erhebt -sich die unförmliche, das Auge schon beim ersten Anblick frappirende Steinmasse. Ein niedererprimitiver Zaun wehrt Unberufenen den Eingang und dann muß man über eine Art Schlagbrücke schreiten, ehe man die Vorhalle erreicht. Es ist eine Art steinerne, fensterlose Veranda, mit verwitterten Mauern und holprigem Stein-Estrich, die aber heute mit bunten persischen und Sniyrnateppichen überkleidet sind. An den Wänden hängen überdies goldgestickte Thoradecken. Von hier aus trat das hohe Paar in die Halle des Gotteshauses selbst. Schmucklos zwar, aber einen tiefernsten Eindruck machend, präsenttrt sich das Innere der Synagoge durch die ekgenthümliche, dem sagenreichen Orient abgelauschte Architektur. Palmenfchlanke Säulen ragen an das Gewölbe, von dessen Gurten herrliche Florentiner Ampeln mit dem polnischen Reichsadler geschmückt, an kupferner Kette niederhängen.. In der Mitte des Gotteshauses der Almemor, ein seltsam geformter Eisenbau, fast einem gegitterten Käfig gleichend, von Blumen umrankt, von Fruchtguirlanden gekrönt. Hier war die Stelle, wo Cantor Fischer den weihevollen Festgesang anstimmte, und in die ergreifenden Töne mischte sich im Hellen Sopran ein freundlicher Chor von Kinderstimmen, welche die Volkshymne und das hohe Lied ״Gott ז segne Euch" in schöner Modulirüng sangen. Wenige Schritte, davon. erhebt sich der eigentliche Altar mit dem vielhundertjährigen Oron! hakodesch, den eine von Meisterhand gestickte uralte Decke verhüllt j und dessen Inneres den eigentlichen Schatz des Gotteshauses,. die! zahllosen Thorarollen, birgt. Das vornehmste Interesse der .hohen/- 1 Gäste erregte jedoch ein blutrother Marmorstein, welcher in hebräi- - schen Charakteren das Chronogramm 1307 trägt, .jenes Jahres, in ׳'> welchem eine furchtbare Judenhetze das Krakauer Ghettoin Blut

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