Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 18 (29.5.1887)
- Date
- 1887-05-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— S — auch die Vertauschung liegt wieder offen vor: nur ein Ungeborener kann nicht ausgelöscht werden, denn wie wäre es möglich, dass Jemand aufhörte, Sohn eines Vaters zu sein?! Dagegen hat sich im Judenthum neben dem Priesterthum und ganz unabhängig von diesem, ein Lehrberuf ausgebildet. Der Priester hat sein Amt von Gott, der Lehrer (Rabbiner, Prediger auch Cantor! Res.) von der Gemeinde,**) er hat die Befähigung zu demselben zu erwerben und zu bewahren. Im Gegensätze zu dem oben erwähnten Volksspruche kann die Gemeinde ihre Ansprüche an die Untadeligkeit des religiösen und sittlichen Wandels ihres Rabbiners u. s. w. nicht leicht zu hoch stellen. — (Das thun leider viele' Gemeinden auch nicht. Sonst könnte es nicht Vorkommen, dass in manchen Gemeinden Rabbiner, Prediger und Cantoren im Amte belassen werden, welche sich über das Religionsgesetz schon längst hinweggesetzt haben. Mir ist ein jüdischer Lehrer, Cantor und Prediger bekannt, der schon seit 12 Jahren in einem christlichen Gasthose verköstigt wird. Sollen auch solche Beamten den Priestersegen über die Gemeinde sprechen? Ref.) /Schluss folgt) **) Wenn der Staat sein ihm ohne Zweifel anstehendes Aufsichtsrecht über die religiösen Jnsrimtivuen feiner Bürger auch auf die Juden in der Weise ausdehnen will, dass er die äußeren Verhältniße der Gemeinden zu ihren Rabdinern u. f. w. regelt, fo ist dagegen nrchts einzuwenden; eS alterirt das oben Gesagte nicht, denn ein Eingreifen in die in nere n Verhältniße, in Lehre und .Gesetz der Religionen, nimmt der Staat nach den heute ziemlich allgemein zur Geltung gelangten Anschauungen überall nicht mehr in Anspruch. Kleine Chronik. Wien, 26. Mai. Im Seelsorge - Amte des Rabbiner Dr. Güdemaun fand gestern eine Zeremonie des Glaubenswechsels statt, die schon mit Rücksicht aus die Persönlichkeit, welche sich in den israelitischen Religionsverband aufnehmen ließ, erwähnenswerth erscheint. Es ist dies eine junge ungarische Aristokratin aus dem ältesten und angesehensten ungarischen Adel: Fräulein Melanie v. Blaskovics. Die wegen ihres WohÜhätigkeitssinnes und ihres edlen, humanen Wirkens allgemein. verehrte Gemalin des Herrenhausmitgliedes Baron Moriz Königswarter, Frau Baronin Königswarter, stand der jungen Dame, welche beim genannten Seelsorger Unterricht genommen, gleichsam als Pathin zur Seite. Wie wir schon gemeldet, findet am 31. d. M. die Vermälung des Fräuleins von Blaskovics mit dem ältesten Sohne des Barons Moriz Königswarter, mit dein Baron Hermann Königswarter, statt. Dieser Herzensbund beweist auf's Neue, dass die Poesie noch nicht ganz von der Erde geschwunden und sich über conventionelle und ähnliche Bedenken leicht hinwegsetzt. Baron Hermann Königswarter hat die letzten zwei Jahre auf einen! Königswarter'schen Landgnte in der Nähe von Großlvardein verbracht. Das betreffende Gut wird von. einem Neffen des Baron Moriz Königswarter bewirthschastet, einen gewesenen Kavallerieoffizier, Herrn Werthheimstein, der vor Jahren in Großwardein in Garnison lag und später die Tochter eines bekannten Arztes, Dr. Friedrich Groß, heiratete. Hier lernte Baron Königswarter Fräulein von Blaskovics kennen, deren Vater zu deu hervorragendsten Dignitären der ganzen Gegend zählt. Die Vermälung soll, wie wir vernehmen, ohne jeden Prunk vor sich gehen und wird das neuvermälte Paar sofort nach der im Palais stattfindenden Trauung sich auf das Königswarter'sche Schloß Schebetau in Mähren begeben, um daselbst den Sommer zu verbringen. Wie«. Sonntag den 22. d. M. fand im Saale der israelitischen Eultusgeineinde, 1. Seitenstettengasse 4, die Generalversammlung der ״Israelitischen Allianz zu Wien" statt. Dieselbe gestaltete sich Heuer etwas lebhafter als Ln den Vorjahren. Nachdem der erste Viceprasident, Herr David Ritter von Guttmann, in warmen Worten der im Laufe dieses Vereinsjahres dahingeschiedenen Mitglieder, unter diesen besonders des dahingeschiedenen Präsidenten, Josef Ritter v. Wertheimer, gedacht hatte, wurde der Rechenschaftsbericht, zur Verlesung gebracht. Hieran schloßen-sich mehrere Interpellationen, die zu entschiedenerer Stellungnahme gegen den Antisemitismus auffor-׳ derten. — In den Vorstand wurden mit vierjähriger Functionsdauer die Herren David Ritter v. Guttmann, Dr. H- Grünbaum, Dr. M. Güdemann, A. L. Löwy, I. M. Ritter v. Pfeiffer, und mit einjähriger Functionsdauer die Herren Jgn. Weiß und F. Singer gewählt. 