Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 15 (8.5.1886)
- Date
- 1886-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Obwohl die-hebräische Sprache aus dem lebendigen Verkehr längst verschwunden, obwohl sie, seitdem Israel die staatliche Selbstständigkeit verloren, in bedeutendem Maße Einbuße erlitten, und deren Entwickelung und Entfaltung, wenn auch nicht vollends gestört, doch in großem Maße gehindert worden, ist sie doch nicht in unserer Mitte ganz ausgestorben, ja sie lebt noch in fügendlicher Frische in unseren Gotteshäusern und Bote-Midraschim. Sie wird noch heutzutage in den Andachten der Synagogen als Vermittlerin benutzt, um durch sie dasjenige, was in unseren Herzenskammern schlummert, was wir schwer und tief empftnden, was unsere Brust freudig erregt, und was sie zur tiefsten Trauer herabstimmt, dem Herrn des Schicksals vorzutragen. Die Gebete, durch welche wir täglich unser Herz dem Allvater offenbaren, durch welche wir uns immer neuerdings gestärkt und gekrästigt fühlen, mittelst deren wir unserer Seele Schwungkraft und unserem Herzen Gehobenheit und Erbauung verleihen, verrichten wir in der Sprache, in welcher der Allgütige uns unser theuerftes Kleinod, die heilige Thora, verliehen, zur Zeit, als geistige Finsternis am Horizonte der Menschheit herrschte, und die moralische Verkommenheit überall, wo Menschen ihre Wohnsitze aufgeschlagen hatten, auzutressen war; in der Sprache, mit welcher die heiligen Propheten zur Zeit unseres staatlichen Lebens unsere Altvordern zü allem Guten und Erhabenen aneiferten, und, wenn sie im Schlamme der Sittenlosigkeit und des Atheismus unterzugehen nahe waren, - ihr Gewissen ausweckten; in der Sprache, mit welcher der heilige Sänger sein Inneres dem Allwissenden offenbarte, seine frohen und trüben Erlebniße in den herrlichsten und mannigfachsten Farben ausmalte, das Gottvertrauen in den markigsten Ausdrücken zeichnete und den Dank gegen den All- Vater für jede Rettung aus den vielen Gefahren und für jeden Strahl der Freude durch seiner Worte Zauber ausdrückte. In Anbetracht dieser Voraussetzungen waren unsere Nabbinen der Ansicht, dass die hebräische Sprache die einzige sei, durch welche man klar und rein-, ohne Misverständniße hervorzurufen, seine Gedanken auszudrücken vermöge, daher sie allein geeignet sei, die Gebetssprache für alle Zeiten bei den Israeliten zu bilden, obwohl sie im Talmud an sehr vielen Stellen die Vorzüge der griechischen Sprache in den anerkennendsten Ansdrücken erwähnten, ein Beweis, dass sie nicht, um particularistischen Tendenzen das Wort zu reden, die hebräische Sprache zur Gebetsspräche wählten und erhoben. Entschieden protestiren sie gegen diejenigen, welche zur Zeit des zweiten staatlichen Lebens dem isr. Volke in syrisch-chaldäischer Mundart zu beten erlauben wollten; denn diese Sprache galt, weil sie ein Conglomerat oder ein Gemengsel von syrischen, chaldäischen und hebräischen Ausdrücken enthielt, als triviale Sprache, ״Loschon Hedjot“ oder als der Dialect der unteren Volksschichte, Arne Hoarozos. Die niedere Volksclasse besaß auch eine Bibel in der syrisch-chaldäischen Sprache, deren Text sehr verstümmelt und verwahrlost war, und den die Rabbinen in keiner Weise berücksichtigten. Noch im vierten Jahrhunderte ermahnt ein Gesetzeslehrer Rabbi Jehuda, dass man in aramäischer Sprache nicht beten dürfe »לעלם אלי 1,“ישאל אדם צרכיו בלשון ארמי) weil die dienstthuenden Engel für ein solches Sprachengemengsel kein Verständnis hätten, des Betenden Sprache nichc verstehen und demzufolge auch nicht dieVermittlerrolle für ihn zur Erhörung eines solchen Gebetes bei dem Aller- Höchst-Thron enden nicht übernehmen können. »לפי שאין מלאכי 2“.השרת טקקין לו) Die Annahme, dass die Engel ihren Einfluß auf den allerhöchsten Gott ausüben, ist antimosaisch, und dennoch hat dieselbe unter den Israeliten, die in Babylonien und Persien lebten, tiefe Wurzel gefasst und wurde an deren Einstuss allgemein geglaubt, weil dies der natürliche Reflex von den Babyloniern auf die Israeliten war. Die Babylonier und Perser glaubten nämlich au verschiedene Engel, und die Angelologie wurde bei diesen Völkern zu einer Wissenschaft ausgebildet. Die Israeliten konnten sich dieses Einflußes nicht erwehren, daher schufen auch sie in ihrer Phantasie verschiedene Engel, denen sie ganz andere Namen wie die Perser verliehen; sie bildeten gewöhnlich eine y Talm. Sota 33 a. 2) Talm. Sabbat 12 b.