Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1887)
- Date
- 1887-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453087-3453091--2011-3456213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
© kmkischcn ifrael. Gemeinde, Herr D. L. Nviter, Cantor am Taubstummeninstitule, Herr S. Hirsch, Cantor in Favoriten, Herr M. Papn, türkischer Cantor u. m. A. Auch das sonstige Publikum war ungemein zahlreich vertreten, und gaben manche hervorstechende Persönlichkeiten, wie Herr Reicher u. A. Zeugnis von der allgemeinen Beliebtheit, deren sich der Verstorbene im Leben erfreute. Nach dem ergreifenden Vorträge des Hazur tomim durch Herrn Eollegeu I. Goldstein trat Herr Rabbiner und Prediger Dr. Güdemaun vor den Sarg und hielt, anknüpfendan die Worte des diesmaligen Wocheuabschnittes ,אשירה ל*ד, einen tiefempfundenen und tiefergreifenden Nachruf, indem er die äugeführten beiden Worte, als die Lebensaufgabe des Heimgegangenen hinstellte, der nicht blos um dcS Lohnes Willen zur Verherrlichung Gottes seine Stimme erhob, sondern stets von der Bedeutung der Worre דא לפני 0י אתה #ימד durchdrungen war und auch seine Lebensaufgabe darnach einrichtete. Der verehrte Redner schilderte den Heimgegangenen als ein Muster der Pflichterfüllung» und hielt das Lebensbild des Verstorbenen allen seinen Collegeu als ein leuchtendes Vorbild zu ihrer Darnachrichtung. Sodann intonirte Obercautor Goldstein daß Joschew besesser, worauf der imposante Zug sich aus der Halle nach der Grabesstätte in Bewegung setzte. Am Grabe hielt Obercautor Singer, als Präses des österr.-ungar. Cantoren-Vereiues, folgenden Nachruf: ,Als Vorsitzender des österr.-ungar. Cantoreu-Vereines ist es meine ernste Pflicht und Aufgabe, am offenen Grabe nuferes dahinaeschiedcnen Vorstandsmitgliedes, Herrn Salomon Singer, einige Worte zu sprechen. Wer den Heimgegangenen kannte, sein zartes, mildes Wesen, seine Bescheidenheit in socialem Verkehr, seine zutrauliche Art des Lebens Mißtöne zu dämpfen, und die Unebenheiten desselben auszugleichen und stets nur dem Rechte und der Wahrheit Worte zu verleihen, der muß es empfinden, dass mit Salomon Singer ein braver, ehrlicher, biederer Mensch aus dem Leben geschieden. Wir haben cs soeben auS beredtem Munde vernommen, dass es nicht nöthig sei, einen großen Wirkungskreis im Leben einzunehmen, um sich auch in^. Leben Bedeutung zu verschaffen, und ich möchte dem nur noch hinzufügen, daß es weit schwieriger sei, im Nahmen eines kleinen Wirkungskreises sich hervorzuthun; nun denn, Du verehrter Freund, Salomon Singer, hast es krast Deiner Tüchtigkeit, Strebsamkeit, Emsigkeit und, ich muß es betonen, kraft Deiner unangetasteten Ehrlichkeit verstanden, die enge Umfriedung Deines bescheidenen Wirkungskreises zu durchbrechen, und Dir im Leben Geltung zu verschaffen. Drum wird die Art und Weise, wie Du hinieden gelebt «ud gewirkt, noch lange in unseren Herzen nachhallen, und wir werden Dir stets ein verdientes und treues Angedenken bewahren. Du standest ja so oft mit uns an offenen Gräbern, nun umstehen wir alle trauernd Dein Grab. Das ist Menschenlos. Nun ziehe ein zur ewigen Ruhe.* Sodann stimmte das Chorpersonal das Schewisi an, und die erhebende Leichenfeier war beendigt. Wien. Baron Hermann K ö u i g s w a r t e r, Sohn des bekannten HerrenhauSmitgliedeS Baron Moriz Königswarter hat sich, wie wir vernehmen, mit der Tochter des Grundbesitzers Alexander von Blakkowitz in Großwardein verlobt. Wie es verlautet, soll die Braut zur Rcligiou ihres zukünftigen Gatten übertreten und zu diesem Behufe La« österreichische Staatsbürgerrecht erwerben. Arag. Am 11. v. M. verschied hier nach langwieriger, schwerer Krankheit -er in weiten Kreisen bekannte und allgemein geachtete Privatier Herr Z. I. Pisliug im 77. Lebensjahre. Mit ihm verliert Lie Prager israel. Gemeinde einen ihrer wackersten Männer und einen der edelsten Charaktere, der nicht allein durch eine vielseitige, grüudtiche Bildung, fouderu auch durch einen über seine bescheidenen Werhältniße weit hinaus reichende», - regen Wohlthätigkeitssinn sich anszeichne'.e. In