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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-02-09 · Heft 5 (9.2.1886) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 5 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumcrations-Preis Kür Kereinsmitglicder: Ganzjädrig - - st- 5.— Halbjährig ... st. 2.50 Äierteljährig - - fl. 1-LS Monatlich - - . . st- —•45 . Kür ZttchlmilgNeder: Ganzjährig 1 - . st- K — Halbjährig . . . st. 3.— Viertellährig . . st- 1-50 Monatlich . . . fl. —•50 Kür das Kuskand: Ganzjährig ... fl. 7.— 12 Mark oder 6 Rubel. ן O 1• «: a 11 ' ftenncttan fiir die OeZM1mt-I11tm.M11 jüdischer Oalitoreu. Adrrrinjstrneion Erscheint jeden achten Hag. II., Novarngnsse 27. . Begründer: Odereaulor Icrkob Mcruev. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht rerournirc. Nr. 5 Wien, 9. Februar 1886. 6. Jahrgang. - ■ —^-—: - Mendelssohn und der Gottesdienst. Am 4. Jänner l. I. wurde fast in allen jüdischen Gottes- Häusern der hundertjährige Todestag des unvergesslichen Mos. Mendelssohns aus pietätsvoller Hochachtung gefeiert. Er wurde in den Festpredigten als Humanitätsapostel des 18. Jahr- Hunderts, als Musterbild. ^der geläuterten Aufklärung, der Duldung und der Wahrh'eit, alDHeld der Glaubens- und Ge- Wissensfreiheit, als Populärphikosoph, welcher mit einer seltenen Geistesklarheit das schärfste und kritischeste Urtheil in sich vereinigte, als Schriftsteller, dessen klystalbeller Styl noch für unsere Gegenwart matzgebendist, als Uebersetzer der Thora und Psalmen, mithin als vorzüglicher Lehrer der deutschen Sprache bei seinen Glaubensgenossen endlich als Regenerator einer neuen Aera der Cultur, die in der geistigen Wüste, wo die Bildung ihre reichen Segnungen noch nicht ausgegossen hatte, wo des Geistes und Herzens himmlische Rosen noch nicht blühten, neue Bahnen ebnete, in farbigen Bildern gezeichnet und als ein Mann 12 שהכל skizzirt. Ich will in diesem, dem geläuterten Gottesdienste gewidmeten Blatte in Andenken bringen, wie der Geist Mendelssohns auf den Gottesdienst inflüirte, und welchen Einfluss die von Mendelssohn in's Leben gerufene Cultur auf den Cultuß ausübte. Das Andenken solcher verdienstvoller Menschen bleibt nicht blos zum Segen für die Mitwelt, sondern es spendet auch Segen fort und fort für die kommenden Jahrhunderte. Es ist eine unbestreitbare Wahrheit, dass der Gottesdienst den Typus der »Zeit, an sich tragen und mit, der Gegenwart in Einklang gebracht werden muss, wenn das Gemüth in andächtigem Ergüße zum Schöpfer des Alles sich erheben soll. Nach dem Standpunkte der Cultur. den Begriffen und Vorstellungen von Gott und Vorsehung bildete sich daher zu allen Zeiten und bei allen Völkern die Gottesverehrung und die dazu gehörige Form der Riten. Mit dem Prophetismus entwickelten sich erst reinere Ideen von Gottesverehrung und je mehr die Israeliten an Erkenntnis Zunahmen, desto mehr verlor sich das Ansehen des Opferdienstes . und Gebete traten an die Stelle der blutigen- Opfer. —^ C u l tur und/ Cultus waren stets Zwillingsbrüder, und wie schön und lieblich ist es, w e n n d i e B r ü d e r z u s a m m e nwirken. Zur Zeit Mendelssohns war der Gottesdienst noch ein ungeregelter, ungeformter, ein 80hl und Wohu, und wenn auch Mendelssohn einen ästhetischen Sinn im ausgedehnten Maße besaß, so vermied er doch jeden Eingriff in die gottesdienstlichen Bräuche und Formen, selbst wenn er solche als Misbräuche und Entstellungen ansehen musste; er wollte nicht bei dem starren und fanatischen Rabbinismus, der in seiner Zeit schaltete, als Reformator gelten, er stand in re igiöser Beziehung auf der Scholle, die ihn erzeugt, und Neuerungen anzustreben, kam ihm nie in den Sinn. Erstens war seine Gemülhsart nicht für die Neuerungen und zweitens vermied er jede reformatorische Beftrebung aus Klugheit nur, dass er nicht als Ketzer verschrieen werde, was seiner Uebersetzung der Bibel vielmehr den hohen Zwecken, die er damit verfolgte, noch mehr geschadet hätte. Dass der weise Mendelssohn gerne mit Gesang betete, er» hellt aus einem Briefe, den er noch 8 Tage vor seinem Tode — am 27. December 1785 an feine Freundin, Softe Becker geschrieben. Er schrieb: ,Sie sagen, der Weltweise bete nichts wenigstens nicht laut, nicht mit Gesang, sondern höchstens im. Gedanken. Beste Softe! wenn seine Stunde kommt und er zum Beten gestimmt ist, jo wird ec wider seinen Willen in Wort und Gesang ausbrechen. Der gemeinste Mensch, dünkt mich, singt nicht, dass Gott ihn höre und an seinen Melodien Gefallen finde. Wir singen unserthalben; und das thut der Weise so gut als der Thor. Haben Sie die Psalmen je in dieser Absicht gelesen? Mich dünkt, viele Psalmen sind von der Art, dass sie von den aufgeklärtesten Menschen mit wahrer Erbauung gesungen werden müssen. So ist viel gewiss, mir haben die Psalmen manche bittere Stimme versüßt; und ich bete und singe sie, so oft ich ein Bedürfnis zu beten und zu fingen in mir verspüre. *) Auch war Mendelssohn der erste deutsche Jude, welcher deutsche Predigten für gottesdienstliche Zwecke geschrieben hat. *) Ges. Schriften L. V>, S. 649.

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