15 ausscheidende Mitglieder des Beirathes wurden mit Acclamation wieder- und die Herren Wilh. Ritter v. Guttinann, Regierungsrath Ritter von Hahn, Max Th. Schiff, Dr. Arnold Rappaport und Giacomo Zerkowitz (Triest) neügewählt. Wien. Seit einiger Zeit werden die Collegen und zahlreiche Private in Wien von einem Individuum belästigt, welches unter Vorweisung einer Visitkarte: ״Marcus Weiß, Cantor und Schächter brodlos" dieselben um eine Unterstützung angeht. Nach den von uns eingeholten Informationen, die durch ein Geständnis des Marcus Weiß bestätigt wurden, ist derselbe niemals Cantor gewesen und hat sich diesen Titel nur beigelegt, un! desto leichter namentlich bei Collegen eine Unterstützung zu finden. Hierauf machen wir die geehrten Leser unseres Blattes aufmerksam, damit sie in Zukunft von diesem Manne nicht irregeführt werden. ־ Aoöosih, 23. Mai. Am 4. d. M. wurde die israelit. Cultusgemeinde zu Lobositz durch den Verlust eines ihrer edelsten und hochangesehensten Mitglieder in tiefe Trauer versetzt. Herr Michael Gl äßner, Chef der rühmlichst bekannten kaufmännischen Großhandlunnsfirma ״Michael Gläßner & Söhne," der' erste jüdische Bürger der Stadt Lobositz, ist von der Vorsehung aus diesem Leben abberufen worden. Er starb in hohem Greisenalter, beweint und betrauert von allen, die ihn und seine Bedeutung, welche er sich durch seine Verdienste um seine Mitmenschen, durch seine Leutseligkeit und Humanität erworben hatte, kannten N״3״L״/N I. Baum, Reichenau. Wien. Ueber das Schicksal des Ehepaares Emil und Jda Dessauer aus Wien, welches, wie befürchtet wird, beim Brande der Opern comique in Paris verunglückt ist, liegen folgende Nachrichten vor: Herr Adolph Dessauer, Direktor der Depositenbank und Bruder des Abgängigen, begab sich gestern Nachmittags mit dem Orient-Expreßzug der Westbahn nach Paris, um sich dort von dem Schicksal des Ehepaares Gewissheit zu verschaffen. In Wien sindbisher zwei Nachrichten eingetroffen, welche telegraphisch mittheilcn, dass das Ehepar in der komischen Oper gewesen und bisher nicht wieder gesehen worden sei. Die andere Nachricht, von dem Direktor des Hotels, in welchem das Ehepaar logirt hatte, besagt, dass sich Emil und Jda Dessauer am Tage des Brandes mit der Angabe entfernt haben, in's Theater zu gehen und bis 26. 11 Uhr Vormittags noch nicht znrückgekehrt seien. Emil Dessauer ist seit ungefähr sechs Jahren mit Jda, geb. Mach, verheiratet. Der Ehe entsprossen drei Kinder, zwei Mädchen und ein Knabe, im Alter von ein bis fünf Jahren. Seit Jahren war es der Lieblingswnnsch der Frau Dessauer, eine Reise nach Paris zu unternehmen, doch stets konnte das Project wegen hindernder Umstände nicht ausgesührt werden. Vor vierzehn Tagen übersiedelte die Familie in die Villa des Schwiegervaters Tessauer's nach Weidling und bald darauf trat das Ehepaar seine Vcrguüguugsreise an, deren Endziel Paris war. Herr Emil Dessauer war eine in Wien ziemlich bekannte Persönlichkeit. Er hinkte auf einem Fuß und dürfte in Folge dieses Umstandes nicht in der Lage gewesen sein, sich rechtzeitig zu retten, und dieser Umstand würde auch den Tod der Frau Dessauer erklären, welche ihren Gatten dem Schicksale wohl nicht allein überlassen wollte. H>rejßört?g Donnerstag den 26. d. M. fand vor dem Hause des Kaufmanns Jellinek ein Exzess statt, welcher dadurch entstanden war dass Jellinek sich mit der Magd Antonie Bugits einen unzeitigen Scherz, erlaubte, worauf diese einem Gastwirthe erzählte, Jellinek habe sie abschlachten wollen, was von dem Gastwirthe wieder weitererzählt wurde. Es kam in Folge dessen zu Ansammlungen, vor dem Hause Jellineks, welche bis 11 Uhr Nachts andauerten. Stadthauptmann Koszehuba, Bürgermeister Mergel und Polizei- Kommissär Kutschers intervenirten. Die Polizeiwache erwies sich als unzulänglich. Es musste eine Compagnie der Kadetenschule und eine halbe Kompagnie des 72. Infanterie-Regiments herangezogen werden, welche mit gefälltem Bajonnet den Platz säuberten. Wachinspektor