früheren Jahren als Kaufmann allgemein geachtet, lebte Herr Pieling seit säst drei Decennien in stiller Zurückgezogenheit als Privatier ausschließlich der wissenschaftlicher Forschung, die sich nicht auf jüdische Theologie und Litteratur beschränkte, sondern die auch die verschiedensten Gebiete der modernen Litteratur Deutschlands, Frankreichs und Englands umsasste. Mit einem feinen Verständnis und kritischem Sinne begabt, verfolgte er bis in die jüngste Zeit die neuesten litterarischen Producte, und viele hervorragende Schriftsteller der Neuzeit legten seinem Nltheile hohe Bedeutung bei. Mit der hohen wissenchastlichen Stellung vereinigte Herr Pisling stets eine seltene Bescheideuheit und strebte für seine Person nie eine Auszeichnung oder ein Ehrenamt an, für welches er durch Bildung und Charakter prädestinirt war, desto mehr wirkte er im Stillen für Unterstützung der Armuth, und zahlreiche arme, aber strebsame Jünglinge verdankten ihm ihre Existenz und ihre Zukunft. Ein Sohn des Verstorbenen ist der Publizist, Negierungsrath Dr. Theophil Pisling in Wien. Lemberg. Auf Anregung der Abgeordneten Dr. Goldman», Dr. Napoport und Dr. Fruchtmann haben sich zahlreiche Mitglieder deS galizischen Landtages geeinigt, das Andenken ihres jüngst ver« storbenen College» Dr. Philipp Zucker, der sich als Vertreter der Stadt Brcdy, sowie als Präsident der israelitischen CnltuSgemeinde in Lemberg mannigfache Verdienste erworben, durch eine seinen Namen führende Stiftung zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer zu ehren. Die Abgeordneten Graf Alfred Potocki, Fürst Adam Sapieha, Fürst Sanguszko, Graf Ney, Statthalter Ritter v. Zaleski und Landmarschall Graf Johann Tarnowski haben sofort für diesen Zweck namhafte Beträge gezeichnet. Mudapest, 25. Jänner. In der heutigen Sitzung ereignete sich während der Budget-Debatte eine Scene, wie sie im ungarischen Reichstag vielleicht noch nicht dagewesen. Als der bekannte Antisemit Verhovay zu sprechen begann, erhob sich die gesammte NegierungS- Partei, welche wegen Abstimmung vollzählig beisammen war, plötzlich wie ans Commaudo und verließ demonstrativ den Sitzungssaal. Die Antlsemitenpartei, welche heute durch den Abgeordneten Polony ohnedies einen sehr schlechten Tag hatte, verharrte in tiefem Schweigen, als zweihundert Abgeordrtete bei Beginn der Rede ihres ParteimitgliedeS Verhovay den Saal verließen. Auch Ministerpräsident Tisza wies die Angriffe der Antisemiten zurück, und sagte, das» die israel. Bürger Ungarns nicht zurückgestoßen werden dürfen, dass vielmehr alle Hiuderniße beseitigt werden müssen, welche einer Verschmelzung im Wege stehen (lebhafte Zustimmung); der Vorwurf kann gegen die jüdische Nace gewiss nicht erhoben werden, dass sie nicht arbeiten wollen. In allen Ausführungen bildete die Klage die Hauptnrsache^ dass das Volk im Schweiße seines Angesichtes arbeiten müsse, während" nur der Jude nichts arbeitet. Wollten wir uns nur in dieser Beziehung ein Beispiel an unseren jüdischen Mitbürgern nehmen, dann würden wir um Vieles mehr für die Erhaltung des Nationalvermögens in ungarischen Händen thun, als wir bisher gethan haben. London, 20. Jänner. Oe. W. (Katastrophe in einem jüdischen- Theater.) Ein falscher Allarmruf in einem jüdischen Theaterverein des OsteudeS von London hatte vorgestern hier eine Panik zur Folge, welche siebzehn Personen, einem Greise von siebzig Jahren und seckszehn Frauen und Kindern, das Leben kostete, indem sich die Masse von fünfhundert Flüchtigen ans einem Treppenabsatz staute. Dis Zahl der Opfer wäre noch um viele gesteigert worden, wenn nicht ein muthiger Knabe, Daniel Gilberg mit Namen, über die Köpfe des in furchtbarem'Ringen begriffenen -Menschengewühles hinweggektettert wäre und die einzige, nach d-r Gasse führende Thür erreichend, den ersten Allarm gab. Die Thürsteher sogar hatten keine Ahnung von dem, was in der Theaterhalle vorgegangeu. Da es sich in diesem Falle um einen Privatverein oder Club gehandelt, kommt dieser nicht unter die' Sicherheitsvorschristen, welche sich auf öffentliche Theater beziehen-