Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 13 (14.4.1886)
- Date
- 1886-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis I-«r Aereinsmitglieder: Ganzjährig . . .fl. s — Halbjährig ... fl. 2.so Vierteljährig י fl. 1.25 Monatlich - > - fl- —•*5 Z?ür Zkichtmitglieder: Ganzjährig ... fl. Halbjährig ... fl. Viertel;ährig . . fl. ISO Monatlich . - . fl. —.SO Jür das Ausland: tz Ganzjährig ... fl. 7.— I 12 Mark «der 8 Rubel. Organ die GesMiilt-IiiimMli südischrt Lautorell. Erscheint jeden achten Tag. Begründer: Obercantor Icrk.c»ö ZZcruer7. jBe3aeit0M Administration Wien, | II., Novaragaffe 27. 2 Inserat« werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. 13 Wien, 14. April 1886. 6. Jahrgang. Unsere Fachleitungen uni» ihce ehemalige Mustkbeilage (von W i n n a ch e k.) V. Nach dieser kleinen, aber sachlichen Abschweifung will ich zu unserem Thema wieder zurückkehren und meine Gedanken über die Nothwendigkeit und Unentbehrlichkeit einer Musikbeilage, sowie über die Art und Weise, wie dieselbe eingerichtet werden könnte, weiter entwickeln. Die allgemeinen und localen Traditionsgesänge bieten schon-an und für sich ein weitausge- ׳ dehntes Feld, auf welchem eine lebensfähige Musikbeilage zu Nutz und Frommen Aller erblühen könnte, und eine vollständige Traditionsmelodiensammlung wäre im Stande, so manche Lücke im Synagogengejange auszufüllen und so manche Leere im cantoralen Fache zu ersetzen; denn mit dem Traditionsgesange allein kann man ein ausgezeichneter und zu jeder Zeit schlagfertiger Cantor sein, der nie irgend welcher Gesänge wegen in Verlegenheit zu kommen braucht, so vollkommen und umfassend sind die Gesänge in allen beiden Riten. Um wie viel mehr würde aber die Musikbeilage gewinnen, wenn zu dem Traditionellen auch noch das Alte hinzugefügt würde? Wer von uns kennt sie nicht die herrlichen, echt jüdischen und uralten Melodien, die massenhaft vorhanden sind und noch jetzt die wunderbare Kraft besitzen, unser Herz zu rühren und unser Gemüth zur Andacht^ erheben? Wer von uns hat nicht bereits Gelegenheit gehabt, den Vortrag einer schönen und ganz alten m66ka1k61 chajim-j-uw’schoforgodol-, jaalsk-Melodie, oder Aehnliches zu vernehmen und ihre Schönheit und Melodiosität anzustaunen und zu bewundern? Nnn, solche lieblicke und zum Herzen sprechende Gesänge von alter Zeit her sind geradezu Legion. Ich selbst kann mich rühmen, eine große Anzahl zu kennen, und in jeder Gemeindesind gewiss mehr oder weniger vorzustnden. Nicht nur ihr essentieller Werth, sondern auch die Pietät erfordert es, dass wir die Products unserer Altvorderen, die Denkmäler vorzeitigen Schaffens, der ihnen drohenden Vergessenheit entreißen und ihnen eine Ehrenstätte in der synagogalen Gesangslitteratur anweisen. .1 Um darzuthun, welchen Vortheil solche ,alte Nt e l o - dien" für uns haben können, will ich nur zwei Fälle aus der cantoralen Praxis Hervorbeben. Wer weiß es nicht, welchen empsindlichen Mangel die Cantorwelt — besonders in Süddeutschland, wo Alles nur auf den Erfolg des ,Schluss-LIaddigek"׳ ankommt — beim Herannahen der Festtage an .guten" 8illuk- Kaddeschim erleiden muss? Welche Verlegenheit dann und welche Nathl osigkeit um eine schöne, oder wenigstens ziemlich annehmbare ,8i!1uk Laddi86k"-Melodie? Ebenso ist's mit dem sogenannten ,Schüttel-klodu" für das Sukkosfest. Nun, ich versichere, dass gerade diese beiden und ähnliche nothwendigs Piecen am besten und schönsten im Fache der alten Melodien vertreten sind- Als Beweis hiesür will ich den alten Münchener Silluk-Kaddisch. anführen, der in den ,Münchener Gesängen* (3. Lieferung, Nr. 54) Aufnahme gefunden hat und später in Baer's ״Baal t’philla“ (Nr. 1256) in transponirter Tonart übergegangen iftj; ferner den altmelodischen ,Hodu TSukkos“, derzu erst in der Gemeinde zu Stolpi (Pommern) sich eingebürgert hat und im dortigen Gemeinde-Gesangsbuche (Manuscript) eingetragen ist und sich ebenfalls im Baer'schen Wecke (Nr. 816 a) vorfindet. — Von letzterer Melodie wird sogar behauptet, dass sie von Neb Davidl Brod, dem einstmaligen Pester Obercantor, stammen soll. Das sind Gesänge, mit welchen der Cantor jederzeit vor seine Gemeinde treten darf und wobei er des schönsten Erfolges sicher sein kann. Aber ebensolcher singbarer und melodienreicher Piecen aus uralten Zeiten gibt es sehr viele— man muss sie nur aufznsuchen wissen — und wäre es wahrlich jammerschade, wenn wir dieselben, trotz der Leichtigkeit, mit der sie zu sammeln wären, dem gewissen Untergange weihen wollten. Auf dieser dreifachen Grundlage ließe sich also ein prächtiger, starker und unerschütterlicher Bau aufführen zur dauerhaften Werkstätte für eine permanente Musikbrilage; ein Bau, an welchem nicht lauter Meister und Bankünstler zu arbeiten brauchten, sondern wo jeder beigefügte Stein zur Vollendung des Ganzen beitragen könnte; denn ein Werk, das für die Allgeineinheit bestimmt ist, kann den allgemeinen Bedürfnißsn nur dann entsprechen, wenn es aus der Allgemeinheit hervorging und nicht das ausschließliche Product eines Einzelnen ist. Allgemeine